Borat: Anschluss Moviefilm

Originaltitel
Borat Subsequent Moviefilm: Delivery of Prodigious Bribe to American Regime for Make Benefit Once Glorious Nation of Kazakhstan
Land
Jahr
2020
Laufzeit
95 min
Release Date
Streaming
Bewertung
7
7/10
von Frank-Michael Helmke / 25. Oktober 2020

Man hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass Sacha Baron Cohen seine legendäre Kunstfigur Borat noch einmal in Filmform aufs ahnungslose Amerika loslassen würde. Doch die aktuellen Umstände sind besonders, und Cohen auf einer eindeutigen Mission unterwegs: Einen künstlerischen Beitrag leisten, um Amerika im Jahr 2020 den Spiegel vorzuhalten und damit ganz klare Anti-Wahlwerbung für Donald Trump zu betreiben.

So ist der exklusiv über Amazons Streaming-Service vertriebene neue Borat-Film auch ganz spezifisch ein Machwerk dieses politischen Jahres, weswegen er längst nicht so gut altern wird wie sein kultverdächtiger Vorgänger - schon die Präsidentenwahl in weniger als zwei Wochen kann den Film teilweise obsolet erscheinen lassen. Umso mehr Grund, sich den Film rasch anzusehen, und sich wie schon damals 2006 90 Minuten lang irgendwo zwischen Fremdscham, Fassungslosigkeit, Faszination, brüllendem Gelächter und allgemeiner Ungläubigkeit ("Das macht der jetzt nicht wirklich?!") wiederzufinden. 

Das Prinzip von "Borat Anschluss Moviefilm" ist an sich dasselbe wie beim ersten Teil: An einem losen pseudo-dokumentarischen Handlungsgerüst aufgehängt reihen sich Episoden aneinander, in denen Sacha Baron Cohen in der Rolle seiner Kunstfigur, dem kasachischen Fernseh-Reporter Borat Sagdiyev einige der schrägeren Ausprägungen der amerikanischen Kultur und ihre Vertreter aufs Korn nimmt. Manche dieser Episoden betreiben auf brachiale Weise Tabubruch und wollen einfach nur komisch sein, indem sie freudig weit jenseits jeder Geschmacksgrenze umherhüpfen. Die anderen wollen ihren ahnungslosen Spielpartnern den Spiegel vorhalten und kitzeln aus ihnen Aussagen heraus, die sie in all ihrer moralischen Verkommenheit und/oder verqueren Denkweise brillant (und ebenfalls saukomisch) entlarven. 

Das Ziel dieser satirischen Entlarvung sind diesmal fast ausnahmslos Anhänger der Republikaner bzw. glühende Verehrer Trumps, bis hin zu seinen direkten Kompagnons. Schon vor Veröffentlichung des Films hat sein größter Coup für einige Schlagzeilen gesorgt. Denn "Borat: Anschluss Moviefilm" gipfelt in einem Interview, das Borats Film-Tochter Tutar (mit furchtlosem Einsatz grandios gespielt von der bulgarischen Schauspielerin Maria Bakalova) mit Trumps Anwalt und Vertrautem Rudy Giuliani führt, und dies endet mit Aufnahmen, die eindeutig suggerieren wollen, dass Giuliani in dieser Situation drauf und dran war, sich auf mehr als nur ein Gespräch mit dieser jungen Frau einzulassen.  

Es ist eine Szene, bei der einem tatsächlich erstmal fassungslos der Mund offen stehen bleibt. Sie ist allerdings auch der Gipfel der manipulativen Energie des Films, der nicht nur an dieser Stelle mit geschicktem Schnitt Momente verdichtet, um einen möglichst großen Aufreger zu erzeugen - und bei etwas näherer Betrachtung zumindest Zweifel zulässt, ob der Augenblick selbst wirklich so skandalös war wie das, was der Filmschnitt davon übriggelassen hat.

Die wahren satirischen Höhepunkte (und größten Lacher) des Films warten an anderen Stellen. Wenn Borat beispielsweise während des Corona-Lockdowns für mehrere Tage bei zwei hinterwäldlerischen Trump-Fans und Q'Anon-Anhängern unterkommt, die ihm schließlich vor Augen führen wollen, dass Borats vermeintliche kasachische Volksmythen nichts anderes als Verschwörungstheorien sind. Oder wenn er getarnt als Country-Sänger eine Anti-Corona-Veranstaltung zu einem gemeinsamen Lied anführt, bei dem alle begeistert davon singen, Journalisten und Demokraten abzuschlachten. Einer der bittersten und gleichzeitig komischsten Höhepunkte ist der Besuch einer christlich-fundamentalistischen "Beratungsstelle", in der abtreibungswillige Frauen von einem Schwangerschaftsabbruch abgehalten werden sollen. Was der dortige Mitarbeiter für Aussagen absondert ist angesichts der Situation, mit der er vermeintlich konfrontiert ist, schlichtweg unfassbar. 

Dass "Borat Anschluss Moviefilm" in der Summe nicht ganz so sehr zündet wie sein Vorgänger, hat auch mit dem eigenen Erfolg zu tun: Der Film führt selbst vor Augen, dass Borat eine noch immer so bekannte (Kunst-)Figur ist, dass Cohen sich im klassischen Borat-Outfit oftmals nicht frei bewegen konnte, ohne dass er erkannt wurde und Leute Selfies mit ihm schießen wollten. Diese reale Tatsache bettet der Film zwar clever in seine fiktive Quatsch-Handlung ein, die Konsequenz bleibt in Fiktion und Realität jedoch dieselbe: Die meiste Zeit ist Borat/Cohen in anderweitiger Verkleidung unterwegs, schlüpft also in weitere Rollen, so dass Borat hier häufig nicht Borat ist - und damit irgendwie auch weniger komisch. 

Auch das deutliche Mehr an echtem Plot, was der Film im Vergleich zum Vorgänger aufweist, macht ihn nicht unbedingt besser: Die Rahmenhandlung über die sich entwickelnde Beziehung zwischen Borat und seiner Tochter Tutar und ihre absurd-komische Version von weiblicher Befreiung und Selbstverwirklichung ist dank der beiden tollen Darsteller zwar durchaus nett anzusehen, nimmt aber zu viel Raum ein, dafür dass die Witze hier eigentlich immer wieder die gleichen Akkorde anschlagen. 

Letztlich wird dieser Film keinen Trump-Wähler dazu bringen, sein Kreuz doch woanders zu machen. Ein erfreuliches Wiedersehen ist es dennoch, und für 95 Minuten ein ziemlich großer Spaß - auch wenn man sich bei manchen Bildern im Nachhinein wünscht, sie wieder aus dem Kopf rausbekommen zu können. Grandioser Klamauk und grandioser Ekel liegen bei Sacha Baron Cohen auch 2020 eben immer noch sehr dicht beieinander. 

Bilder: Copyright

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