|
|
| filmszene special: Interview mit "Sehnsucht"-Regisseurin und Drehbuchautorin Valeska Grisebach |
|
Valeska Grisebach ist eine eher unauffällige Person. Wie sie mir da gegenüber sitzt und über ihren ersten abendfüllenden Spielfilm "Sehnsucht" spricht, strahlt sie aber dennoch eine äußerst angenehme Aura aus. Grund zum strahlen hat sie alle mal, denn seinen ersten Langfilm gleich im Wettbewerb der renommierten Berlinale zu haben, ist eine außergewöhnlich hohe Ehre. Die Filmkritiker überschlagen sich mit Lob und negative Stimmen sucht man fast vergeblich. Ein Grund mehr, diese äußerst interessante Frau zu befragen. Im Interview spricht Grisebach über Brandenburg, Milos Forman und Alkoholexzesse beim Dreh.
Grisebach: Ich finde es gut, dass Sie sagen, dass er dieses Glück
geschenkt bekommt. Es war für mich immer ein wichtiges Motiv für
die Geschichte, dass man Liebe nicht immer eindeutig sortieren kann. Denn
es wirkt geheimnisvoller und unlogischer, dass obwohl man glücklich
ist, oder man für sich in einem Leben ist, wo alles an seinem Platz
zu sein scheint, dann trotzdem alles verkompliziert. Am Ende wird das bisherige Leben von Markus von einer Art Kinderchor zusammengefasst. Warum wählten Sie diese Methode, um das bisher Geschehene zu reflektieren? Man hätte ja durchaus Markus auf dem Off sprechen lassen können. Das Ende war von Anfang an so gedacht. Ich fand es schön, dass Markus' Geschichte, seine ganz persönliche Geschichte, zu einer Story wird, die man dann halt so weiter erzählt. Nachdem sein Leben etwas kompliziert und vielleicht auch traurig war, ist Markus doch zum romantischen Helden geworden.
Ich glaube nicht, dass man von einem Trend sprechen kann, denn bei jedem
neuen Film werden die Karten neu gemischt und jedes neue Projekt hat auch
seine eigenen Bedürfnisse. Für mich zum Beispiel war es da wichtig
zu sehen, dass jeder Star seines eigenen Lebens ist. Ich hab zwar auch
professionelle Schauspieler gecastet, aber auch Leute, die ich auf der
Straße angesprochen habe. Die Kamera ist in "Sehnsucht" äußert gefühlvoll, fast schon distanziert. Was war ihnen bei der Kameraarbeit besonders wichtig? Der Kameramann Bernhard Keller und ich haben sehr viel darüber gesprochen und sind zum Teil auch unserer Intuition gefolgt. Wichtig war eigentlich, dass die Kamera immer etwas sehr Schlichtes, Ruhiges und Episches haben sollte. In einem gewissen Sinne auch Umgangssprachliches. Es sollte nicht im Stile einer Handkamera dieses "Sie-sind-live-dabei"-Gefühl vermittelt werden. Mit diesen festkadrierten Bildern sollte es als Widerstand gegen das Dokumentarische gelten. Bei einer so großen Anzahl von Festen, wie sie in "Sehnsucht" gefeiert werden, konnte man da biem Dreh gänzlich auf Alkohol verzichten? Wir haben, ein Glück, dann doch noch mit Alkohol gearbeitet. Diesen
Fehler werde ich nie wieder machen. Die Feste sind natürlich inszeniert,
aber es gibt offene Szenen, und in denen wurde deutlich, dass ich den
Darstellern von Anfang an hätte Schnaps geben sollen. Wenn man zu
spät mit dem Bier oder mit dem Schnaps rausrückt, bringt das
die Akteure eher durcheinander. Gab es aufgrund der Unprofessionalität der Darsteller Szenen, die Sie nicht haben realisieren können? Nein. Es gab keine Probleme, die es mit richtigen Schauspielern nicht auch gegeben hätte. Es gab sicherlich einige schwierige und heikle Szenen, gerade die Liebesszenen. Es war klar, wir machen das. Und doch musste man mit jedem Darsteller noch mal alles besprechen. Die haben ja auch Freundinnen und Freunde. Und alle hat das erstmal ziemlich beschäftigt. Das wichtige dabei war letztendlich, darüber zu sprechen und nicht zu sagen: "Hier, nun macht mal", sondern die Choreographie einzustudieren. Warum spielt Ihre Geschichte in Brandenburg? Es war mir persönlich sehr wichtig, dass sie in Brandenburg spielt. Ich habe nach einem Ort gesucht, der den märchenhaften Moment meiner Geschichte bedient. Außerdem hat mich Brandenburg einfach auch interessiert, denn ich komme aus Berlin und so war die Gegend auch für mich persönlich sehr interessant. Und trotzdem zeigen Sie uns ein eher untypisches Bild dieser Gegend. Schaut man sich die übliche Darstellung von Brandenburg an, sieht man vornehmlich öde Landschaften gespickt mit arbeitslosen und/oder betrunkenen Menschen. Wollten Sie dieses Bild gerade rücken? In den Vorbereitungen hat mich Brandenburg unheimlich begeistert. Ich bin da sehr offenen und herzlichen Leuten begegnet, die phantasievoll bei dem Projekt mitgeholfen haben. Sicherlich haben sie mit vielen Missgeschicken des Lebens zu tun, aber gleichzeitig bringen sie eine solche Kraft mit sich und geben nicht auf. Das hat mir sehr imponiert. Wie wichtig ist Ihnen Erfolg beim Publikum? Oder anders gefragt: Wollen Sie kommerziell sein? Das sind immer so Begriffe mit denen man rumhantiert, denn es ist wichtig sich darüber Gedanken zu machen, auf der anderen Seite kann man nur das machen, was man machen kann. Es ist sicherlich unmöglich einen kommerziellen Erfolg zu planen. Für mich ist es bei jedem Film unheimlich wichtig mit dem Publikum zu kommunizieren. Mir ist dann auch deren Meinung wichtig, ob sie den Film interessant finden oder sich kritisch dazu äußern. Es gibt Regisseure, die sich, bevor sie ein neues Projekt anfangen, von Vorbildern inspirieren lassen. Haben Sie auch Vorbilder, die sich in der Filmgeschichte verewigt haben? Ja, die hab ich. Es ist wirklich berauschend immer wieder zu sehen, wie viele grundverschiedene interessante Filme es gibt. Jetzt speziell bei "Sehnsucht" gab es auch Werke die mich begleitet haben. Das waren die frühen Filme von Milos Forman, vor allem "Die Liebe einer Blondine" und "Der Feuerwehrball". Was kommt nach "Sehnsucht"? Haben Sie schon Ideen? Nein, es gibt da wirklich noch gar nichts. Ich bin zur Zeit noch voll beschäftigt mit der Endauswertung von "Sehnsucht", so dass noch keine neuen Projekte am laufen sind. Interview: P. Wellinski |