Niki (Leo Woodall) ist Klavierstimmer. Als Assistent des alteingesessenen und schon etwas kauzigen Harry (Dustin Hoffman) gondelt er durch die Gegend und stimmt zum größten Teil Instrumente, die bei sehr reichen Menschen eigentlich nur ungenutzt als schmückende Möbelstücke rumstehen - wenn nicht zufällig gerade mal Billy Joel für ein Spenden-Event eingeladen ist und ein paar Lieder spielen soll. Doch dieses gemächliche Dasein gerät aus den Fugen, als auf Harry und seine Frau Marla (Tovah Feldshuh) horrende Gesundheitskosten zukommen - und Niki sich dazu verführen lässt, diese zu begleichen, indem er sein neuestes, per Zufall entdecktes Talent einsetzt: Safes knacken...
"The Piano Tuner" ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie frisch sich ein Film anfühlen kann, der eigentlich nichts tut, außer sattsam (ab)genutzte Story-Elemente ein weiteres mal aufzuwärmen - aber dies halt mit einer schwungvollen Inszenierung, konturenreichen Figuren und der Einbettung seiner Handlung in einen Mikrokosmos, der alles andere als sattsam bekannt ist. Oder wie viele Filme über einen Klavierstimmer hast du schon gesehen? Eben.
Wirklich originell ist hier auf erzählerische Ebene bei näherer Betrachtung wirklich wenig. Weder die Erzeugung einer plötzlichen finanziellen Not, noch die Einbettung eines Liebes-Subplots (dank des Auftauchens der ambitionierten Konzertpianistin Ruthie alias Havana Rose Liu) oder die schleichende "Er hat sich auf eine Sache eingelassen, aus der er nicht wieder rauskommt"-Eskalation. Auch die ganze Anbahnung, wie Niki sein Safeknacker-Talent entdeckt und ihm dann auch noch die passende Gelegenheit vor die Füße fällt, dieses ziemlich unkompliziert monetarisieren zu können, fühlt sich schon sehr arg nach bequemer Konstruktion an.
Aber sei's drum, das verzeiht man dem Film doch recht gern, wenn er diese Standards mit so einer federleicht-sicheren Hand umsetzt. Der feine Jazz, der hier den Soundtrack durchzieht, ist dabei die akustische Entsprechung des Filmschnitts, den Regisseur und Autor Daniel Roher immer wieder mit kleinen, gelungenen Stakkatos durchzieht wie ein flugs eingeschobenes Solo. Die Figurenzeichnung schafft mit wenigen Strichen lebendige Charaktere, die sich schnell über die Formelhaftigkeit ihrer Plotfunktion hinausheben. Und gerade beim Aufbau seiner Hauptfigur geht Roher klug vor, indem er Niki fürs Publikum sofort mit Fragezeichen auflädt, deren Auflösung man unbedingt wissen will. Es ist überdeutlich, dass dieser Klavierstimmer die ganze Zeit mit nicht nur einem, sondern gleich zwei Hilfsmitteln herumläuft, die seine Hörfähigkeit reduzieren. Ja, reduzieren. Als Klavierstimmer. Was ist denn hier los?
Roher lässt sich viel Zeit damit, diese so schlicht wie wirkungsvoll aufgebaute Frage zu beantworten und seine Zuschauer darüber immer mehr für seine Hauptfigur einzunehmen - ein kleiner, erzählerischer Geniestreich. Unterstützt vom Glücksfall der Besetzung mit Leo Woodall. Wer diesen jungen Mann noch nicht kennt - bitte merken. Der hat noch Großes vor sich. Woodall sieht nicht nur unverschämt gut aus, er ist dazu auch noch ein unverschämt guter Schauspieler. Es ist eine Freude, seinen kleinen Gesten und scheinbaren Reflexen zuzusehen, die so grandios präzise auf dem Punkt sind. Da überstrahlt er teilweise sogar die altehrwürdige Legende Dustin Hoffman an seiner Seite. Und die Chemie mit der wunderbar spröde agierenden Havana Rose Liu funktioniert auch perfekt. So erwartbar das Zusammenfinden dieser beiden Figuren abläuft, so einnehmend ist es doch, dabei zuzusehen.
Und trotz aller altbekannten Standards - gegen Ende weiß "The Piano Tuner" doch ziemlich zu überraschen, mit einigen erzählerischen Entscheidungen, die man so eher nicht erwartet hätte, und die die dramatische Zuspitzung viel mehr anziehen, als man es zum sehr wohligen Beginn dieses Films für möglich gehalten hätte.
So steht am Ende ein kleiner, feiner Film, der eine Geschichte aus einer speziellen, überschau- und nahbaren kleinen Welt erzählt. Und so etwas kann doch viel einnehmender sein als eine Flucht in ferne Welten voller CGI-Krawall. Schöne Sache, das hier.
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