The Front Page

MOH (19): 4. Oscars 1931 - "The Front Page"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 18. November 2023

In der letzten Folge haben wir uns durch ein inhaltlich interessantes aber technisch in bedenklichem Zustand befindliches Melodrama ("East Lynne") gekämpft. Nun widmen wir uns im Nominiertenfeld der vierten Academy Awards des Jahres 1931 der Branche, die aus solch dramatischen Ereignissen nur zu gerne Kapital schlägt. Auf in das Herz des Boulevardjournalismus mit "The Frontpage".


The Front Page

Land
Jahr
1931
Laufzeit
101 min
Genre
Release Date
Oscar
Nominiert "Outstanding Production"
Bewertung
6
6/10

Im Vergleich zu seinem letztjährigen Oscar-Triumph mit dem Anti-Kriegsepos "Im Westen nichts Neues“ begnügt sich Regisseur Lewis Milestone in “The Frontpage“ mit einem deutlich kleineren Setting. Der Großteil der Handlung spielt im Presseraum eines Gerichts, in dem eine Gruppe Sensationsreporter auf Neuigkeiten bezüglich der Hinrichtung eines Mörders im benachbarten Gefängnis wartet. Starreporter Hildy Johnson (Pat O'Brien) möchte zu Beginn des Filmes bei den dortigen Kollegen eigentlich nur mal kurz vorbeischauen, da er seinen stressigen Beruf für die große Liebe an den Nagel hängen will. Doch er hat die Rechnung ohne seinen impulsiven Chef Walter Burns (Adolphe Menjou) gemacht. Der weiß genau, wie schwer es Hildy fällt eine gute Geschichte sausen zu lassen und setzt so alle Hebel in Bewegung, um sein bestes Pferd trickreich weiter im Stall zu halten.

“The Frontpage“ ist eine ziemliche Testosteron-geschwängerte Angelegenheit. Unsere Klatschreporter, denen das Wort Pressekodex nun wirklich gar nichts sagt, liefern sich hier einen derben Schlagabtausch nach dem anderen. Moralisch zwielichtig wirken auch die Gesetzeshüter in dem Film, die auch noch mit einer ordentlichen Prise Inkompetenz ausgestattet wurden. Dieses Weltbild verwundert überhaupt nicht, wenn man sieht, wer den Film produziert hat. Der schillernde US-Unternehmer Howard Hughes hat wieder zugeschlagen und wie schon bei dem hier ebenfalls besprochenen “The Racket“ (1928) lässt er auch hier keine Zweifel daran, was er von gewissen Gesellschafts- und Berufsgruppen hält. Nämlich so gar nix.
 


So eine bitterböse Abrechnung könnte natürlich ein Heidenspaß sein. Doch das konstante Feuerwerk an derben Sprüchen ist auf die Dauer hier echt etwas ermüdend. Zugegeben, vereinzelt gelingen dem Film ein paar ordentliche Dialoge, aber die meiste Zeit muss man sich eben doch semi-unterhaltsame Macho-Sprüche anhören. Vermutlich haben einige davon vor fast 100 Jahren noch deutlich besser funktioniert, da viele davon schon sehr deutlich in ihrer Zeit und dem damaligen Straßenslang verwurzelt sind.

Gleichzeitig versucht Regisseur Milestone dem Geschehen mit seiner Inszenierung noch mehr Schwung zu geben, was nur bedingt eine gute Idee ist. Dass die Kamera fast die ganze Zeit in Bewegung ist und teilweise auch mal spontan in alle Himmelsrichtungen gerissen wird, sorgt in Kombination mit dem genauso schnellen Sprüchefeuerwerk der Protagonisten in manchen Momenten schon für einen sensorischen Overkill. So wünscht man sich hin und wieder die statische Inszenierung vieler anderer zeitgenössischer Kollegen herbei. In anderen Passagen wiederum wirkt diese lebhafte Inszenierung allerdings durchaus passend. Mit einem gewitzteren Skript hätte der Einsatz dieser Stilmittel vermutlich besser funktioniert, aber trotz der Schwächen verleihen sie dem Film immerhin einen modernen Anstrich.
 


So hinterlässt "The Frontpage" in vielen Bereichen einen etwas zwiespältigen Eindruck. Immerhin liefert das Schauspielensemble eine konstant ordentliche Leistung ab, so dass man trotz leichtem Erschöpfungssyndrom doch irgendwie immer noch am Ball bleibt. Interessanterweise versuchten sich zwei der größten Hollywoodregisseure Jahre später ebenfalls noch mal an dem Stoff. Howard Hawks schnappte sich dafür 1940 Cary Grant, Billy Wilder in den 1970ern das Duo Matthau und Lemmon. Dass in dieser Geschichte soviel Potential steckt, lässt die Version von 1931 zwar nur in Ansätzen vermuten, bietet aber zumindest noch genug interessanten Stoff, um beim finalen Urteil den Daumen ganz leicht nach oben zu heben.

"The Frontpage" ist aktuell als DVD auf Amazon in Deutschland verfügbar. Alternativ ist der Film auch auf Youtube zu finden (Suche nach "The Frontpage 1931").
 

Hier ein faszinierender Blick in die Restauration von "Spätausgabe" und die Herausforderung überhaupt die richtige Version alter Filme zu entdecken – auch aufgrund der Tatsache, dass unterschiedliche Märkte Anfang der 1930er auch unterschiedliche Takes von Szenen zugeteilt bekamen.


Ausblick
In unserer nächsten Folge treffen wir auf einen kleinen Lausbuben, an dessen Alltagsabenteuern im Kino auch einer der kreativsten Drehbuchautoren Hollywoods beteiligt war.


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