Triangle of Sadness

Jahr
2022
Laufzeit
147 min
Release Date
Bewertung
8
8/10
von Marc Schießer / 17. November 2022

Die Karriere des schwedischen Autorenfilmers Ruben Östlund nahm 2014 mit seinem vierten Spielfilm „Höhere Gewalt“ so richtig Fahrt auf, genauer gesagt mit der dort herunterstürzenden Lawine, die sowohl eine mittelständische Familie im Skiurlaub als auch fragile Männlichkeitsbilder unter sich zu begraben drohte. Doch das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was Östlund der reichen Oberschicht in seinem neusten Werk, dem dieses Jahr mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten „Triangle of Sadness“ so antut.

Denn auf der Nobel-Kreuzfahrt für Superreiche, zu der sich auch das streitlustige Pärchen Yaya (Charlbi Dean) und Carl (Harris Dickinson) einfindet, gehören der Dauer-Suff des Kapitäns (Woody Harrelson) oder die enervierenden „In den Wolken“-Rufe der ausschließlich zu diesem einen Satz fähigen Schlaganfall-Geschädigten Therese (Iris Berben) noch zu den harmlosesten Zwischenfällen, die das dekadente Reisevergnügen immer mehr zur grotesken Katastrophe werden lassen.

Der Film ist dabei in drei Kapitel von sehr unterschiedlicher Länge unterteilt. Das Erste stellt uns die ziemlich dysfunktionale Beziehung der jungen, schönen, hippen und dabei doch so unsicheren Models und Influencer Yaya und Carl vor und erklärt uns nebenbei in einer enorm witzigen und bissigen Szene auch noch den Unterschied in der Gesichtsmimik, die Klamotten von Balenciaga bzw. H&M bei ihren Trägern hervorrufen.

Die Art, wie hier enorm präzise und sehr subtil, aber auch fast schon quälend langsam und authentisch ein Beziehungsstreit eingefangen wird, kann man schon fast als „klassisch Ruben Östlund“ bezeichnen. Auch das Thema des Streits, ob Männer in unserer Gegenwart noch selbstverständlich die Rechnung bezahlen sollten, gehört zu den Verhandlungen von Geschlechterrollen, an denen sich der Regisseur bevorzugt abarbeitet. Er selbst versteht sein neustes Werk sogar als Abschluss einer losen Trilogie zur Bedeutung von Männlichkeit in der modernen Welt, wobei der direkte Vorgänger „The Square“ und der eingangs erwähnte „Höhere Gewalt“ die anderen Teile darstellen.

Die episch ausgewalzte Diskussion, die sich vom Restauranttisch in den Fahrstuhl fortsetzt und auch auf der Matratze noch nicht abgeschlossen ist, ist eine gute Gelegenheit, die wirklich tollen Schauspielerinnen und Schauspieler hervorzuheben. Die tragischerweise noch vor der Premiere an plötzlicher Krankheit verstorbene Charlbi Dean und der britische Theaterschauspieler Harris Dickinson liefern hier ein echtes Bravourstück ab, bei dem jeder verstohlene Blick und jedes Sichtbarmachen unterschwelliger Körpersprache die (manch einem bestimmt nicht ganz unvertraute) Szene so schmerzhaft real wie absurd komisch werden lassen.

Danach geht es im zweiten Kapitel auf die eigentliche Kreuzfahrt und zu einer deutlichen Beschleunigung des Erzähltempos. Die diversen superreichen Karikaturen, die wir hier kennenlernen (unter anderem der aus Nicolas Winding Refns Pusher-Trilogie bekannte Zlatko Burić), provozieren in ihrer schier grenzenlosen Dekadenz und Ignoranz eine aberwitzig unangenehme Peinlichkeit nach der anderen, die in einer zwanzigminütigen Orgie aus flüssigkeitsbasiertem Fäkalhumor kulminieren. Und man darf überrascht sein, dass Östund hier alle beobachtende Distanz und „arthousige“ Zurückhaltung über Bord wirft und im Kern eine zwar clevere, aber doch reinrassige Komödie abliefert. Und wenn man den Film, wie dieser Rezensent, mit einem sich vor Lachen biegenden Mainstream-Publikum beiwohnen durfte, ist das absolut zu beglückwünschen.

Dabei sind superreiche Milliardäre natürlich ein so dankbares wie einfaches Ziel und die betriebene Kritik an ihnen so subtil wie eine Landmine, doch als bissige Farce ist „Triangle of Sadness“ einfach richtig witzig und trotz der stolzen Laufzeit schwer unterhaltsam. Auch inszenatorisch macht Östlund einen großen Sprung nach vorne und liefert mit der von Frederik Wenzels toller Kameraarbeit enorm effektiv unterstützten Seekrankheitssequenz eine hemmungslos extreme Szene ab, die wohl niemand so schnell wieder vergessen wird.

Das Kapitel endet dann folgerichtig mit einem brutalen satirischen Knall und läutet den letzten Part ein, in dem der Film nochmal einen anderen Tonfall und Rhythmus an den Tag legt. Und das ist das eigentlich Erstaunliche an Östlunds erstem (fast vollständig) englischsprachigen Werk: Obwohl wir fast zwei Stunden lang vergnügt dem genussvollen Auseinandernehmen der überzeichneten Figuren zugesehen haben, gelingt es ihm im abschließenden Kapitel dann trotzdem, dem Publikum Mitgefühl und echte Empathie für seine bizarre Truppe abzuringen, bei der Toilettenfrau Abigail (Dolly De Leon) jetzt eine Schlüsselposition zuteil wird. Woran man sehr gut das Feingefühl seiner Inszenierung ablesen kann, denn durch einen perfekt getimten Schnitt (Östlund zusammen mit Mikel Cee Karlssson) und die großartige Schauspielführung gelingt jeder der gewagten tonalen Wechsel und vernäht all die angerissenen Themen zu einem stimmigen Ganzen.

Das dann mit diesem letzten Kapitel bei seiner Kernaussage ankommt. Denn mit dem titelgebenden „Dreieck der Traurigkeit“ könnte nicht nur die Sorgenfalte zwischen Augen und Nase gemeint sein, sondern auch das ewige Wechselspiel zwischen Unter-, Mittel- und Oberschicht. Was passiert, wenn die Machtpositionen getauscht werden und aus Untergebenen Könige werden? Diese Frage spitzt der Film in seinen finalen Zügen gekonnt zu, um sie letztendlich aber auf ziemlich geschickte Art und Weise unbeantwortet zu lassen.

Was dafür sorgt, dass man beim Verlassen des Kinos gar nicht weiß, worüber man zuerst sprechen möchte: die größten Lacher, die man immer noch im Bauch spürt, oder die nagende Frage, die zum Schluss im Hals stecken geblieben ist. Die Antwort findet man wahrscheinlich „In den Wolken.“

Bilder: Copyright

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