Drei Tage vor seinem deutschen DVD-Start
hat "Die Bucht" den Oscar für den besten Dokumentarfilm
gewonnen, und damit seinen triumphalen Siegeszug beendet, in dessen
Verlauf der Film so ziemlich jede Auszeichnung mitgenommen hat, die
es für ihn zu gewinnen gab. Und das mit Recht, denn "Die
Bucht" ist schlicht und ergreifend eine der besten und
beeindruckendsten, vor allem aber aufrüttelndsten Dokumentationen
der letzten Jahre, und angesichts seines unfassbaren Themas kann man
nur hoffen, dass der Oscar-Gewinn dazu beitragen wird, noch einmal
nachträglich die öffentliche Wahrnehmung für den Film
und sein Anliegen zu steigern.
Bei seinem Kinolauf war es dem Film bereits gelungen, einiges an
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, vor allem dank einer für
einen Dokumentarfilm ziemlich ungewöhnlichen Werbekampagne,
die quasi wie bei einem Thriller ein systematisch vertuschtes Geheimnis
ankündigte, jedoch nicht verriet, was dieses genau war. Von
monatelangen Undercover-Dreharbeiten, erheblichen Risiken und einer
schockierenden Enthüllung war da die Rede. Und tatsächlich
ist nichts davon übertrieben: Sowohl die Entstehung als auch
die Enthüllungen dieses Films sind nichts anderes als unglaublich.
Zentrum des Geschehens ist die japanische Küstenstadt Taiji,
wichtigste Versorgungsstätte für die globale Delphin-Showindustrie,
und Hauptprotagonist des Films ist Ric O'Barry, der einst als Trainer
von "Flipper" (bzw. der insgesamt fünf Delphine,
die diesen TV-Star "darstellten") mitverantwortlich für
die Entstehung der weltweiten Popularität der hochintelligenten
Säugetiere war. Es ist von enormer tragischer Ironie, dass
ausgerechnet O'Barry heutzutage der berühmteste und engagierteste
Aktivist gegen die Haltung von Delphinen für Show- und andere
Zwecke ist. Wie es zu diesem enormen Sinneswandel kam, erklärt
O'Barry an einer Stelle des Films - und wer in diesem Moment nicht
vor Erschütterung schlucken muss, hat kein Herz mehr.
O'Barry ist es, der den Regisseur von "Die Bucht" Louie
Psihoyos und seine Organisation, die "Oceanic Preservation
Society" nach Taiji holte und sie darauf aufmerksam machte,
was dort vor sich geht. Über mehrere Monate im Jahr finden
hier immer wieder straff organisierte Treibjagden auf Delphine statt,
bei denen hunderte der Tiere an der Küste der Stadt zusammengepfercht
und eingeschlossen werden. Hier wählen Delphin-Trainer aus
der ganzen Welt Tiere aus, die dann in die zahllosen Delphinshow-
oder "Schwimmen mit Delphinen"-Einrichtungen rund um den
Globus verbracht werden.
Wie am Anfang des Films erläutert wird, sind diese Shows, in
denen sich Abermillionen von Touristen jedes Jahr an den so sympathischen
Tieren und ihren Kunststücken erfreuen, tatsächlich eine
Höllenqual für die Delphine - eine Wahrheit, die man als
Mensch hinter dem vermeintlichen Dauerlächeln dieser Tiere
kaum vermuten würde. Aber die Kommunikation und Wahrnehmung
von Delphinen basiert vor allem auf ihrem Gehör, ein unglaublich
sensibles Organ, und eigentlich braucht es nicht viel um sich klar
zu werden, was für ein schrecklicher Dauerstress es für
solch sensible Ohren sein muss, permanent in einem mit rumorenden
Wasserpumpen ausgestatteten Show-Pool eingeschlossen zu sein und
dabei das laute Gejubel von hunderten begeisterter Zuschauer über
sich ergehen lassen zu müssen.
Dass
eine Delphin-Show eigentlich einer systematischen Delphin-Folter
gleichkommt, ist eine Wahrheit, über die sich wohl die wenigsten
gewahr sind, aber dies klar zu machen, ist für "Die Bucht"
nur eine Randnotiz. Dem Filmteam ging es um das, was in Taiji mit
den zahllosen Tieren passiert, die eben nicht für den Export
als Show-Delphine in alle Welt ausgewählt werden, der Ausschussware,
sozusagen. Sie werden von den lokalen Fischern weitergetrieben in
eine kleine (dem Film seinen Titel gebende) Bucht, die durch ihren
felsigen Zugang schwer einsehbar ist und deren gesamte Zugänge
eingezäunt und sehr gut bewacht sind. Der Grund dafür
ist klar: Niemand in Taiji möchte, dass an die Öffentlichkeit
dringt, was in dieser Bucht vor sich geht. Die enormen Sicherheitsmaßnahmen,
die Stasi-artige Überwachung und Drangsalierung jedes Tierschützers,
der im Ort auftaucht, soll genau das verhindern, was das Team von
"Die Bucht" um jeden Preis erreichen wollte: Filmaufnahmen
von den Geschehnissen in dieser Bucht zu machen, echte und erschütternde
Beweise dafür liefern, dass dort systematisch jedes Jahr tausende
von Delphinen abgeschlachtet werden.
Abwechslungsreich und sehr packend kombiniert "Die Bucht"
die Erzählung über seine unglaublichen Dreharbeiten mit
der Präsentation der skandalösen, ja schockierenden Hintergründe
des weltweiten Fischhandels und wie ohnmächtig und zahnlos
ihm die internationalen, politischen Organe gegenüberstehen.
Eines der zentralen
Anliegen des Films ist es zu offenbaren, was für ein erbärmliches
Schmierentheater die Internationale Walfang-Kommission ist, die
rein theoretisch auch für den Schutz von Delphinen (die im
Prinzip als kleine Wale zu klassifizieren sind) zuständig ist,
dank der dreisten Winkelzüge und Manipulationen der führenden
Fischfang-Nation Japan diese aber komplett außen vor lässt.
Sonderlich dienen könnte die Kommission den Delphinen wohl
ohnehin nicht, wenn man sich besieht, wie machtlos diese Institution
schon in Bezug auf den Schutz der Wale ist.
Während man beim Zuschauen immer wieder fassungslos den Kopf
darüber schüttelt, wie die japanische Fischerei-Lobby
die internationalen Bemühungen zum Schutz der Weltmeer-Bewohner
ad absurdum führt, staunt man im steten Wechsel damit nicht
weniger fassungslos (diesmal aber auf positive Weise fasziniert)
über die Tricks und Finten, mit denen das Team von "Die
Bucht" seine alles entscheidenden Dreharbeiten zu ermöglichen
versucht. In bester "Ocean's 11"-Manier wird da ein einmaliges
Team aus besonderen Spezialisten zusammengetrommelt, von Delphin-Aktivisten
über Profi-Surfer bis hin zu Weltrekordhaltern im Freitauchen,
die einen grandiosen Plan aushecken, wie es ihnen trotz Dauer-Beobachtung
durch die örtliche Fischerei-Stasi (anders kann man diese Leute
aufgrund ihrer empörenden Einschüchterungsmethoden kaum
bezeichnen) gelingen kann, Kameras und Mikrofone in die Bucht zu
schmuggeln, um das erhoffte Filmmaterial aufzeichnen zu können.
Da nimmt man dann auch gern die Hilfe von Hollywoods führender
Spezialeffekte-Schmiede "Industrial Light & Magic"
an, um HD-Kameras in täuschend echten Felsen-Attrappen zu verstecken.
Unterdessen
gehen die aufeinander aufbauenden, schockierenden Enthüllungen
des Films immer weiter. Denn die Delphine werden selbstverständlich
nicht bloß geschlachtet, sondern anschließend zwecks
Verspeisung in den Fischhandel eingebracht. Allerdings findet sich
natürlich kaum ein Mensch, der freiwillig Delphin essen würde.
Mit ein wenig Umetikettierung ist das Problem schnell umgangen.
Delphin ist allerdings aufgrund der immer stärker zunehmenden
Verschmutzung der Ozeane inzwischen das so ziemlich giftigste Fleisch,
das man aus dem Meer fischen kann. Warum das so ist und was das
für verheerende Folgen für Menschen haben kann, die dieses
Fleisch regelmäßig konsumieren, auch das verdeutlicht
"Die Bucht" so eindrücklich, dass man den nächsten
geplanten Besuch im Sushi-Restaurant erst einmal auf unbestimmte
Zeit verschiebt.
"Die Bucht" macht auf absolut meisterhafte Weise genau
das, was eine Dokumentation machen sollte: Kurzweilig, packend und
brillant auf den Punkt inszeniert, rüttelt er sein Publikum
nachhaltig auf für ein Thema, das von den Mainstream-Medien
systematisch totgeschwiegen wird, macht wütend und fassungslos,
und sorgt vor allem dafür, dass man das Gesehene und Gehörte
wohl nie wieder vergessen wird. In gewisser Weise ist der Film spannender
und "unterhaltsamer" als jeder fiktionale Polit-Thriller,
nicht nur weil das, was man hier sieht, die Wahrheit ist, sondern
auch und vor allem, weil das Material so meisterhaft montiert und
präsentiert wird.
Ob "Die Bucht" und die von ihm erzeugte öffentliche
Aufmerksamkeit dazu in der Lage sein wird, das unfassbare Geschehen
in Taiji endlich zu beenden, muss man leider bezweifeln. Dennoch
ist dies ein Film, den man gesehen haben sollte. Nicht nur, um sich
selbst die Augen zu öffnen über das, was im internationalen
Fischhandel und auf seinen politischen Ebenen tatsächlich vor
sich geht; sondern auch und vor allem, weil dieser Film so verdammt
gut gemacht ist, dass man lange suchen muss, um eine vergleichbar
großartige Dokumentation zu finden.
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