Hamilton

Originaltitel
Hamilton
Land
Jahr
2020
Laufzeit
160 min
Regie
Release Date
Streaming
Bewertung
10
10/10
von Frank-Michael Helmke / 13. August 2020

Im Jahr 2009 trat der Musical-Darsteller und -Komponist Lin-Manuel Miranda bei einem "Poetry Jam"-Abend im Weißen Haus vor Präsident Obama auf und stellte das erste Lied aus einem neuen Konzeptalbum vor, an dem er gerade arbeitete - ein Rapsong über Alexander Hamilton, den ersten Finanzminister der Vereinigten Staaten und einer der wichtigsten Gründungsväter der Nation. Zum Glück wurde die Veranstaltung aufgezeichnet und dieser denkwürdige Auftritt ist hier für die Nachwelt erhalten. Man sieht in diesem Video nicht nur, wie wahnsinnig nervös Miranda war, sondern auch, dass das Publikum nicht so richtig wusste, wie es eigentlich reagieren soll auf diese obskure Mischung aus Geschichtsunterricht und Hiphop.

Man hielt das Ganze eher für einen Scherz, doch Miranda war die Sache mehr als ernst. Er hatte kurz zuvor im Urlaub eine Biografie über Hamilton gelesen und entdeckt, dass dieser ein echtes "Hiphop-Leben" geführt hatte: Aus ärmlichsten Verhältnissen aufgestiegen zu einem der einflussreichsten Männer seiner Generation, alles nur dank der Kraft und des Genies seiner (geschriebenen) Worte, ein kontroverser und streitsüchtiger Geist, immer wieder gebeutelt durch Skandale, persönliche Tragödien und seine eigenen Dämonen und schließlich erschossen von einem seiner zahlreichen Kontrahenten, mit denen er regelmäßig "Beef" hatte. 

Sechs Jahre nach diesem Auftritt im Weißen Haus war aus Mirandas Idee ein Musical geworden, "Hamilton" feierte seine Premiere und avancierte in Windeseile zur größten Broadway-Sensation des neuen Jahrtausends. Man hat hierzulande nicht viel davon mitbekommen, aber tatsächlich ist "Hamilton" eines der maßgeblichen kulturellen Phänomene in den USA der letzten Jahrzehnte, ein mit Preisen überhäufter Geniestreich, der dem ziemlich braven und eingestaubten Genre des Bühnen-Musicals einen kaum für möglich gehaltenen frischen Wind einbrachte. Wenig verwunderlich, denn es lässt sich kaum zu sehr betonen, was das für eine Bühnen-Revolution war, wie da ein multikultureller Cast mit hochmoderner Musik und Sprache die Geschichte der weißen amerikanischen Gründerväter neu erzählte. Wenn man allerdings nicht zufällig gerade ein paar tausend Euro übrig hatte, um mal eben über den Atlantik zu jetten und eine der ebenso teuren wie heiß begehrten Eintrittskarten für die Show zu ergattern, hatte man als Nicht-Amerikaner bisher allerdings keine Chance, dieses Meisterwerk tatsächlich zu sehen. Bis jetzt. 

Bereits 2016, auf dem ersten Höhepunkt der allgemeinen "Hamilton"-Euphorie, waren zwei Vorstellungen des Musicals mit seiner Originalbesetzung mitgedreht worden. Der daraus entstandene Film sollte eigentlich im Herbst 2021 in die Kinos kommen. Doch auch dieser Plan wurde durch Corona durcheinander gewirbelt, und so feierte die Aufzeichnung von "Hamilton" ihre Premiere zum diesjährigen amerikanischen Unabhängigkeitstag auf Disneys neuer Streaming-Plattform Disney+ und ist seitdem dort auch für deutsche Zuschauer zu sehen. Und angesichts der zahlreichen Schnupperangebote, mit denen der Disney-Konzern derzeit Kunden für seinen Streaming-Dienst zu gewinnen versucht, ist das wahrlich ein mehr als lohnenswertes Schnäppchen.

Auch wenn es sich hierbei nicht per se um einen Film, sondern "nur" eine Theater-Aufzeichnung handelt, kann man kaum in Worte fassen, wie mitreißend dieses Erlebnis auch in den heimischen vier Wänden ist. Das liegt natürlich auch daran, dass Regisseur Thomas Kail es nicht nur schafft, die einzigartige Atmosphäre im Theatersaal einzufangen, sondern gleichzeitig auch seine filmischen Möglichkeiten nutzt, um mit verschiedenen Kamerawinkeln und effektvoll eingesetzten Großaufnahmen die Dramatik des Geschehens noch in einer Weise zu erhöhen, wie sie für die Zuschauer im Saal mit ihrer statischen Perspektive auf die Bühne so nicht erlebbar war.

Jenseits der großartigen Inszenierung begeistert "Hamilton" aber schlicht und ergreifend durch seine monumentale Brillanz. Es ist kaum zu fassen, dass Lin-Manuel Miranda (der auch selbst die Hauptrolle als Alexander Hamilton spielt) die gesamten Texte und die Musik zu diesem epochalen Werk fast komplett allein verfasst hat. Von der ersten Minute an brettert das Stück mit grandiosem Tempo durch eine immens dicht gepackte Handlung, beginnend mit Hamiltons Ankunft in New York als gleichermaßen mittelloser wie genialer junger Mann, über seinen Aufstieg zur rechten Hand von George Washington während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, bis hin zu seiner Schlüsselrolle beim Aufbau der neuen Nation, aus der die heutigen USA erwuchsen.

Wie Miranda es schafft, aus diesem vermeintlich trockenen Stoff für eine langweilige Geschichtsstunde eines der mitreißendsten Bühnenerlebnisse zu machen, das man je gesehen hat, ist schlichtweg erstaunlich. Er vermischt klassische Musical-Standards mit Einflüssen aus R'n'B, Jazz und vor allem Hiphop und übersetzt die historisch verbürgten Geschehnisse von damals in einen Jargon, der sie von jeder Verstaubtheit befreit und "Hamilton" zu einer fast schon unverschämt erfrischenden Geschichtsstunde macht. Dabei vermischt Miranda die großen historischen Ereignisse und Hamiltons Reibereien mit ikonischen Gründervätern wie Washington, Thomas Jefferson, James Madison oder seinem späteren Mörder (und Vizepräsidenten) Aaron Burr mit den emotionalen Wendungen in Hamiltons Privatleben, was das Stück immer wieder mit allzu menschlichen und lebensnahen Dramen erdet und das Publikum auf bodenständige Weise emotional involviert, nachdem gerade wieder viel über Politik gerappt wurde. 

Nicht, dass das eine Schwachstelle wäre, ganz im Gegenteil. Es gehört zu den besonderen kreativen Höhepunkten eines an genialen Momenten pickepackevollen Stücks, wenn das Musical seine Kabinettssitzungen wie Rap-Battles inszeniert und sich Hamilton und Jefferson mit allen Hiphop-Waffen inklusive Disses und "Mic Drops" darüber streiten, ob die USA nun eine zentralisierte Staatsbank bekommen sollen oder nicht. Das ist dermaßen großes Kino, das muss man einfach selbst gesehen haben. 

Es gibt allerdings gewisse Einschränkungen, damit man "Hamilton" wirklich genießen kann. Das Stück ist natürlich nur in der englischen Original-Version zu sehen, immerhin kann man sich englische Untertitel dazuschalten, um vom verbalen Nonstop-Stakkato der teilweise mega-schnellen Texte auch nichts zu verpassen. Aber irgendeine Form von Übersetzung gibt es nicht, man muss im Englischen also schon ziemlich sicher sein, um hier mitgehen zu können. Und zumindest ein gewisses Grundwissen über die Amerikanische Revolution und die Geburtsjahre der Vereinigten Staaten ist definitiv hilfreich, um der Handlung vernünftig folgen zu können und nicht aus Ermangelung von historischem Kontext kaum zu verstehen, worum es hier eigentlich gerade genau geht.

Das führt dazu, dass "Hamilton" nur für einen eingeschränkten Zuschauerkreis wirklich ein Genuss werden kann - aber oh mein Gott, wenn man es genießen kann, dann ist es die Sache mehr als wert. Denn selten bis nie hat es ein Musical gegeben, dass dramaturgisch derart geschickt und ausgereift ist und solch komplexe und faszinierende Charaktere entwickelt, allen voran natürlich die Hauptfigur selbst. Wer Alexander Hamilton hier kennen lernt als einerseits arroganter, anstrengender Ehrgeizling und Schürzenjäger und andererseits als zutiefst verunsichertes Waisenkind, der wird tief fasziniert Lin-Manuel Mirandas zentrale Mission verstehen, diesen bislang sträflich unterrepräsentiertem amerikanischen Gründungsvater das historische Scheinwerferlicht zurückzugeben, dass er verdient hat. Diese Mission hat Miranda jedenfalls fraglos erfüllt, mit dem innovativsten, aufregendsten, energiereichsten und größten Wurf der jüngeren Musical-Geschichte. Was. für. eine. Show. 

Bilder: Copyright

10
10/10

Super Musical & Super Rezension!
Trotz gutem Englisch kann man sich das Stück mehrmals anschauen und entdeckt immer wieder Neues.
Mich hat vor allem die Stimme des Hauptdarstellers überrascht, sehr ungewöhnlich mit hohem Ohrwurmpotenzial :)

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