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Chaos im Netz

Chaos im Netz
animationskomödie , usa 2018
original
ralph breaks the internet
regie
rich moore, phil johnston
drehbuch
phil johnston, pamela ribbon
cast
john c. reilly,
sarah silverman,
gal gadot,
taraji p. henson,
alan tudyk, u.a.
spielzeit
112 Minuten
kinostart
24. Januar 2019
homepage
bewertung

7 von 10 Augen
Chaos im Netz - Poster

Als "Wreck-it Ralph" 2012 das erste Mal die Leinwand stürmte, begeisterte der Film mit einer höchst originellen Story-Welt und sehr liebenswürdigen Charakteren, und war als Hommage an die guten alten Tage der Videospiel-Kultur fast eine noch größere Freude für erwachsene Zuschauer als für kindliche. Gut sechs Jahre später darf der grobschlächtige 8-Bit-Videospiel-Held mit den dicken Pranken nun auf ein weiteres Abenteuer gehen, das sich als ähnlich, aber leider nicht genauso stark erweist wie das Original.

Chaos im NetzEigentlich ist alles gut in der überschaubaren Videospiel-Welt innerhalb der Automaten in der Retro-Spielhalle von Mister Litwak, und seit sie sich im ersten Teil angefreundet haben, verbringt das sehr ungleiche Duo aus Wreck-it Ralph (im Original gesprochen von John C. Reilly) und der kleinen Rennspiel-Flitzerin Vanellope von Schweetz (Sarah Silverman) jeden Feierabend zusammen auf gleiche, gemütliche Weise. Für Ralph könnte das Leben endlos so weitergehen, Vanellope jedoch fühlt sich von der Alltags-Monotonie und den ewig gleichen Rennstrecken in ihrem Spiel gelangweilt und würde gerne mal etwas anderes sehen. Diese Gelegenheit ergibt sich schließlich ungewollt durch zwei Ereignisse: Mister Litwak schließt einen WLAN-Router in seiner Spielhalle an, und durch einen an sich gut gemeinten Gefallen von Ralph wird das Lenkrad am Automat von Vanellopes Spiel "Sugar Rush" so demoliert, dass Mister Litwak gezwungen ist, ihn abzustellen. Die einzige Chance, um das Zuhause von Vanellope und den anderen kleinen Rennfahrerinnen zu retten: Ralph und Vanellope machen sich durch den WLAN-Router auf in die unbekannte, fremde Welt des Internet, wo man über etwas namens Ebay an das so dringend benötigte Ersatzteil für den Spielautomaten kommen kann. 

Chaos im NetzWas die Kreation seiner Handlungswelt betrifft, ist "Ralph breaks the Internet" (um den uninspirierten deutschen Titel zu ignorieren) ein ähnlich großer Wurf wie sein Vorgänger. Von dem Moment an, als Ralph und Vanellope im Router quasi zu einem Datenpaket geschnürt und die Glasfaserleitung runtergeballert werden, ist man als Zuschauer erstmal eine ganze Weile damit beschäftigt, staunend zu entdecken, wie der Film das Internet visualisiert und in eine begehbare Welt umsetzt, die seine Helden entdecken können. Reihenweise werden hier kleine Aspekte der Online-Welt auf sehr kreative und lustige Art durch neue Charaktere personifiziert, von der Auto-Ausfüll-Funktion einer Suchmaschine über einen Klick-Maximierungs-Algorithmus bei YouTube bis hin zu nervigen Pop-Up-Werbeanzeigen und der halbseidenen Schattenwirtschaft professioneller "Looter". All diese Einfälle rangieren zwischen "gut gelöst" und "geradezu brillant" und machen "Ralph breaks the Internet" für seine erste Hälfte zu einer ziemlich unterhaltsamen und spaßigen Angelegenheit.

Wie aber schon sein Vorgänger verliert auch die Fortsetzung mit zunehmender Laufzeit immer mehr an Schwung, wenn die Neuartigkeit der Handlungswelt sich gesetzt hat und es nun an der Geschichte selbst und vor allem ihrem Humorpotential ist, den Film richtig in Gang zu halten. Das gelingt hier nur bedingt, und gerade an der Gag-Front muss man konstatieren, dass sich "Ralph breaks the Internet" über seine gesamte Länge schwer tut, wirklich große Lacher zu finden (in der deutschen Fassung könnte dies zusätzlich dadurch erschwert werden, dass der Film einen ganzen Haufen Wortspiel-Witze enthält, die unmöglich zu übersetzen sind und den deutschen Synchronautoren vor schier unlösbare Probleme gestellt haben werden). Chaos im NetzEine bemerkenswerte Ausnahme hat diese Gag-Dichte allerdings: In einer Sequenz, die irgendwo zwischen durchgeknallter Selbst-Beweihräucherung und kongenialer Selbst-Referenz liegt, stolpert Vanellope in einen Raum, in dem sich alle (!!!) Disney-Prinzessinnen der Animationsfilm-Geschichte tummeln. Was hier für ein Feuerwerk an filmischem Meta-Humor abgebrannt wird, ist für jeden mit Disney-Filmen aufgewachsenen Kino-Freak ein wahres Fest. 

Die eventuell mitgebrachten Kinder werden indes nur bedingt verstehen können, was hier gerade so witzig ist, und das gilt gleichermaßen für einen Gutteil des Films. Die zahllosen satirischen Seitenhiebe auf die Online-Kultur und ihre Auswüchse übersteigen jede kindliche Lebens- und Erfahrungswelt bei weitem, wohl selbst für einen 12-jährigen, der schon seit vier Jahren ein eigenes Smartphone hat. Das ist einer der Gründe, warum "Ralph breaks the Internet" nur bedingt kindertauglich ist. Ein anderer ist das Autorennspiel "Slaughter Race", ein MMORPG irgendwo zwischen "Grand Theft Auto" und "Need for Speed", mit dem Vanellope durch ihren Internet-Ausflug Bekanntschaft macht und dort ihre wahre Bestimmung findet. Die Konzeptionierung auch dieser Spielwelt in der Spielwelt ist den Filmemachern sehr gut gelungen, die sorglose Videospiel-Gewalt, die hier zelebriert wird, könnte einigen Eltern aber für ihre Kleinen im Kino zu weit gehen. 

Chaos im NetzWas "Ralph breaks the Internet" von vielen Animationsfilmen abhebt und letztlich dafür sorgt, dass man als Zuschauer auch trotz weniger Witz und Tempo in der zweiten Filmhälfte involviert bleibt, ist die Ernsthaftigkeit, mit der er seine zwei Hauptfiguren behandelt. Tatsächlich lauern hier einige gar nicht so unkomplexe Themen rund um Fragen, die viele tiefe und jahrelange Freundschaften bewegen. Schon zu Beginn wird angedeutet, dass Ralph und Vanellope eigentlich grundverschiedene Bedürfnisse haben und Vanellopes (zunächst noch diffuses) Bedürfnis, mehr sehen und erleben zu wollen, sich zu einem ernsthaften Prüfstein für ihre Freundschaft mausern wird. Wie dieser überzeugend in den Charakteren angelegte Konflikt dann eskaliert, wirft wiederum ein Schlaglicht auf einen Aspekt, der für viele finstere Aspekte des Internets zuständig ist - männliche Unsicherheit, und zu welch toxischem Verhalten sie führen kann, wenn sie mit ihren größten Ängsten konfrontiert wird. 

Das ist auf einer psychologischen Ebene tatsächlich ziemlich ausgereift. Man kann sicher auch argumentieren, dass der Film es damit etwas weit treibt und in seinem Showdown eine alles andere als subtile Holzhammer-Metaphorik auffährt, um die Moral seiner Geschicht' mit aller Kraft durchzuprügeln. Es bleibt dennoch dabei, dass "Ralph breaks the Internet" auch in seinen schwächeren Momenten immer dadurch zusammengehalten wird, dass er die emotionale Freundschaftsgeschichte in seinem Kern niemals aus den Augen verliert und sehr aufrichtig auserzählt. Letztenendes nicht ganz so ein großes Vergnügen wie sein Vorgänger, aber immer noch sehr ordentliche Arbeit. 

Frank-Michael Helmke

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