MOH (151): 18. Oscars 1946 - "Solange ein Herz schlägt"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge waren wir mit Ingrid Bergman in die 18. Academy Awards gestartet, nun übernimmt in "Solange ein Herz schlägt" eine weiteren weibliche Hollywood-Berühmtheit den Staffelstab.
Solange ein Herz schlägt
"Solange ein Herz schlägt" legt los wie die Feuerwehr. Schon nach wenigen Sekunden ertönen Schüsse und wir haben die erste Leiche vor uns liegen. Ein wenig erinnert der Beginn an den großartigen Start des Bette Davis Dramas "Das Geheimnis von Malampur" – nur wirkt die Umsetzung dieser tödlichen Eröffnungssequenz gefühlt nicht ganz so elegant und flüssig. Was sich am Ende gut auch über "Solange ein Herz schlägt" sagen lässt, der ähnlich angelegt ist, ebenfalls einige Stärken hat und sogar noch viel mehr als "nur" ein Film Noir Crime-Thriller sein will – sich dabei aber auch ein klein wenig übernimmt und nur phasenweise in einen wirklich funktionierenden Flow kommt.
Der Tote zu Beginn ist Monte Beragon (Zachary Scott), der Ehemann von Mildred Pierce (Joan Crawford, "Menschen im Hotel"). Wer ihn erschossen hat wird nicht gezeigt, doch dass sich kurz darauf Mildred an einem Pier erst versucht das Leben zu nehmen und dann ihren alten Bekannten Wally (Jack Carson) an den Tatort lockt, um ihm wohl den Mord in die Schuhe zu schieben, macht sie für das Publikum schnell zur Hauptverdächtigen. Auf der Polizeiwache hat man aber eher Mildreds Ex-Ehemann Bert (Bruce Bennett, "Immer mehr, immer fröhlicher") als Verdächtigen ausgeguckt, wogegen Mildred nachdrücklich protestiert. Sie möchte für Aufklärung sorgen und beginnt zu erzählen, wie sich dieses Drama wirklich entfaltet hat – und welche Rolle ihre Tochter Veda (Ann Blyth) dabei spielt.
Eine große Rückblende darüber, wie sich denn dieser blutige Kriminalfall entwickelt hat – da klingelt doch was. Das ist doch ein typisches Stilmittel des Film Noir, wie wir es erst kürzlich hier im Genre-Juwel "Frau ohne Gewissen" im Einsatz gesehen haben. Und klingt diese Mildred nicht nach einer typischen femme fatale? Die ersten Minuten von "Solange ein Herz schlägt" schreien förmlich nach Film Noir, auch weil wir in einer düsteren Nacht starten und das Spiel mit Licht und Schatten von Anfang an hier auf der Speisekarte steht. Womit wir dann auch gleich bei einer der größten Stärken des Films angelangt wären, denn dieser ist wirklich ein optischer Leckerbissen.
Natürlich hat der Film das Glück, im Vergleich zu manch anderen Werken in unserer Reihe, uns noch heute in toller technischer Qualität vorzuliegen. So kommen wir in den hochauflösenden Genuss von wirklich wundervollen Bildkompositionen, toller Lichtsetzung und schönen Kamerafahrten, mit denen uns Regisseur Michael Curtiz ("Casablanca", "Robin Hood – König der Vagabunden") und sein Team hier verwöhnen. Curtiz ist visuell sowieso einer der stärksten Regisseure seiner Zeit gewesen, das für ihn typische Spiel mit Schatten wird auch hier immer wieder clever von ihm eingesetzt, um Atmosphäre zu schaffen, und passt natürlich wie die Faust aufs Auge bei einem Film Noir. Also, alle bereit für einen düsteren Krimi-Thriller voller dramatischer Wendungen und undurchsichtiger Charaktere?

Nun, immer langsam. Denn einmal in der Rückblende angekommen, verwendet der Film erst einmal sehr viel Zeit für den Familienalltag von Mildred – beginnend mit ihrer Trennung von Bert. Da geht es um Erziehungsfragen bezüglich ihrer beiden Töchter, den ein oder anderen sie umgarnenden Mann und vor allem die eigene Karriere, denn schon bald reift in Mildred der Wunsch, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Nach Kriminalfall klingt das alles erst mal nicht, und das hat auch einen guten Grund. In der Buchvorlage zum Film gibt es nämlich gar keinen Mordfall – diese konzentrierte sich hauptsächlich auf die persönlichen und beruflichen Herausforderungen einer geschiedenen Frau im Amerika der 1930er-Jahre. Zu einem großen Teil bekommt man das nun auch im Film geliefert, was durchaus seinen Reiz hat. Wenn Mildred zum Beispiel von Wally aggressiv umgarnt wird, diesem die kalte Schulter zeigen will, aber gleichzeitig auf dessen finanzielle Hilfe angewiesen ist, zeigt sich deutlich, vor welchen Dilemmata eine nicht allzu vermögende Single-Mutter damals wohl gestanden hat (ohne damit implizieren zu wollen, dass die Situation heute deutlich leichter wäre).
Mildred will auf eigenen Beinen stehen und ein Restaurant eröffnen, um vor allem ihrer Tochter Veda ein gutes Leben zu ermöglichen. Das klingt ja nach einem spannenden modernen Ansatz mit einer starken Frau im Mittelpunkt. Dieser hat aber offensichtlich den Produzenten hier alleine nicht gereicht. Kurzerhand erfand man noch einen Mordfall dazu, der das alles noch ein bisschen spannender und "trendiger" machen sollte – schließlich stand das Publikum ja gerade auf diese neuen düsteren Kriminalfilme (der Begriff Film Noir war noch nicht erfunden). Mit dem hinzuerfundenen Mord an Monte Beragon wollte man aber noch ein anderes Problem umgehen, nämlich einen weiteren entscheidenden Aspekt der Buchvorlage, der unter den strengen Vorgaben des Production Codes nicht ohne moralische Anpassung verfilmt werden konnte.
Hier kommen wir jetzt aber in Spoiler-Gebiet, weswegen nur so viel gesagt werden soll: Dass Mildred ihrer verwöhnten Tochter ein noch besseres Leben bieten möchte, entpuppt sich erziehungstechnisch schon schnell als zweischneidiges Schwert. Die gute Veda gibt sich nämlich nicht so leicht zufrieden, und so rückt schon bald ein ziemlich spannungsgeladener Mutter-Tochter-Konflikt ebenfalls in den Mittelpunkt. Der für sich genommen auch eigentlich ganz faszinierend ist – vor allem, weil man diese Art Konflikt nun eher selten auf der Leinwand präsentiert bekommt. Ein wenig kann man aber das Problem an der ganzen Sache schon erahnen: Hier ist insgesamt einfach in Sachen Story und Konflikten viel zu viel los. Vor allem, weil man über all das eben noch einen Mordfall stülpt.
"Solange ein Herz schlägt" fühlt sich trotz vieler faszinierender Einzelstücke einfach nicht rund an. Die Mischung aus Film-Noir, Sozialstudie und Familiendrama wartet mit zu abrupten Wechseln zwischen den Genres auf, und keiner der Storyaspekte hat die nötige Zeit, um eine richtige Wucht zu entfalten. Weil der Film so viel in so wenig Zeit will, kommt er auch immer wieder etwas gehetzt daher. Charaktermotivationen gehorchen manchmal auch weniger den Figuren als einem Drehbuch, das seine Protagonisten zügig in eine bestimmte Richtung schubsen will. Das zeigt sich gut nach einem dramatischen persönlichen Ereignis, das Mildred gefühlt viel zu schnell wieder verdaut hat – mal ganz abgesehen von Monte, dessen Reaktion auf dieses Ereignis bei aller Schmierigkeit einfach nicht realistisch wirkt. Man tut sich dabei auch keinen Gefallen, das man manche Szenen unnötig melodramatisch aufheizt.
Das war jetzt erst mal ein Haufen Kritik, aber schon die Wertung oben verrät, dass hier trotzdem noch viel Interessantes zu entdecken ist. Da wäre die sich aus ihrem Karrieretief spielende Joan Crawford, die ziemlich gut zwischen Unsicherheit und Tatendrang ihrer Figur navigiert. Über den tollen Look haben wir ja bereits schon gesprochen, aber auch die Dialoge fallen immer wieder schön schnippisch und clever aus – auch wenn sie hier und da eben etwas zu gehetzt wirken. Mit die besten Zeilen bekommt dabei Eva Arden, die ich ja in "Bühneneingang" bereits unglaublich charismatisch fand, in den Mund gelegt – und die sie wundervoll umsetzt. Dafür erhielt sie, genauso wie Ann Blyth, eine Oscar-Nominierung für die beste Nebendarstellerin. Die einzige Oscar-Auszeichnung war am Schluss aber Joan Crawford vergönnt, die wegen einer angeblichen Krankheit den Goldjungen medienwirksam im eigenen Bett entgegennahm.
Einige gute Darstellerinnen und Darsteller, tolle Bilder, ein paar peppige Dialoge und für sich genommen ja eigentlich interessante Story-Bausteine – dass "Solange ein Herz schlägt" am Ende "nur" gut und nicht mehr ist, frustriert dann schon ein wenig. Manchmal verderben eben nicht zu viele Köche, sondern zu viele Zutaten den Brei. Für das Studio Warner Brothers ging die Rechnung aber trotzdem auf. Der Film war ein so großer Erfolg an der Kinokasse, dass das Studio alleine damit über die Hälfte seines Jahresgewinns einfuhr. Künstlerisch wäre hier aber deutlich mehr drin gewesen, auch wenn man dank der vorhandenen Stärken genug Spannendes entdecken kann, um eine Empfehlung zu rechtfertigen.
"Solange ein Herz schlägt" ist aktuell als Blu-ray, DVD und digital auf Amazon Prime in Deutschland verfügbar.
Trailer des Films.
Szene: Da hat wohl bei der Erziehung etwas so gar nicht funktioniert.
Kleine Doku zum Film und dessen Bedeutung für Joan Crawfords Karriere – aber Vorsicht, Spoileralarm.
Interview: Ann Blyth spricht im Jahre 2006 über den Film.
Ausblick
In unserer nächsten Folge gibt es auch wieder einen Toten – aber alles andere würde bei einem Film von Alfred Hitchcock ja auch überraschen.
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