Sehnsucht

drama, d 2006
original
 
regie
valeska grisebach
drehbuch
valeska grisebach
cast

andreas müller,
ilka welz,
anett dornbusch, u.a.

spielzeit
88 min.
kinostart
07.09.2006
homepage
http://www.pifflmedien.de
bewertung

(9/10 augen)




 

 

 

 


 

Filmszene-Special: Unser Interview mit Regisseurin und Autorin Valeska Grisebach findet ihr >>> hier

 


Sehnsucht, dieses Wort beschreibt das unwiderstehliche Begehren, das man einem Menschen oder einer Sache entgegenbringt. Es gibt Menschen, die an diesem Gefühl zerbrechen, nicht selten führt Sehnsucht in der Kunst und Literatur in den Tod (zum Beispiel Goethes jungen Werther). Die junge deutsche Regisseurin Valeska Grisebach ("Mein Stern") widmet sich in ihrem ersten abendfüllenden Kinofilm nun ebenfalls diesem intensiven Gefühl und zeigt den Leidensweg eines jungen Mannes aus Brandenburg, der an seinem Herzen zerbricht.

Markus (Andreas Müller) ist Kfz-Mechaniker, Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr und liebt seine Frau Ella (Ilka Welz) über alles. Er führt ein glückliches Leben in der brandenburgischen Provinz. Doch bei einem Feuerwehr-Fest in einem anderen Dorf verbringt Markus eine Nacht mit der Kellnerin Rosa (Anett Dornbusch). Es kommt wie es kommen muss: Markus verliebt sich in Rosa und verschweigt seine Ehe mit Ella. Schon bald hält er dieses Doppelleben nicht mehr aus.

Was sich auf den ersten Blick anhört wie ein gewöhnliches Ehebruchdrama, bekommt durch die langsame, gefühlvolle Erzählweise Grisebachs eine fast schon mythische Aura. Der Film zeigt einen Mann, der das Glück geschenkt bekommt, zwei Frauen lieben zu dürfen. Ein Geschenk zweifelsohne, aber leider von unserer Gesellschaft nicht akzeptiert. Valeska Grisebach, die schon in ihrem Debütfilm "Mein Stern" zwei Teenager die große Liebe entdecken ließ, beschäftigt sich mit dem Begehren eines Mannes und zeigt dabei, dass auch das größte Herz zerbrechen kann.
Dabei stellt sie Markus nicht als Übeltäter dar. Es ist die große Kunst der Berlinerin, sich ihren Charakteren mit größtmöglicher Nähe zu zuwenden, ihre Seelenlandschaften nach Außen zu kehren und sie uns so sicht- und spürbar zu machen, dass wir in den Bildern förmlich aufgehen. Bestes Beispiel jene eindrucksvolle Szene, als Markus zum tiefsehnsüchtigen "Feel" von Robbie Williams tanzt. Sein Körper bewegt sich in der Feuerwehruniform zunächst geschmeidig, um dann mehr und mehr mit den Rhythmen der Musik zu verschmelzen. Pure Kino-Magie.

Ein weiteres Wunder des Films ist es, dass Grisebach alle Rollen mit Laiendarstellern (oder, wie sie es lieber nennt, "nicht professionelle Darsteller") besetzt hat. Es ist wohl ihrer präzisen und einfühlsamen Arbeit mit diesen Menschen zu verdanken, dass alle drei Hauptdarsteller mehr als nur überzeugen. Sie ziehen das Publikum ganz schnell in ihren Bann, allen voran Andreas Müller als Markus, der sein inneres Zerwürfnis ungemein authentisch zu transportieren vermag. Dabei wird die poetische Stille, die teilweise die Bilder beherrscht, von äußerst abstrakten Dialogen durchbrochen. Kein Wunder: die Figuren in "Sehnsucht" sind überlebensgroß gezeichnet und reden überhöht, um der Geschichte ihren magischen Moment zu bewahren.

All das wird von Bernhard Keller, dem Kameramann, in makellose, fast schon zerbrechliche Bilder gepackt. Man ergötzt sich an so gut wie jeder Einstellung und ist hingerissen von den tiefgründigen Spannungsfeldern, die zwischen den Protagonisten entstehen. Die Leere der brandenburgischen Provinz erscheint immer wieder in einem wunderschönen mystischen Licht. Keine Tristesse, keine betrunkenen Obdachlosen und keine Arbeitslosenhochburg. Brandenburg erscheint als traumhafte Kulisse für dieses Schicksalsdrama.
Es gibt keinen sichtlichen Schwachpunkt in diesem Film. Wieso man deshalb nicht gleich zur Höchstpunktzahl greift? Weil man der Regisseurin durchaus noch besseres und größeres zutrauen darf. Man sollte ihr deshalb nach oben hin noch ein wenig Spielraum lassen.

"Sehnsucht" ist ein stilles, meisterhaft inszeniertes Drama. Am Ende fassen Kinder ganz im Stile des antiken Chors das Geschehene zusammen, und spätestens dann bekommt die Geschichte das Antlitz einer griechischen Tragödie. Man sollte es ruhig riskieren und sich für diesen Film ins Programmkino verirren, denn ein derartig sinnliches Erlebnis für Kopf und Geist bekommt man im Kino nur sehr selten geboten.

P. Wellinski

 


Name: Seher
Email: -
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

"Der Film zeigt einen Mann, der das Glück geschenkt bekommt, zwei Frauen lieben zu dürfen. Ein Geschenk zweifelsohne, aber leider von unserer Gesellschaft nicht akzeptiert."

*sprachlos*



Name: Twiggel
Email: orkhiker@lycos.de
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

Also bei dem Satz ist mir auch die Kinnlade runtergeklappt.
Ich hoffe doch mal sehr, dass der Autor das nicht ernst gemeint hat...



Name: priscilla2603
Email: priscilla2603@web.de
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

klar meint der autor das ernst. die meisten schaffen es doch nicht mal einen menschen zu lieben .



Name: priscilla2603
Email: priscilla2603@web.de
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

wow - wer es geschafft hat der provinz zu entfliehen weiß spätestens jetzt dass er nicht wieder zurückkehren darf. von wegen fehlende tristesse - die besteht hier zwar nicht aus dem typischen obdachlosen an der ecke sondern in der enge des eigenen lebensraumes aber dennoch werden die großen gefühle fast noch größer und schwerer durch dieses umfeld. vielleicht fasst die regisseurin das geschehen nachher als antiker chor zusammen - in der provinz nennt man das einfach klatsch und weitergeben von halbwissen als ersatz dafür, die betroffenen zu fragen und die tatsächlichen beweggründe ihres handelns zu erfahren statt sich mit seinen eigenen spekulationen und vorgefertigten meinungen zufrieden zu geben. aber die liebe oder was man dafür hält - das begehren , die sehnsucht - finden überall statt und in dieser atmosphäre vielleicht am intenivsten - hier fehlt jede leichtigkeit und schwerelosigkeit - die trostlosigkeit steht allen ins gesicht geschrieben und ihre phrasen und art der kommunikation lässt keine nach außen getragenen gefühle zu. markus muss offensichtlich zwei frauen lieben um genug zu bekommen um das zu überleben - anders kann er seine gefühle nicht ausdrücken. und muss schmerzlich erkennen dass er diesen weg auch nicht gehen kann.



Name: zelig
Email: egal@egal.de
Bewertung:                     (9 von 10 Digital Eyes)

Dieser Film hat mich umgehauen.

Vor allem durch die radikale Machart.

Weniger durch die eigentlich doch recht banale Geschichte.

Ein Mann und zwei Frauen: also die ganz große, neue Filmidee ist das jetzt nicht gerade. Und psychologisch besonders tiefgründig herausgearbeitet wird die Hin- und Hergerissenheit innerhalb des Beziehungsgeflechts auch nicht unbedingt. Geredet wird ebenfalls nicht wirklich viel. Wobei gerade diese Minimalkonversation so wunderbar undrehbuchmäßig, so bedrückend hilflos echt und deshalb beeindruckend real erscheint.

Sensationell ist der Realismus, der den gesamten Film durchzieht. Vielleicht ist „spannende Langeweile“ die Formulierung, die es am besten trifft. Die gezeigten Szenen wirken so real, so ungekünstelt, so im wahrsten Sinne des Wortes ungeschminkt, daß dies das eigentliche Erlebnis an diesem Film ist.

Schon in einer der Eingangsszenen, als Familie und Freunde nett bei einem Gläschen zusammen sitzen und Konversation miteinander betreiben: großartig beobachtet.

Das gemeinsame Geklimpere von „Ich möchte ein Eisbär sein“ – Wahnsinn.

Die gesamte Dorfatmosphäre: perfekt eingefangen.

Und der Schluß: ungewöhnlich, aprupt, radikal wie der ganze Film.

Vielleicht wirkt „Sehnsucht“ im Kino auch deshalb so brutal real, weil man eigentlich auf das Erleben einer Scheinwelt eingestellt ist, statt dessen aber das wahre Leben im Großformat vorgeführt bekommt.

Da capo!

Freue mich schon auf das nächste Filmprojekt von Valeska Griesebach.









Name: Stan
Email: -
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

@Seher: Tja, von der Gesellschaft "leider" nicht akzeptiert. Damit ist das Thema "Harem" ja nun wohl abgehakt...



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Bewertung: von 10 Augen