Der Schüler

Originaltitel
The Disciple
Land
Jahr
2020
Laufzeit
127 min
Genre
Release Date
Streaming
Bewertung
9
9/10
von Matthias Kastl / 4. Mai 2021

Du kannst alles erreichen, wenn du nur an dich glaubst. Mit dieser Botschaft im Rücken haben sich in Hollywoodfilmen schon zahlreiche Protagonisten ihre ganz großen Träume erfüllt. Was passiert aber eigentlich, wenn man trotz vollem Einsatz die ganze Zeit weiter auf der Stelle tritt? Klingt auf jeden Fall nicht nach bewegendem Kino. Doch genau das wird es in den Händen des jungen indischen Regisseurs Chaitanya Tamhane. Mit unglaublicher Liebe zum Detail, traumhaften Bildern, einfühlsamer Charakterzeichnung und einem entspannt-hypnotischen Flow zeichnet „Der Schüler“ ein faszinierendes Bild eines stagnierenden Künstlers, dessen Schicksal anderen Filmen nicht einmal eine Randnotiz wert wäre.

Die Leidenschaft für die Sangeskunst wurde Sharad Nerulkar (Aditya Modak) dabei eigentlich in die Wiege gelegt. Angestachelt vom Enthusiasmus seines Vaters (Kiran Yadnyopavit), einem Experten für klassische indische Musik, hat sich Sharad schon in der Jugend einem einzigen großen Ziel verschrieben: er möchte einer der berühmtesten Sänger seines Landes werden. Dazu tritt Sharad nicht nur in den Dienst eines bekannten Gurus (Arun Dravid), der ihn im klassischen indischen Gesang unterrichtet. Er lauscht auch bewundernd den Tonbandaufnahmen der alten Meisterin Maii (Sumitra Bhave), die in blumigen Worten über den perfekten Gesang philosophiert. Leider stellt sich die Umsetzung des Ganzen in der Praxis aber als deutlich schwieriger heraus und Sharad beginnt langsam an der Situation zu verzweifeln.

Für viele mag diese Inhaltsangabe auf den ersten Blick nicht unbedingt einladend wirken. Mit klassischer indischer Musik können nur wenige von uns in Europa etwas anfangen und irgendwie klingt das doch sehr nach zu abgehobenem Arthouse-Kino. Dass „Der Schüler“ auf Netflix nur im Originalton angeboten wird dürfte die Zielgruppe noch weiter auf ein Minimum reduzieren. Zeit hier einmal ganz laut „Entwarnung“ zu rufen, denn „Der Schüler“ ist nicht nur ein sehr zugänglicher, sondern vor allem wundervoller Film geworden, in dem viele von uns sich wiederentdecken dürften.  

Zugegeben, der klassische indische Gesang ist für westliche Ohren durchaus gewöhnungsbedürftig. Was es im Film stellenweise auch etwas schwierig macht, die Qualitätsunterschiede zwischen unterschiedlichen Musikeinlagen wirklich richtig einschätzen zu können. Ist aber am Ende komplett egal. Denn hier geht es um etwas viel universelleres, nämlich um die Leidenschaften und Träume, die uns als Menschen antreiben. Hier stellvertretend gezeigt am Beispiel von Sharad, den wir vom Kindesalter bis in dessen 40er bei dem Streben nach der Erfüllung des großen Lebenstraums begleiten. Dabei hält sich der Film nicht mit unnötigen Nebenplots auf, schließlich zählt ja auch für Sharad nichts anderes als die Musik. So wird also entweder fleißig geübt, aufgetreten oder mit anderen über klassische indische Musik diskutiert. Und selbst auf der abendlichen Heimfahrt mit dem Motorrad bildet sich Sharad mit der Hilfe von alten Audioaufzeichnungen weiter.


Keine Frage, dieser Mann brennt für seinen Traum. Was die Tatsache, dass er bei seinen Auftritten und mit seiner Gesangstechnik nicht so wirklich vorankommen will, natürlich umso tragischer macht. Jedes weitere Jahr Stagnation lässt das Ziel von Sharad etwas weiter in die Ferne rücken, doch dieser klammert sich weiterhin an den Glauben, doch zu Höherem bestimmt zu sein. Und während Stück für Stück die Luft aus Sharads Traum entweicht, beginnt der Film ganz vorsichtig das Streben und das Selbstbild von Sharad kritisch zu hinterfragen – und dekonstruiert nebenbei auch noch dessen romantisierten Idole und die Selbstverliebtheit einer ganzen Branche.

Das ist kein angenehmer Prozess und gerade im letzten Drittel erwarten den Zuschauer einige Szenen, die wirklich ans Herz gehen. Dass dem so ist liegt auch an Hauptdarsteller Aditya Modak, dem mit der Darstellung von Sharad eine charmante Mischung aus leichtfüßigem Träumer und besessenem Nerd gelingt. Zu leicht hätte diese Figur abgehoben wirken können, doch Modak schafft es sein Alter Ego auf sympathische Weise immer am Boden zu halten. Doch der wirkliche Star dieses Films ist hinter der Kamera zu finden.

Als Regisseur und Autor in Personalunion ist es nämlich Chaitanya Tamhane, dem hier das größte Lob gebührt. Einmal für das einfühlsame und clevere Drehbuch, das sich mit einer Mischung aus Verständnis, Liebe und Schonungslosigkeit mit der Sehnsucht Sharads nach dem großen Durchbruch auseinandersetzt. Es ist aber vor allem die Inszenierung, die begeistert und bei der man gar nicht glauben kann, dass der junge Mann hier erst seinen zweiten Spielfilm hinlegt. Gefördert wird er dabei übrigens von niemand Geringerem als Alfonso Cuarón („Roma“, „Children of Men“), der hier als Produzent agiert und bereits schon von Tamhanes Erstlingswerk vollkommen begeistert war.

Eine Begeisterung, die man angesichts dieser in jeder Hinsicht perfekten Inszenierung leicht nachvollziehen kann. Tamhane gelingt es einen schon fast hypnotisierenden Flow zu etablieren, der passend zur Motivation der Hauptfigur dem ganzen Geschehen etwas sehr Traumhaftes und Magisches verleiht. Dafür arbeitet er mit sehr wenigen Schnitten, nutzt die Beleuchtung und Bildkomposition um selbst alltägliche Locations wie Gemälde wirken zu lassen und verleiht dem Ganzen durch den immer wiederkehrenden Einsatz von Slow-Motion einen schon fast meditativen Charakter. Das alles wirkt so unglaublich souverän und leichtfüßig, dass man einfach nur den Hut vor dem gerade einmal 34jährigen Filmemacher ziehen muss.

So gelingen dem Film viele kleine poetische Momente, wie zum Beispiel Sharads kurze aber intensive Begegnung mit einer Werbetafel oder dessen nächtliche Fahrten auf dem Motorrad durch Mumbai, bei denen dieser gefühlt durch die Stadt zu schweben scheint. Sharad ist eben in seiner eigenen kleinen Traumwelt. So greift die Inszenierung auf wundervolle Weise die Träume und Hoffnungen der Hauptfigur auf. Träume gehen aber eben nicht immer in Erfüllung und das Streben nach Erfolg ist eben nicht so einfach wie es manche Castingshows gerne darstellen. Auch das greift der Film auf, indem er Sharad immer wieder mit der rasanten Erfolgsgeschichte einer Castingshow-Teilnehmerin konfrontiert. Einige der wenigen Momente, in denen "Der Schüler" seine Botschaft ein klein bisschen zu plump platziert.

Am Ende bleibt aber ein unglaublich eindrücklicher Film, dessen tragisch-liebevolle Auseinandersetzung mit den unerfüllten Sehnsüchten und Träumen von uns Menschen viele Zuschauer berühren dürfte. Schließlich haben wir alle ja einmal schmerzhaft einsehen müssen, dass wir bei etwas einfach nicht so gut sind wie wir vielleicht dachten. Und irgendwie hat es etwas sehr versöhnliches, Stagnation und Scheitern auch einmal so poetisch umgesetzt in einem Film zu sehen. Ein Hoch auf alle unerfüllten Träume...

Bilder: Copyright

3
3/10

Entgegen der Einschätzung in der Kritik muß ich meinerseits leider eine deutliche „Warnung” ausrufen was diesen Film anbelangt.

Ich würde mich nun nicht als völlig verbohrte Kartoffel sehen die keinerlei Offenheit zu anderen Kulturen mitbringt. Aber auf der Tonspur der Hälfte des Films lediglich Aaaaaaah-aaaah-aaaaaaaaaah-jaaaaaaaaah-aaaaaaaaaaahjaaaaaaaaah-ahjaaaaaaaaah-aaaaaah-aaaah-aaaaaaaaaah-jaaaaaaaaah-aaaaaaaaaaahjaaaaaaaaah-ahjaaaaaaaaah zu hören scheint mir für westliche Ohren nun wirklich eine Herausforderung zu sein der nicht jede/r gewachsen sein mag (die in diesem Film zu Gehör gebrachte Musik scheint ja selbst in Indien ein absolutes Nischendasein zu führen und nicht mehr allzu viele Fans zu haben).

Aber was soll ich sagen: ich war tapfer und habe bis zum Schluß durchgehalten. In der Hoffnung, daß sich mir die Lobpreisungen auf diesen Film doch noch irgendwann erschließen mögen. Die Hoffnung trog.

Wirklich ein Großteil des Films besteht aus Gesangswettbewerbsveranstaltungen und die paar dazwischen eingestreuten anderen Szenen wußten dann auch keinen erzählerischen Sog mehr bei mir zu entfachen.

Was auch immer der von mir sehr geschätzte Alfonso Cuarón an diesem Regisseur und diesem Werk finden mag entzieht sich mir leider.

Gerne wäre ich zu einem anderen Urteil gekommen, denn grundsätzlich bin ich den allermeisten Filmen jenseits des Mainstreams eher zugeneigt und freue mich, wenn es auf dieser Plattform entsprechende Empfehlungen gibt.

Dieses mal dann doch zu nischig für mich.

Hurz.

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