Absurdistan

Jahr
2007
Laufzeit
85 min
Genre
Regie
Release Date
Bewertung
7
7/10
von Patrick Wellinski / 5. Januar 2011

"Die Legende besagt, als Gott die Erde aufteilte, kamen die Abgesandten meines Dorfes so spät, dass bereits alles Land vergeben war. Da meine Vorfahren aber so fröhlichen Gemüts waren, schenkte Gott ihnen den Landstrich, den er für sich reserviert hatte, und zog in den Himmel."

So beginnt Veit Helmers neuster Film Absurdistan. Absurdistan, ein kleines unbekanntes Dorf im öden Nirgendwo zwischen Europa und Asien, wird schon lange von keinem Außenstehenden mehr besucht. Zeit genug für die skurrile Bevölkerung, sich ihrem alltäglichen Leben hinzugeben. Doch dann, eines Tages, kommt aus dem alten Wasserohr (welches die ganze Stadt mit dem lebensspendenden Trinkwasser versorgt) kein Tropfen mehr. Die Rohre sind mit der Zeit marode geworden und an einigen Stellen gebrochen. Besonders schwer trifft dies die weibliche Stadtbevölkerung Absurdistans. Sie müssen sich nicht nur mit dem Durst und der alltäglichen Belastung herumplagen, sondern auch mit ihren nichtsnutzigen Männern, die sich vor jeglicher Verantwortung drücken.

Veit Helmer erblickte in einer deutschen Tageszeitung einen kleinen Bericht, demzufolge sich 2001 in einem türkischen Dorf die Frauen den Männern verweigerten, bis diese endlich die kaputten Wasserleitungen reparieren würden. Sofort wusste der Regisseur, dass er daraus einen Film machen wollte, in dem er ein junges Paar in den Mittelpunkt stellt, dass gerade ihr erstes Mal erleben wollte und nun durch den Streit zwischen den Fronten steht. Und so lernen wir im Film Timelko (Maximilian Mauff) und Aya (Kristyna Malérová) kennen, die nur sechs Tage haben um endlich miteinander zu schlafen, denn dann verschwindet die für ihre Liebe so günstige Sternenkonstellation (übrigens: Jungfrau und Schütze).

Veit Helmer darf als einer der vielseitigsten und wandlungsfähigsten Jungregisseure Deutschlands gelten. Mit seinem letzten faszinierenden Film "Behind the Couch - Casting in Hollywood" bewies er, dass er sogar als Dokumentarfilmer erfolgreich sein kann. Mit seinen Spielfilmen wie dem etwas schwerfälligen "Tor zum Himmel" und seinem Erstling "Tuvalu" zeigte Helmer, dass er ein Talent für den absurd komischen Witz hat. An "Tuvalu" erinnert auch "Absurdistan". Schließlich kann man auch von diesem romantischem Märchen sagen, dass es sich um einen nahezu expressionistischen Stummfilm handelt. So wird das Geschehen auf der Leinwand fast ausschließlich von einem Off-Kommentar begleitet. Dies mag auch daran gelegen haben, dass die Darsteller aus insgesamt 16 (!) europäischen Ländern gecastet wurden. Der sehr vitale und wandlungsfähige deutsche Jungschauspieler Maximilian Mauff, der gerade auch im Dennis Gansels "Die Welle" zu sehen ist, überzeugt als einer der wenigen deutschen Ensemblemitglieder.

Atmosphärisch versucht Helmer in seinem Film die zauberhafte Schönheit aus "Die fabelhafte Welt der Amelie" und den robust-exotischen Charme aus den Erzählungen der Märchen aus 1001 Nacht zu kombinieren. Daher gibt es Momente, die ohne Zweifel bezaubern und faszinieren, wenn zum Beispiel der hormongesteuerte Timelko mit einem an Drähten und Schnüren befestigten Bett die verwirrte Aya über die Dächer der ganzen Stadt zieht. Aber es gibt auch nicht wenige Momente die einfach langweilen, da der Regisseur es nicht schafft seine Ideen und Witze explodieren und wirken zu lassen. Viel zu oft plätschert der Film daher vor sich hin, wie ein kleiner Wasserstrom den keiner beachtet.
Und als ob Veit Helmer es vielleicht gewusst hätte, dass er nur auf inszenatorischer Sparflamme kocht, lässt er Aya und Temelko am Ende des Films auf einer riesengroßen Wasserfontäne reiten. Eines der wenigen Bilder die bleiben werden. Ein schön verspieltes Symbol für die Schwerelosigkeit und Leichtigkeit der ersten Liebe. Man hätte sich gewünscht, diesem traumhaften Gefühl in diesem Film schon viel eher zu erliegen.

Bilder: Copyright

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