Cherry - Das Ende aller Unschuld

Originaltitel
Cherry
Land
Jahr
2021
Laufzeit
142 min
Genre
Release Date
Streaming
Bewertung
7
7/10
von Matthias Kastl / 9. März 2021

Großes Blockbusterkino zu inszenieren kann ganz schön stressig sein. Nicht wenige Regisseure schnaufen nach solchen Megaproduktionen gerne einmal kräftig durch und widmen sich kleineren Projekten. Dass die Brüder Anthony und Joe Russo (“Avengers: Infinity War“, “Avengers: Endgame“) aber auch für ihren Ausflug ins Charakterkino durchaus die Herausforderung suchen, zeigt alleine schon die Wahl ihrer Buchvorlage.

Mit dem autobiografischen Roman „Cherry“ wagte sich Nico Walker 2018 mit der Opioid-Epidemie und den posttraumatischen Stress-Syndromen von Kriegsveteranen nämlich gleich an zwei ganz heiße Eisen der US-Gesellschaft. Mit einer gut aufgelegten Besetzung und einer sehr stylischen Inszenierung gelingt den Russo-Brüdern auch eine wirklich kurzweilige filmische Umsetzung. Gleichzeitig ist aber auch deutlich spürbar, dass der Film tonal etwas inkonsistent daherkommt und einfach zu viel interessanten Inhalt in zu wenig Zeit packen muss.

 

Zu Beginn des Films ist das Leben des jungen Cherry (Tom Holland, „Spider Man: Homecoming“) eigentlich noch in Ordnung. Frisch verliebt genießt er die Zeit mit seiner großen Liebe Emilia (Ciara Bravo). Als diese aber völlig aus dem Nichts mit ihm Schluss macht, fällt Cherry in eine tiefe Sinnkrise und heuert spontan beim US-Militär an. Eine fatale Entscheidung, denn Emilia möchte auf einmal doch wieder mit ihm zusammen sein, doch Cherry muss direkt seinen Dienst im Irak antreten. Ein Kriegseinsatz, der Cherry gebrochen zurückkehren lässt und dessen Nachwehen für beider Leben dramatische Konsequenzen haben werden.

Über eine dünne Geschichte darf man sich bei „Cherry“ wahrlich nicht beschweren. Los geht es mit ein wenig Teenagerromanze, gefolgt von einer intensiven Portion Kriegsfilm, bevor der Film dann in ein Drogendrama abdriftet und das alles noch mit einer Prise Kleingangsterklamotte garniert. Das muss man erst mal alles in einem Film unterbringen, und so verwundert es nicht, dass die Macher mit 142 Minuten deutlich in die Verlängerung gehen. Um dem Zuschauer etwas Halt zu geben werden dabei die einzelnen Passagen, wie auch im Buch, fein säuberlich in mehrere nach Thema unterteilte Kapitel gepackt. Wovon jedes Cherrys Leben mit Inbrunst in eine komplett neue Bahn befördert, die meistens nur eine Richtung kennt: abwärts.

 

„Cherry“ ist die Geschichte eines Menschen, der vom Leben spürbar überfordert ist und ziellos von einem negativen Abenteuer ins nächste stolpert. Die Geschichte fühlt sich teilweise wie der depressive Gegenentwurf von „Forrest Gump“ an, bei dem eine naive Hauptfigur einfach jede Facette der dunklen Seite des American Dream durchmachen muss. Und auch hier ist der einzig wirklich fixe Anker der Hauptfigur die große Liebe. Mit dem kleinen Haken, dass Cherry seine Emilia mit in den Abgrund zieht.

Das der Film trotz dieser deprimierenden Story nie wirklich zu richtig schwerer Kost avanciert, ist der abwechslungsreichen Inszenierung zu verdanken. Wobei die, wie wir später sehen werden, auch ein etwas zweischneidiges Schwert ist. Eine Sache ist aber klar, die Russo-Brüder legen sich wirklich mit Leidenschaft ins Zeug. Da wird schon einmal munter das Filmformat gewechselt oder im Stil von “Schindlers Liste“ mit Schwarz-Weiß und gezielten Farbtupfern gearbeitet. Weitere Auflockerung erhält der Film durch das regelmäßige Durchbrechen der vierten Wand, bei der unsere Hauptfigur sich oft mit ironischem Unterton immer wieder direkt an die Zuschauer wendet. Dazu gibt es auch viele kleine visuelle Gags. So stattet man den behandelnden Arzt von Cherry mit dem Namensschild „Dr. Whomever“ aus oder verpasst jeder Bank, die Cherry später im Drogenrausch überfällt, einen neuen witzigen Fake-Namen.

Schwungvolle Kamerafahrten, nette kleine Montagen, ein teilweise psychedelischer Soundtrack – in „Cherry“ wird in Sachen Inszenierung einfach aus allen Rohren geschossen. Und das ist auch alles handwerklich richtig gut und macht den Film zu einer wirklich sehr kurzweiligen und optisch immer interessanten Angelegenheit. Aber es ist eben auch ein wenig kontraproduktiv, was die emotionalen Auswirkungen der Geschichte auf das Publikum angeht. Dadurch, dass der Film relativ “effekthaschend“ inszeniert ist und immer wieder etwas Ironie mit reinbringt, gehen einem manche Szenen nicht so nahe wie sie eigentlich könnten. Ein gutes Beispiel ist hier das Kriegskapitel, bei dem sich durch den leichten „Full Metal Jacket“-Vibe und die Hochglanzoptik alles irgendwie ein klein wenig zu distanziert anfühlt.

 

Wobei die Problematik hier auch darin liegt, dass der Film nie so richtig einen konsequenten Ton findet und manchmal schon fast etwas abrupt von dramatischen zu ironischen Szenen wechselt. Wenn eine Figur zum Beispiel auf dramatische Art und Weise mit dem Tod ringt, geht einem das zwar in der Szene selbst richtig nahe, hat aber emotional keine sehr nachhaltige Wirkung, da der Film sich kurz darauf schon fast humorvoll wieder Cherrys inkompetent ausgeführten Verbrechen widmet. Für sich genommen funktionieren viele solcher Szenen wirklich gut, in der Kombination fehlt aber irgendwie etwas Verbindendes dazwischen.

Generell ist der Zeitfaktor wohl der größte Gegenspieler des Films. So kann die Auseinandersetzung mit den vielen sehr emotionalen und komplexen Themen alleine schon aufgrund des Zeitdrucks gefühlt nur an der Oberfläche dieser und unserer Charaktere kratzen – es steht ja schon immer gleich das nächste große Thema in Lauerstellung. So bleibt nicht viel Zeit, um die posttraumatische Belastungsstörung von Cherry genauer unter die Lupe zu nehmen, da der Film den Fokus sehr schnell schon stärker auf dessen Drogenmissbrauch und kreativen Geldbeschaffungsmaßnahmen legt. „Cherry“ jongliert mit so vielen Bällen gleichzeitig, dass keiner so richtig hochfliegt und man alles gefühlt schon mal intensiver und besser woanders gesehen hat. Eben in Filmen, die sich dem jeweiligen Thema und einer einheitlichen Tonart konsequenter verschrieben haben.

 

Doch auch viele tieffliegende Bälle können durchaus interessant sein und es liegt dann auch an den Darstellern, dass man dem Treiben irgendwie doch gerne zuschaut. Wobei es bei der Sprunghaftigkeit der Themen für diese ja fast einer Sisyphusaufgabe gleichkommt, ihre Charaktere wirklich emotional dicht an das Publikum heranzurücken. Glücklicherweise gelingt ihnen das trotzdem noch ziemlich erfolgreich, denn die Chemie zwischen dem intensiv spielenden Tom Holland und der charismatischen Ciara Bravo stimmt einfach.

Immer wieder gelingen dem Film vor allem dank dieser beiden Darsteller durchaus intensive Momente, die aber aus den angesprochenen Gründen am Ende eben nicht so richtig nachhallen wollen. „Cherry“ ist angesichts der Länge am Ende so zwar eine überraschend kurzweilige und auch immer interessante Angelegenheit geworden. Aber vielleicht hätte es Anthony und Joe Russo doch gut getan, nach den Marvel-Filmen noch etwas kräftiger durchzuschnaufen, um sich mit noch mehr Ruhe und vor allem einem klareren Fokus dieser inhaltlichen Herkulesaufgabe zu widmen. 

Bilder: Copyright

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