Barbarian

Land
Jahr
2022
Laufzeit
102 min
Genre
Regie
Release Date
Streaming
Bewertung
8
8/10
von Simon Staake / 26. Dezember 2022

Es ist der Albtraum eines jeden AirBnB-Kunden, besonders wenn man wie Tess (Georgina Campbell) eine alleinstehende Frau ist, die spätabends bei ihrer reservierten Herberge ankommt: der Schlüssel in der Box fehlt, und das aus gutem Grund. Die Tür öffnet Keith (Bill Skarsgard), ein junger Mann, der auf einer Konkurrenzseite das selbe Haus zur selben Zeit gemietet hat. Nachdem Tess partout kein anderes Quartier findet, arrangiert sie sich mit der Situation und geht auf Keiths Angebot ein, sich für die Nacht das Haus zu teilen. Aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Kann sie Keith vertrauen? Und hatte sie nicht zur Nacht ihre Zimmertür verschlossen, die nun mysteriös offen steht? Das AirBnB-Häuschen – das übrigens dem Hollywoodstar AJ (Justin Long) gehört, der auf der anderen Seite des Kontinents gerade ein „Me Too“-Problem hat – hat seine Geheimnisse noch nicht enthüllt. Und einige dieser Enthüllungen könnten tödlich enden...

„Barbarian“ ist das russische Matroschka-Püppchen des Horrorgenres. Immer wenn man eines der Püppchen lang genug studiert hat und denkt, dass man weiß, wo es langgeht, öffnet sich die Puppe und eine ganz andere steckt drinnen. Das ist für ein überraschendes und originelles Filmerlebnis natürlich perfekt, stellt aber den Rezensenten natürlich vor das Problem, dass er eigentlich nicht mehr als nur die Ausgangslage des Films besprechen kann und ansonsten am Besten gar nichts mehr sagt und das Publikum den Film selbst entdecken lässt. Denn „Barbarian“ lebt vor allem von der Art, wie sich die Geschichte – die an sich viele durchaus bekannte Motive enthält – entwickelt, und diese Versatzstücke neu beziehungsweise quasi als Remix zusammenfügt.

Aber gut, das ist nun weder für den Rezensenten noch für die Leser einer Filmseite sonderlich erquicklich oder nützlich. Daher also nun eine dezente Spoilerwarnung: Details werden zwar nicht verraten, aber um den Film zu besprechen, muss das eine oder andere Storyelement etwas tiefgehender besprochen werden. Wer also wirklich nicht mehr wissen will: Ja, „Barbarian“ lohnt sich, auch wenn der Film letztlich in seiner Essenz weniger originell ist, als es den Anschein hat. Und ja, es ist auch ein wirklicher Horrorfilm und hat nichts zu tun mit dem in den letzten Jahren populären „elevated horror“-Filmen, wo ja das Publikum manchmal selbst für sich entscheiden musste, ob das nun Horror ist oder nicht. Dies ist richtiger Horror, es spritzt dann irgendwann auch richtiges Kunstblut und seine „ab 18“-Freigabe verdient sich der Film auch im Verlaufe seiner anderthalb Stunden Laufzeit.

[Leichte Spoiler folgen]

Wenn man „Barbarian“ einen kleinen Vorwurf machen kann bzw. will, dann den, dass der Anfang zu gut ist, als dass der Film die Qualität bis ganz zum Ende aufrecht erhalten kann. Die Doppelbelegung des AirBnB ist nicht nur eine interessante und nur zu gut denkbare Situation, Regisseur und Drehbuchautor Zack Cregger hat auch mit Bill Skarsgard die Rolle des Keith perfekt besetzt. Skarsgard spielt brillant den etwas unbeholfenen Keith, aber Genrefans wissen natürlich auch, dass Skarsgard Pennywise aus „Es“ ist, und dieses Wissen schwingt in der ersten halben Stunde beim Betrachter immer mit. Ist Keith wirklich nur ein unschuldiges Opfer einer AirBnB-Doppelbelegung? Oder führt er doch etwas viel Finsteres im Schilde?

Die Antwort darauf zögert Cregger geschickt heraus, lässt immer ausreichend Zweifel, die von Georgina Campbell als Tess auch genauso großartig gespielt werden. Tess hat eindeutig schon diverse Horrorfilme gesehen und benimmt sich dementsprechend nicht wie ein typisches Horrorfilmopfer. Wie es Cregger dann trotzdem schafft, die Spannungsschraube anzuziehen und dann den ersten Höhe- und Wendepunkt rund um die 40 Minuten-Marke zu setzen – Chapeau. Das Ende des ersten Akts kommt blitzartig, überraschend und ist ein richtiger „Was zur Hölle?“-Moment, den man als erfahrener Genrezuschauer ja auch eher selten findet.

Wie der Film dann scheinbar eine ganz neue Geschichte erzählt, und dabei dann auch einen ganz anderen, nämlich absurd-komischen Ton anschlägt, das überrascht und beeindruckt, auch wenn man sich nach dem Abspann darüber streiten kann, ob jeder von Creggers Einfällen hundertprozent erfolgreich war. Denn immerhin: Diverse Einfälle! Findet man im Genre ja auch nicht so oft.  Und so geht es dann mit diversen Storyhaken weiter, auch wenn die Geschichte gegen Ende dann doch ein bisschen in Genrekonventionen abdriftet. Aber der Weg dorthin macht trotzdem reichlich Spaß. 

Was übrigens auch an dem Schauplatz liegt. Wer an furchterregende Orte in den USA denkt und dabei kein Lokalpolitiker ist, der dürfte erstaunt sein, dass sich in den letzten Jahren ausgerechnet die „Motor City“ Detroit zum Schauplatz von kleinen Horror-Highlights entwickelt hat, hauptsächlich, weil die Vororte der ersten jemals Konkurs gegangenen Stadt mit ihren halb- bis ganz verlassenen Häuserruinen für ein richtiges „Geisterstadt“-Gefühl sorgen, dass zuerst der Horrorgeheimtipp „It Follows“ für seine jungen Protagonisten und ihren unerbittlichen Gegner ausnutzte, dann vor ein paar Jahren „Don‘t Breathe“. An dessen Gruselhaus kann man auch während des Ansehens von „Barbarian“ erinnert werden. Zudem ist die Enthüllung bei Tageslicht, wie abgewrackt die Gegend rund um das AirBnB-Haus wirklich ist, ziemlich super. Noch bevor der/die/das Monster/Serienkiller/Gespenst zuschlägt, schaudert man ein bisschen beim Gedanken ausgerechnet dort eine Nacht verbringen zu müssen.

Zach Creggers „Barbarian“ ist und bleibt letztlich eine Genrefingerübung, deren erstaunlicher Erfolg an der amerikanischen Kinokassen sich auf Mundpropaganda von Kinogängern stützt, die sich ebenfalls gerne von Cregger Stück um Stück, Püppchen um Püppchen quasi, weiter in das Labyrinth seiner dunklen Geheimnisse entführen ließen. Hier ist der Weg tatsächlich das Ziel. Einen Weg, den Genrefans wirklich mitgehen sollten.

„Barbarian“ ist ab dem 28.12.2022 auf Disney+ verfügbar.

Bilder: Copyright

6
6/10

Die Kritik spricht mir aus der Seele. Gleichzeitig komme ich zu einem anderen Ergebnis. Denn gerade das, was hier positiv bewertet wird - die Besetzung von Skarsgard, das Springen zwischen vermeintlich neuen Geschichten und den damit einhergehenden tonalen Unterschieden - führte bei mir dazu, dass ich "Barbarian" am Ende weniger genießen konnte.

Zu der Figur "Keith" und seiner Funktion entwickelten sich bei mir Spekulationen aufgrund des erwarteten Kalküls hinter der Besetzung mit Skarsgard. Eben gerade weil er die böse Rolle in "Es" gespielt hat. Und gerade weil ich die ersten 40 Minuten so sehr genossen habe, habe ich den Wechsel zu den tonal unterschiedlichen und vermeintlich neuen Geschichten als harten Bruch empfunden, der mich aus meiner bis dahin empfundenen Stimmung herausgerissen hat. Damit zerfiel für mich auch die aufgebaute Spannung, der in der Realität verankerten und durchaus möglichen Ausgangssituation zweier Fremder, die sich eine Unterkunft teilen. SPOILER ANFANG - Der Film verlässt das realistische Setting und erzählt am Ende eher Fantasy - SPOILER ENDE: Da hätte ich mir durchgehend das eine oder das andere gewünscht.

Permalink

Neuen Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
CAPTCHA
Diese Aufgabe prüft, ob du menschlich bist um Bots zu verhindern.