Der Junge mit dem Fahrrad

Originaltitel
Le gamin au vélo
Jahr
2011
Laufzeit
87 min
Genre
Release Date
Bewertung
9
9/10
von Patrick Wellinski / 29. Januar 2012

Wer meint Forrest Gump wäre um sein Leben gerannt, der hat den kleinen Cyril (Thomas Derot) noch nicht Fahrrad fahren sehen. Wenn dieser aufgeweckte, lebhafte Zwölfjährige in die Pedale tritt, dann nicht um vorwärts zu kommen, sondern um aus einem Leben zu flüchten, einem bedrückenden Alltag, der ihn nicht haben möchte. Wie jedes liebende Kind glaubt Cyril an das Versprechen seines Vaters (Jéremie Renier), dass dieser ihn aus dem Waisenhaus abholen wird. Doch als dieser sich nicht blicken lässt, reißt Cyril aus, nur um zu erfahren, dass der Vater die einstige gemeinsame Wohnung verlassen und selbst das heißgeliebte Fahrrad des Jungen verkauft hat. Noch bevor Cyril handeln kann, verfolgen ihn die Mitarbeiter des Waisenhauses. Auf der Flucht klammert er sich wahllos an einer Frau fest. Es ist die Friseurin Samantha (Cécile De France).

Diese zufällig aussehende – doch auf den zweiten Blick äußerst genau orchestrierte – Begegnung ist der Beginn des neuen Films von Jean-Pierre und Luc Dardenne („L'enfant“, „Lornas Schweigen“). Die gutherzige Samantha wird Cyril sein Fahrrad wiederbringen und ihn kurz darauf zu sich nach Hause holen. Doch der Junge begreift sein Glück nicht, ihn zieht es wieder zu seinem Vater, der ihn immer wieder abweist.

„Der Junge mit dem Fahrrad“ ist ein kleiner, stiller Film, mit kleinen, stillen Bildern, so wie es bisher alle Sozialdramen der Dardennes waren. Vieles erkennt man wieder. Da ist der Besetzungsglücksgriff mit dem aufgeweckten, dynamischen Thomas Derot, einem Laiendarsteller, dessen Energie den ganzen Film von alleine trägt. Da ist auch die so oft von anderen Regisseuren kopierte Kameraführung, die an dem Protagonisten klebt (leicht über der Schulter), ihn begleitet und fast wie eine Art Gewissen an ihm haftet und jede Tat sorgenvoll registriert.
Doch „Der Junge mit dem Fahrrad“ markiert in mehrfacher Hinsicht auch eine Abwandlung in der Handschrift der Regie-Brüder. So arbeiten sie mit Cécil De France zum ersten mal mit einem – für ihre Verhältnisse – Star zusammen. Hinzu kommt, dass sie die Handlung in größere Akte unterteilen, die durch kurze Einblendungen von klassischer Musik abgetrennt werden. Ungewöhnlich ist das deshalb, da die Dardennes bisher vollkommen ohne den Einsatz von Musik in ihren Filmen auskamen. Durch diesen Kniff erhält diese - phasenweise doch sehr helle - Geschichte einen unausweichlich irritierenden Ton.

Doch wie immer begeistert an einem Film der Dardennes diese unmittelbare Natürlichkeit. Handlungen und Personen wirken wie aus dem Leben gegriffen. Nichts ist geschönt, nichts wird dem üblichen Kinokitsch geopfert. Zudem wird weniger etwas erzählt, viel mehr schaut man hier Cyril und Samantha einfach beim Leben zu. Die Gerüchteküche aus Cannes – wo der Film letztes Jahr seine Weltpremiere feierte und den Drehbuchpreis zugesprochen bekam – nährt die Legende, dass die Jury um Robert De Niro eigentlich diesen Film mit der Goldenen Palme auszeichnen wollte. Doch die Dardennes haben schon zweimal das Festival gewonnen. Ein dritter Sieg erschien wohl unnötig. Dabei brauchen wir ihre Filme, und jeder Preis generiert die dringend nötige Aufmerksamkeit, die sie leider immer noch nötig haben.

Kaum ein anderes Kino versteht es so eindringlich und trotzdem dezent von einer reinen Menschlichkeit und Brüderlichkeit zu sprechen, ohne in Pathos zu verfallen. Dabei ist „Der Junge mit dem Fahrrad“ kein Märchen. Es bleibt die pessimistische Inszenierung einer Gesellschaft, in der ein unschuldiger 12-jähriger Junge vor seinem eigenen Vater betteln muss, damit dieser ihn nicht verstößt. Gibt es einen erschütternderes Bild für eine derart erkaltete Welt? Aus dieser asozialen Gemengelage zeigen die Filme der Dardennes – und zwar alle – immer nur einen Ausweg: Rettung gibt es nur in der Begegnung mit dem Anderen, kein Gott, kein politischer Beschluss, kein Geld – nur der Mitmensch kann helfen. Allein er kann uns die Hand reichen, Unterschlupf gewähren oder - schlicht und einfach - uns unser Fahrrad wiederbringen.

Bilder: Copyright

6
6/10

Also ich lasse mir ja nicht vorwerfen, die Filme der Dardenne-Brüder grundsätzlich nicht zu mögen. „Der Sohn“ und „Das Kind“ sind wirklich zwei extrem beeindruckende und lohnenswerte Filme. Dagegen hat mich „Der Junge mit dem Fahrrad“ regelrecht enttäuscht. Bestenfalls ganz akzeptabel aber nicht in der gleichen Liga angesiedelt, wie die beiden zuvor genannten Werke. Die in der Kritik erwähnte „äußerst genau orchestrierte Begegnung“ zwischen der Friseurin und Cyril hat bei mir leider nur Mißtöne hervor gerufen. Oder ich habe den Einsatz verpaßt. Ich fand sie einfach nur extrem unglaubwürdig und an den Haaren herbei gezogen. Leider insgesamt nicht überzeugend.

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