MOH (152): 18. Oscars 1946 - "Ich kämpfe um dich"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge hatte man versucht, mit einem mysteriösen Mordfall ein Sozialdrama interessanter zu gestalten. Heute serviert uns Altmeister Alfred Hitchcock diesen in Kombination mit einem Psychodrama.
Ich kämpfe um dich
Insgesamt dreimal hat Altmeister Hitchcock ("Verdacht", "Der Auslandskorrespondent") in seiner Karriere mit der schwedischen Hollywood-Ikone Ingrid Bergman zusammengearbeitet. Die wohl bekannteste und meistgelobte Zusammenarbeit erfolgte 1946 im Spionagefilm "Berüchtigt". Von den drei Werken konnte aber nur die erste filmische Begegnung der beiden ein Jahr zuvor eine Oscar-Nominierung für den besten Film für sich beanspruchen: das Psychodrama "Ich kämpfe um dich". Aus heutiger Sicht mögen vor allem die auf Freuds Psychoanalyse basierenden Aspekte des Films dabei sehr naiv wirken, und auch der typische Hitchcock-Thrill kommt eher selten zur Geltung. Kurzweilig und unterhaltsam fällt der Film trotzdem aus – dank einer unglaublich charismatischen Ingrid Bergman und einer für Hitchcock doch etwas überraschenden, aber sehr angenehmen Warmherzigkeit. Und obendrauf gibt es dann noch ein paar von Salvador Dalí höchstpersönlich entworfene Sets zu bewundern.
Im Zentrum von "Ich kämpfe um dich" steht die engagierte Psychoanalytikerin Dr. Constance Petersen (Ingrid Bergman, "Das Haus der Lady Alquist", "Casablanca"), die mit ihrer kühlen und analytischen Art sehr gute Arbeit für ihre Patienten leistet. Ihre männlichen Kollegen an der psychiatrischen Klinik würden sich dagegen im privaten Umgang etwas mehr Wärme von ihr wünschen, doch alle Versuche, an das Herz der Dame zu appellieren (oder es sogar zu erobern), scheinen zum Scheitern verurteilt. Zumindest bis Dr. Anthony Edwardes (Gregory Peck, "Moby Dick", "Ein Herz und eine Krone") eintrifft, der den bisherigen langjährigen Leiter Dr. Murchison (Leo G. Carroll, "Verdacht") ablösen soll. Edwardes hinterlässt direkt einen bleibenden Eindruck bei Constance, die von ihren eigenen Gefühlen überwältigt wird. Schnell merkt sie aber auch, dass irgendetwas mit Edwardes nicht zu stimmen scheint, und kommt schon bald hinter ein Geheimnis, das diesen in ein völlig neues Licht taucht und viele Fragen hinterlässt. Fragen, die es mit Hilfe der Psychoanalyse zu beantworten gilt – auch wenn sich Constance dafür in große Gefahr begeben muss.
Über die ganz besondere Beziehung zwischen dem legendären Studioboss David O. Selznick ("Vom Winde verweht") und Regisseur Alfred Hitchcock haben wir in dieser Reihe ja schon anlässlich deren erster Kooperation in "Rebecca" gesprochen. Auf der einen Seite ein Regisseur, der sich als alleiniges kreatives Mastermind seiner Werke sah, auf der anderen ein Produzent, der sich liebend gerne auch noch ins kleinste Detail seiner Filme einmischte. Reibung war hier natürlich vorprogrammiert, doch so frustrierend die Zusammenarbeit vor allem für Hitchcock auch war, Vertrag ist Vertrag, und so sollte sich der Master of Suspense 1945 also einem weiteren Herzensprojekt von Selznick widmen. Selznick war so fasziniert von seinen eigenen Erfahrungen mit der freudschen Psychoanalyse, die insbesondere in den 1930ern durch viele europäische Immigranten in den USA sehr populär wurde, dass er um diese herum von Hitchcock gerne einen Film gestrickt haben wollte.
Als Ausgangsmaterial sollte dabei der Thriller-Roman "The House of Dr. Edwardes" dienen, den der gute Hitch (nicht ganz überraschend) aber eher als Inspirationsquelle sah und zusammen mit seinem Drehbuchautor Ben Hecht gehörig nach den eigenen Vorstellungen in ein Drehbuch übersetzte. Auch wenn man dabei die Intention hatte, die relativ neue Disziplin der Psychoanalyse möglichst korrekt darzustellen, war Hitch am Ende natürlich der dramaturgische Spannungsbogen immer wichtiger – was am Set zu Konflikten mit Selznicks Therapeutin führte, die von diesem extra als Beraterin engagiert worden war. Dramaturgie übertrumpft Freud – genau unter dieser Prämisse sollte man "Ich kämpfe um dich" dann auch anschauen, wenn man mit dem Film Spaß haben will. Denn vermutlich dürften erfahrene Psychoanalytiker durchdrehen angesichts der Behandlungsmethoden und Aussagen des medizinischen Fachpersonals in diesem Film. Und selbst als Laie ist man immer wieder mal am Kopfschütteln, wie naiv Constance hier "den Freud gibt".
So ganz neu ist dieser naive Umgang mit der Psychoanalyse in dieser Reihe ja nicht. Ähnliches hatten wir schon in "Kings Row" beobachten dürfen. Aber wenn man diese kleine Kröte schluckt, genau wie die Tatsache, dass die vorher so berechnende Constance schon ziemlich plötzlich gegen alle ihre vorher heiligen Prinzipien agiert, hat man mit "Ich kämpfe um dich" doch einige Freude. Überraschenderweise aber gar nicht mal wegen der vertrauten Qualitäten Hitchcocks. Natürlich gibt es auch hier wieder ein paar spannende und clever inszenierte Momente, doch diese fallen im Vergleich zu sonstigen Werken des Meisters eher etwas handzahm und auch nicht ganz so zahlreich aus. Was nicht heißt, dass man diese nicht genießen könnte. So sorgt in den Händen von Hitchcock selbst ein am Boden liegender Brief, der von keinem entdeckt werden darf, für ordentlich Spannung. Immer mal wieder gibt es so kleine, aber feine Spannungsmomente, die uns daran erinnern, wer hier eigentlich Regie führt.
Doch es ist nicht die Spannungskurve, die sich als die größte Stärke des Films entpuppt. Was auch daran liegt, dass genreerprobte Filmliebhaber schon ziemlich früh ahnen dürften, auf was (und vor allem wen als Schuldigen) das hier hinausläuft. Vermutlich das größte Kompliment, das man dem Film machen kann, ist, dass man trotzdem Freude daran hat. Mit das größte Ass im Ärmel ist dabei Ingrid Bergman, die sowohl schauspielerisch als auch in Sachen Charisma hier aus allen Rohren schießt. Natürlich, hier und da gibt es die ein oder andere zu melodramatische Geste, aber das verbuchen wir einfach mal gönnerhaft als Eigenheit der damaligen Zeit. Ansonsten zeichnet Bergman ein wirklich gelungenes Bild einer warmherzigen Logikerin, die erfreulich selbstbewusst ihren eigenen Weg geht (darüber wird später noch aus anderen Gründen zu sprechen sein). Und definitiv gibt es keine andere Schauspielerin, die je mit solcher Glückseligkeit in einem Film das deutsche Wort "Leberwurst" ausgesprochen hat. Ein bisschen schade, dass sie für ihre Leistung keine Oscar-Nominierung erhielt, auch wenn sie in dem Jahr zumindest für ihre Rolle in "Die Glocken von St. Marien" nominiert wurde (dessen größte Stärke sie dort ja auch schon war).
Die Figur von Constance funktioniert hier aber auch deswegen so gut als Identifikationsfigur, da diese ziemlich gut geschrieben ist. Die Psychoanalyse-Techniken mal außen vorgelassen, ist es einfach angenehm, in diesem Genre eine Figur zu sehen, die Herausforderungen logisch betrachtet, einen Blick für kleinere Details hat und einfach clever agiert. "Ich kämpfe um dich" markiert in dieser Oscar-Reihe aber auch das Debüt von Gregory Peck, der hier der Rolle entsprechend sehr zurückhaltend und introvertiert agiert – was auf angenehme Weise unspektakulär ist. Ebenfalls angenehm sind viele Dialoge und auch die ein oder andere Nebenfigur, die eine für Hitchcock eher untypische Wärme ausstrahlen, die eher an einen Frank-Capra-Film erinnert. Dazu schweift der Film hier und da auf erfrischende Art und Weise auch ein wenig ab, wenn Constance zum Beispiel, scheinbar ohne großen Bezug zur Handlung, in der Hotellobby von einem fremden Mann angebaggert wird. Constance demonstriert dabei Stärke, doch abgesehen von ein wenig Charakterschärfung erweckt sich zumindest für mich der Eindruck, dass hier noch etwas anderes dahintersteckt.
Es besteht ja immer die Gefahr Filme überzuinterpretieren, aber wie oft hier männliche Figuren Constance entweder belächeln oder am liebsten begrapschen wollen ist schon sehr auffällig – vor allem, da es scheinbar kaum etwas mit der zentralen Handlung zu tun hat. Das kann in dieser Vielzahl kein Zufall sein und so lässt sich hier eine Art feministischer Subtext erkennen, denn all diese Avancen und Widerstände lässt die unbeirrt auftretende Constance an sich abprallen. Was diesem ganzen Film dann noch einmal eine erfreuliche interessante Zusatzkomponente hinzufügt. Genauso wie zwei Traumsequenzen, bei denen der Einsatz von Psychoanalyse mit Hilfe von eigens von Salvador Dalí entworfenen Sets veranschaulicht wird. Hitchcock wollte bewusst weg von der typischen Darstellung von Träumen in dieser Zeit, bei denen fast immer verschwommene Bilder herangezogen wurden. Stattdessen gibt es hier nun knackig-scharfe Bilder und Sets des eigens dafür engagierten Salvador Dalís, welche die für ihn typische surrealistische Aura versprühen. Das sieht faszinierend aus, wirkt aber im Film nicht ganz konsequent durchgezogen, da es ingesamt nur zwei dieser Sequenzen gibt.
Womit wir wieder am Anfang wären, denn eigentlich hatte Hitchcock hier deutlich mehr an Traumsequenzen produziert – dem guten Selznick war so viel "Avantgarde-Kino" dann aber doch zu viel. Von 20 Minuten haben es am Ende nur zwei in den Film geschafft, den Rest ließ Selznick herausschneiden. Auch mit der Filmmusik von Miklós Rózsa musste sich Hitchcock trotz eigener Vorbehalte am Ende arrangieren, auch wenn die eigentlich ziemlich interessant ausfällt. Rózsa nutzte als erster das 1920 erfundene elektronische Theremin in einem Film und staubte für die beste Filmmusik dann auch den einzigen Oscar des in insgesamt sechs Kategorien nominierten Werkes ab.
Man merkt also, dass sich Hitchcock in dieser Zeit doch noch stark ins Handwerk pfuschen lassen musste – das Ende des Studiosystems konnte er wohl kaum erwarten. Mit einem kleinen kreativen Farbtupfer am Ende konnte er sich aber durchsetzen: für einen kleinen Moment blitzt in dem Schwarz-Weiß-Film nämlich ein wenig Farbe auf. Welche Farbe das ist, dürfte angesichts von Hitchcocks Art von Filmen dabei kaum jemanden überraschen. Es gibt hier also am Ende doch einiges hier zu entdecken und auch zu genießen, selbst wenn "Ich kämpfe um dich" nicht zu Hitchcocks großen Meisterwerken zählt. Aber für einen sehr kurzweiligen Filmabend reicht es allemal – und darauf jetzt ein leckeres Leberwurstbrot.
"Ich kämpfe um dich" ist aktuell als Blu-ray und DVD-Import auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Trailer des Films.
Szene: Lust auf eine Traumsequenz à la Salvador Dalí.
Interview: Norman Lloyd, der eine kleine Nebenrolle im Film hat, erzählt eine Anekdote vom Set.
Interview: Darf natürlich nicht fehlen, die (nicht sehr hohe) Meinung zum Film von Truffaut aus seinem legendären Gespräch mit Hitchcock
Szene: Zum Abschluss muss das einfach sein. Einmal Leberwurst bitte!
Ausblick
In unserer nächsten Folge ist keine Psychoanalyse nötig, denn unsere beiden männlichen Hauptfiguren entpuppen sich als sehr einfache Zeitgenossen.
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