
Mit "Shanghai" kommt ein viel versprechender und gut besetzter Thriller der Geschmacksrichtung "Film Noir" zu uns in die Filmtheater. Dass das geschieht war aber lange Zeit unklar, denn der schon vor fast zwei Jahren abgedrehte Film wartet in vielen Ländern (auch in den USA) nach wie vor auf eine Kinoauswertung. Es scheint doch sehr schwer vermarktbar zu sein, dieses leicht düstere Kammerspiel mit politischen und historischen Bezügen, denn was für jeden klassisch interessierten Filmfreund eine höchst interessante Kombination darstellt, könnte dem großen Publikum viel zu unmodern und actionarm erscheinen. Daher sollte man sich vermutlich beeilen, wenn das Werk auf einem Kino-Spielplan in der Nähe auftaucht, denn trotz ein paar nicht zu übersehender Schwächen bietet "Shanghai" doch auch Einiges, was man heute nur noch selten zu sehen bekommt.
In den frühen 1940er Jahren ist Shanghai nicht nur ein Schmelztiegel der Nationen, sondern nimmt auch politisch eine exponierte Stellung ein. Grundsätzlich von den Japanern besetzt, lässt man sowohl die Einheimischen als auch die vielen Zugereisten aus aller Welt weitgehend autonom leben. Aber auch deutsche und amerikanische Agenten sind in der Hafenstadt vertreten und der mysteriöse Tod eines befreundeten Kollegen lässt den Spion Paul Soames (John Cusack) aktiv werden. Der sorgt mit seinem Ermittlungen schnell für Unruhe unter den verschiedenen Regenten der Stadt samt ihrer Unterwelt, macht die Bekanntschaft einer schönen Frau (Gong Li), die gleichzeitig Mitglied der chinesischen Widerstandsbewegung zu sein scheint, und gerät ins Visier des undurchsichtigen Militärs Lan-Ting (Chow Yun-Fat). Da Soames immer weniger bereit ist sich an diplomatische Regeln zu halten, droht die Situation schließlich zu eskalieren.
Die Handlung ist so verzwickt und komplex, wie man es von vielen Noir-Klassikern der Schwarzen Serie gewohnt ist, und verlangt die ungeteilte Aufmerksamkeit des Betrachters. Natürlich spielen dabei der Hintergrund des zweiten Weltkriegs und die unterschiedlichen Interessen der einzelnen Nationen eine Rolle, letztlich aber dann doch nicht die Entscheidende. Diese Ehre gebührt den sich entwickelnden persönlichen Emotionen in Form von Rache, Eifersucht und enttäuschter Liebe. Was insofern einen leicht faden Nachgeschmack hinterlässt, da es einige der ausgestreuten Fährten und vermeintlich wichtigen Zusammenhänge am Ende als relativ bedeutungslos zurücklässt.
Spaß macht es allerdings schon, diesen Nebelkerzen zu folgen und Agent Soames durch das visuell wunderschön umgesetzte historische Shanghai zu folgen, wo sich zwielichtige Gestalten in langen Mänteln und mit Hut durch die Straßen schlängeln. Ganz klassisch wird dabei fleißig geredet, geraucht und intrigiert sowie gelegentlich auch gestorben.
Der ganze Film wirkt wie eine bewusste Stilübung von Regisseur Mikael Hafstrom, der einst mit dem beklemmenden "Evil" für Aufsehen sorgte, als Schwede in Hollywood aber bisher noch kein ähnlich beeindruckendes Werk abgeliefert hat. Auch "Shanghai" kann leider nicht restlos überzeugen, handelt es sich doch um einen typischen Fall von "Style over Substance". Denn so nett das auch alles aussieht, so kühl und distanziert ist es andererseits inszeniert und vermag nur selten wirklich zu fesseln. Die Charaktere bleiben so unnah- wie undurchschaubar und insbesondere Hauptdarsteller John Cusack (der schon bei der Stephen King-Verfilmung "Zimmer 1408" mit Hafstrom zusammenarbeitete) liefert hier eine nur routinierte aber etwas leidenschaftslose Leistung ab, und eine Gong Li darf leider auch nicht viel mehr als schön aussehen. So bleibt der stärkste Part für Veteran Chow Yun-Fat, der zwar auch keinen Sympathieträger spielt, aber doch als Einziger so etwas wie echte Tragik versprüht.
Das Fazit zu "Shanghai" also: Eine überschaubare Menge an Tempo und Spannung, leider nur bedingt interessante Figuren, aber doch verdammt hübsch anzuschauen.
Neuen Kommentar hinzufügen