So viele Filme leiden an Ideenlosigkeit,
"Code 46" weiß dagegen gar nicht wohin mit all den
Ideen. Das Drehbuch vereint so viele Einfälle, zum Teil nur als
dahin geworfene Details, dass es gar nicht alles erklären oder
aufklären kann. Einige Zuschauer wird dies vielleicht frustrieren,
genau wie der langsame, nachdenkliche Erzählstil und die kühle
Inszenierung. An all diesen Dingen schieden sich beim amerikanischen
Kinostart von "Code 46" die Geister (der deutsche Kinostart
war leider quasi nicht existent), von Begeisterung bis Verriss und
viel dazwischen waren alle Meinungen vertreten. Eins aber ist klar:
Wer mit den richtigen Erwartungen an diesen Film herangeht, der wird
nicht enttäuscht werden.
Denn "Code 46" ist intelligente Science-Fiction, die statt
auf Action oder Effekte auf Atmosphäre und Ideen setzt. Wem also
"Solaris" oder "Gattaca" gefiel, der wird hier
auch fündig werden. Denn obgleich sich einige Details dieser
von Drehbuchautor Frank Cotrell Boyce gut durchdachten Welt vielleicht
erst beim zweiten Anschauen erschließen, so ist schon nach kurzer
Zeit klar: Diese Zukunftsvision ist konsequent aus der jetzigen Zeit
fortentwickelt und in sich stimmig.
Bestes Beispiel ist die in der abgebildeten Welt gesprochene Sprache.
Englisch hat sich endgültig durchgesetzt, dabei aber alle anderen
Sprachen assimiliert, was sich in Bruchstücken aus Spanisch,
Französisch, Mandarin und Arabisch widerspiegelt. Diese Entwicklung
scheint - im Gegensatz zu vielen anderen Zukunftsfilmen, in denen
es bizarre Entwicklungen gibt - durchaus logisch und konsequent,
wie auch die gezeigten Folgen des Ozonlochs. In der Welt von "Code
46" findet das Leben nachts statt, während man tagsüber
schläft, denn die unbarmherzige Sonne ist der ärgste Feind.
In einer der bemerkenswertesten Szenen des Films laufen die Protagonisten
unter dem Schutz ihrer Jacken - aber es ist nicht der Regen, vor
dem sie sich schützen, sondern die gleißende Sonne. Und
so setzen sich die guten und glaubwürdigen Ideen zu einer nahen
Zukunft fort, darunter auch die Reglementierung des Sexlebens aufgrund
des durch Klonen und künstliche Befruchtung beeinflussten Genpools
der Bevölkerung.
Und
zu eben jenen tollen Ideen gehört auch der titelgebende "Code
46". Ansonsten will man nicht zuviel verraten, denn der Film
lebt auch von seinen dramatischen Wendungen. Daher nur soviel: William
Geld (Tim Robbins, "Mystic
River"), dank eines Empathie-Virus ein mit besonderen Fähigkeiten
gesegneter Ermittler, wird nach Shanghai geschickt. Aus der dortigen
Zentrale der Sphinx' - der das Zusammenleben leitenden Staatsbehörde
- werden "Papelles" herausgeschmuggelt und illegal verteilt.
Diese sind eine Mischung aus Ausweis und Visa. Robbins findet in
Maria Gonzalez (Samantha Morton, "Minority
Report") schnell eine Verdächtige, aber die junge
Frau hat eine merkwürdige Anziehungskraft auf ihn. Als beide
eine Affäre beginnen, müssen sie diese vor den allgegenwärtigen
Augen der Staatsmacht verbergen
.
Wie fast schon üblich im Genre zeigt auch "Code 46"
kein sehr angenehmes Bild von der Zukunft. Dabei lässt das
Drehbuch durchaus seine Vorbilder durchscheinen, neben dem "Blade
Runner" besonders die Dystopie-Klassiker "Brave New
World" und "1984". Dem "Big Brother is watching
you"-Motto des Letzteren wird hier als Entsprechung "The
Sphinx knows best" entgegengestellt, die Klon- beziehungsweise
Gen-Thematik könnte dagegen locker aus Aldous Huxleys Zukunfts-Roman
stammen. Und die Figur des Ermittlers sowie der beeindruckende Neo-Noir-Look
erinnern sowohl an "Gattaca", einem anderen sehr gelungenen
Film über das Thema Genetik, als auch an Ridley Scotts Replikanten-Klassiker.
Nein, richtig originell sind Konzeption und Geschichte von "Code
46" wahrlich nicht, aber das trübt das Sehvergnügen
so gut wie gar nicht. Denn um die Geschichte selbst geht es eigentlich
kaum, vielmehr um die Ideen dahinter. Und die sind wie gesagt reichlich
und faszinierend.
Vom
Wert der Erinnerung über die Frage nach Schicksal und den ethischen
Aspekten der Genmanipulation wird hier so ziemlich alles an wichtigen
philosophischen Fragen zumindest angeschnitten, neben auch aktuelleren
sozial-kulturellen Themen wie dem Angriff auf die Privatsphäre
oder das Leben in einem Klassensystem. Dafür bleiben andere
Fragen offen, etwa warum William so sehr von Maria angezogen ist.
Vielleicht durch den Empathie-Virus, der sein Gefühlsleben
durcheinander bringt?
Diese und andere Fragen muss der Zuschauer des öfteren allein
beantworten, man muss also aufmerksam dabeibleiben. Wer bei "Code
46" mal eben fünf Minuten Getränkenachschub holt,
dürfte sich im Folgenden schnell verloren vorkommen. Dabei
ist der Film sicherlich nicht perfekt, übernimmt sich mit Manchem
und lässt auch einiges im Unklaren, über das man gern
mehr erfahren hätte. Aber es ist ein Film zum Mitdenken und
zum Nachdenken, eine immer rarer werdende Spezies. Und als wolle
man den enormen Geistesgehalt etwas erträglicher machen, ist
es zudem ein herausragend gefilmtes Werk voller beeindruckender
Aufnahmen. Gerade in Anbetracht des geringen Budgets, das keinerlei
gebaute Kulissen zuließ und Drehen im Guerilla-Stil an Originalschauplätzen
(Shanghai, Dubai, Jaipur) mit möglichst futuristischem Look
diktierte, ein kleines Wunder.
Das Bild der DVD (Breitbild-Format 2.35:1) ist sehr gut, so dass
die kühnen und beeindruckenden Bildkompositionen perfekt zur
Geltung kommen. Besonders die ausgebleichten Bilder im Sonnenlicht
sind makellos, einzig bei dunklen Szenen treten sehr selten geringes
Flächenrauschen oder kurze Unschärfen auf. Alles in allem
ist der Transfer also sehr gut. Noch mehr begeistern kann der Tonmix,
denn hier werden endlich mal alle Möglichkeiten (sprich: Lautsprecher)
genutzt. So ist besonders in der ersten Filmhälfte auf den
Surround-Lautsprechern ständig was los, und das räumliche
Gefühl durch Geräuschkulisse oder Musikeinsatz ist exzellent.
Wie von Sunfilm gewohnt gibt es zu den deutschen und englischen
5.1-Mixen noch eine deutsche
DTS-Spur. Einziger Wehrmutstropfen im Bereich Ton: Die englische
Tonspur ist beizeiten asynchron zum Bild, gerade bei zwei Szenen
(grob um die 20- und die 40-Minutenmarke) fällt dies störend
auf. Allerdings läuft der Ton nach diesen Aussetzern wieder
ausreichend synchron, vom Benutzen der Originaltonspur sollte man
sich davon also nicht zwangsläufig abhalten lassen.
Zu dem Film hat man noch eine Handvoll Extras spendiert. Neben den
zu erwartenden Bio-/Filmografien und dem Filmtrailer kann man sich
noch einige zurecht entfallene Szenen (3 Minuten) anschauen. Hauptextra
ist aber ein etwa 16-minütiges Making Of, "Obtaining Cover:
Inside Code 46". Obwohl extra für das Heimkino erstellt,
hat das Making-Of leider einigermaßen hohen Werbecharakter
und ist zu kurz, um auf alle wichtigen Aspekte der Filmproduktion
einzugehen. Trotzdem kommen eine Handvoll interessanter Kommentare
herum, was daran liegt, dass sowohl Tim Robbins als auch Regisseur
Michael Winterbottom intelligente und artikulierte Menschen sind.
Bei einem solch reichhaltigen Film wie diesem würde man sich
allerdings einen Audiokommentar wünschen, auf den Winterbottom
leider verzichtet hat. Zumindest verlängern die soliden Extras
das Filmvergnügen etwas und die technische Qualität der
Disc ist wie gesagt sehr gut. Einzig den Gestaltern der DVD-Cover
sollte man beim DVD-Vertrieb Sunfilm mal auf die Finger klopfen,
die haben es nämlich mal wieder geschafft, das Bildformat falsch
anzugeben.
"Code 46" ist ein wirkliches kleines Juwel, dem hoffentlich
auf DVD mehr Zuschauer eine Chance geben als im Kino. Verdient hat
es diese ausgesprochen interessante Zukunftsvision allemal.
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