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Eine
WG in Buenos Aires. Hier wohnen:
Morón. Leicht dicklich, recht schüchtern und sehr unglücklich
verliebt. In Mitbewohnerin Ailí. Will Regisseur werden. Interviewt
Menschen auf der Straße mit der Videokamera. Fragt sie "was
Glück bedeutet", weil er es selbst sucht.
Ailí. Chinesische Einwanderin. Ihre künstlerischen Begabungen
liegen brach, seit sie als Motorradkurier jobbt. Wird sie das überdenken?
Wird sie Morón erhören?
Toro. Die dicke Stimmungskanone. Reinigt Hotelzimmer, redet viel
Unsinn, tagträumt von der großen Schauspielkarriere.
Sein erstes Casting wird ein Erfolg. Oder doch nicht?
Enquis. Hübsch, einsam und mit Fernweh. Stressiger Job als
Helfer in der Großküche. Er träumt davon, seine
große Liebe in Paris in einem Café zu treffen. Vielleicht
muss er nicht so weit entfernt suchen?
Fer. Moróns älterer Bruder. Nur zeitweilig eingezogen.
Soll ein Zimmer streichen. Geht nicht. Er ist zu deprimiert. Was
wird sein deutscher Boss dazu sagen?
Und als heimlicher Gaststar des Films: Ladies und Gentlemen, treffen
sie Buenos Aires...
Nach
letzter Woche und dem Start von "Pieces
of April" heißt es auch jetzt noch mal "Augen
auf" für einen kleinen, feinen Film, der nur auf sehr
wenigen deutschen Leinwänden laufen wird. Drei, um genau zu
sein. Wer aber Zugang zu einem der drei Kinos hat, der möge
doch eiligst dorthin, bevor "B.Aires" aus ihnen wieder
verschwindet. Belohnt wird man mit einem sehr schönen Film
übers Erwachsenwerden mit all seinen bittersüßen
Seiten, von dem argentinischen Debütanten Ariel Rotter. Jobsuche,
Partnersuche - die Standbeine des Subgenres bleiben dieselben. Aber
es ist eben alles aufrichtiger, liebevoller, witziger, origineller
und weniger einfältig als in der Standardware, die Hollywood
so zum Thema fabriziert. Zwar schrammen ein zwei Charaktere haarscharf
am Stereotyp vorbei (der dicke Witzbold, der schweigsame Schönling),
aber jede der Figuren hier ist glaubwürdig und realistisch,
bekommt verdiente Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Hier kriegen
auch dickliche Jungs ein Mädchen, und nicht auf verlogene Art.
Unerlässlich für das Porträt dieser jungen Leute
ist aber, wie die Nachwuchsdarsteller ihre Rollen durchgehend überzeugend
mit Leben füllen. Ein wunderbar funktionierendes Ensemble.
Eine Performance sahnt dennoch die meisten guten Szenen und lautesten
Lacher ab: Damián Dreizik als untalentierter, aber von sich
eingenommener Schauspieler in spe wirkt wie die argentinische Jungvariante
von Jack Black. Ähnlich wie bei dessen mit sprühendem
Anarchowitz ausgestatteten Charakteren freut man sich auch hier
jedes Mal, wenn der übermütige Toro ins Bild tritt. El
toro encohetado der guten Laune.
Schönste
Idee Rotters ist, Moróns Videoaufnahmen zwischen die Haupthandlung
zu schneiden, in denen die Menschen auf der Straße erklären,
was Glück für sie ist. Das ist mal absurd, mal witzig,
mal einfach nur schön. Ob dies nun echte Aufnahmen sind oder
einfach nur verdammt gut gespielte - Rührenderes, ja Anrührenderes,
hat man lange nicht gesehen. Wie überhaupt Rotter sich in der
Wahl der Mittel nur ein einziges Mal vergreift. Den Autoverkehr
in Buenos Aires in Zeitraffer zu filmen und als Metapher für
das Leben, das an den jungen Protagonisten vorbeizieht, zu gebrauchen
- das ist abgenudelt und platt. Aber was soll's. In der Torheit
der Jugend darf's auch mal eine Plattheit sein. Es bleibt die Einzige.
Ansonsten hat Rotter alles im Griff: Die einzelnen Erzählstränge
um die chaotischen WG-Bewohner etwa zeichnen durch ihre kreisförmigen
"Vorwärts-Zurück-Gehe nicht über Los"-Bewegungen
das Leben geschickt nach, wie es sich Anfang/Mitte der eigenen 20er,
wenn "der Ernst des Lebens" anfängt (oder eben auch
nicht), abspielt. Denn mal ehrlich, wessen Karrieren und/oder Liebesaffären
verlaufen schon so gradlinig, wie es uns Hollywood immer gerne glauben
macht? Das Leben ist eben weder ein langer, ruhiger Fluss, noch
ein ständiger Wildwasserfall - sondern das hilflos-unbeholfene
Paddeln in einem großen See von Möglichkeiten und Entscheidungen,
der eigenen wie der der Anderen. Darum geht's in "B.Aires".
Für Ailí etwa, die vor wichtigen Fragen steht: Weiter
als Motorradkurier jobben - oder doch der Kunst nachgehen, die sie
mittlerweile fast vergessen hat. Den unbeholfen um sie werbenden
Morón nehmen - oder lieber doch nicht.
Und
so ähnlich gestaltet sich das Treiben in "B.Aires"
für alle Charaktere, frei nach Moróns ernüchterter
Feststellung "Wir sind das, was wir tagtäglich machen,
nicht das, was wir uns erträumen". In kleinen, wunderbar
beobachteten Szenen lässt Jungregisseur Rotter, dessen eigene
Erinnerungen in die Hauptfigur Morón einflossen, diese liebevoll
gezeichneten Charaktere ihre Lehren ziehen - ob sich ihr Leben dadurch
nun entscheidend ändert oder nicht. Denn damit macht sich "B.Aires"
endgültig zu einem wunderbar ehrlichen Film zum Thema: Patentlösungen
gibt's nicht, Happy Ends werden höchstens angedeutet. Wird
Equis die Traumfrau aus dem französischen Café treffen?
Wird Toro die, sagen wir mal: undistinguierte Bühnenrolle annehmen?
Einzig Ailí und Morón gönnt Rotter eine klare
Entscheidung, vielleicht weil Morón sein Zelluloid-Ich ist
und es verdient hat. Aber den Rest kennen nur die pulsierenden Straßen
von Buenos Aires.
P.S.: Danke an Flax Film, dass Sie mit diesem Streifen und dem
in Kürze folgenden "Tierra" wahre Schätze zu
Tage fördern, die viel zu lange keine deutsche Leinwand erblickten.
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