MOH (156): 19. Oscars 1947 - "Die Wildnis ruft"
In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".
In unserer letzten Folge hatte durften wir einen großen König in Technicolor bewundern, heute dagegen die Herausforderungen eines kleinen Jungen in den Wäldern Floridas.
Die Wildnis ruft
Rein ins Taxi und weg war er. Wenn man den Überlieferungen glauben darf, verabschiedete sich so nach etwa drei Wochen Drehzeit im Mai 1941 ein frustrierter Spencer Tracy (“Teufelskerle“, “Der Testpilot“) vom Set von “Die Wildnis ruft”. Als kurz darauf auch noch Starregisseur Victor Fleming (“Vom Winde verweht”, “Manuel”) die strapaziösen Drehbedingungen in den Wäldern Floridas zu viel wurden und Ersatzmann King Vidor (“Ein Mensch der Masse”, “Die Zitadelle”) ebenfalls das Handtuch warf, stellte das verantwortliche Studio Metro-Goldwyn-Mayer die ganze Produktion ein. Für ein stargespicktes Prestigeprojekt war so ein Abbruch damals schon sehr ungewöhnlich. Aber da ja bereits einiges an Geld in das Projekt geflossen war, wagte man mit neuem Cast und frischem Elan vier Jahre später dann doch noch einmal einen Neustart. Ob sich der erneute Anlauf am Ende gelohnt hat, ist Ansichtssache. Das Publikum war damals ziemlich angetan von dieser Mischung aus Naturfilm und Coming-of-Age-Drama, doch heute kommt “Die Wildnis ruft” eher dröge daher und verspielt sein Potential vor allem aufgrund einer schwerwiegenden Casting-Entscheidung.
Eine abgelegene Farm in den Wäldern von Florida der 1870er Jahre ist im Film die Heimat der Baxter-Familie. Umgeben von einer nicht immer ungefährlichen Fauna wächst dort der junge Jody (Claude Jarman Jr.) mit seinem Vater Penny (Gregory Peck, “Ich kämpfe um dich”, “Moby Dick”) und seiner Mutter Orry (Jane Wyman, “Das verlorene Wochenende”) auf. Während zahlreiche Schicksalsschläge Orry einiger Lebensfreude beraubt haben, pflegt Jody eine besonders enge Beziehung zu seinem warmherzigen Vater, der ihn liebevoll auf die Herausforderungen des Lebens vorbereitet. Viele gleichaltrige Freunde hat Jody aber nicht und wünscht sich so nichts sehnlicher als ein Haustier – ein Wunsch, der noch ungeahnte Konsequenzen für das Leben der ganzen Familie haben wird.
Vorlage für den Film ist das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Buch “Frühling des Lebens” von Marjorie Kinnan Rawlings. Die Schriftstellerin hatte 1928 gemeinsam mit ihrem damaligen Mann in einer abgelegenen Siedlung in Florida eine Orangenplantage gekauft. Das Leben als Plantagenbesitzerin erwies sich zwar als weitaus mühsamer als gedacht, doch Rawlings war von der wilden Landschaft und ihren Bewohnern so fasziniert, dass sie die Region zum Schauplatz mehrerer Erzählungen machte. Mit “The Yearling” (so der englische Originaltitel) gelang ihr dann ein gefeierter Bestseller – und da wird Hollywood ja immer hellhörig. Ob Produzent Sidney Franklin allerdings gut beraten war, einen großen Teil der Verfilmung tatsächlich in Florida drehen und sich von Rawlings auf der Suche nach authentischen Schauplätzen beraten zu lassen, ist eine andere Sache. Hitze, heftiger Regen, Insektenschwärme und schwierige Tieraufnahmen machten die Dreharbeiten in Florida sowohl beim ersten als auch beim zweiten Anlauf zu einer echten Strapaze. Beim ersten Versuch kam dann auch noch Zoff zwischen Regisseur Victor Fleming und Spencer Tracy hinzu.
Beim “Wiederaufnehmen” der Dreharbeiten, nun mit Regisseur Clarence Brown (“Und das Leben geht weiter”) am Steuer und Gregory Peck als Leading Man, war zumindest die zwischenmenschliche Komponente diesmal intakt. Schade nur, dass man es nicht schafft, genau das auch auf die Leinwand zu übertragen. So eine richtig enge emotionale Verbindung baut man nämlich zu keiner der Figuren auf. Was dringend nötig wäre, denn lange Zeit kommt die eigentliche Handlung des Films doch relativ banal daher. Ein wenig Farmarbeit, ein paar kleinere Konflikte, eine eher gemächliche Bärenjagd oder der Kauf einer neuen Waffe – so richtig prickelnd ist das was passiert in Sachen Dramaturgie jetzt nicht. Was ja nicht schlimm wäre, wenn man tiefgründige und vor allem charismatische Figuren vor sich hätte.
Leider wirken aber viele Dialoge der Figuren eher wie geschrieben als gesprochen und dadurch teils nur bedingt authentisch. Wenn sich zum Beispiel Jody mit seinem einzigen gleichaltrigen Freund unterhält, philosophiert dieser auf eine Art über Engel und das Thema Freiheit, wie es ein Erwachsener tun würde – aber eben nicht ein kleiner Knirps. Regisseur Brown inszeniert solche Momente auch nicht wirklich einfühlsam. Wenn zu Beginn Penny zum Beispiel seinem Sohn wichtige Lebensweisheiten erzählt, blickt er dabei seinem Sohn nicht ins Gesicht, sondern redet gefühlt minutenlang an ihm vorbei – wohl um das Ganze möglichst dramatisch wirken zu lassen. Stattdessen wirkt es irritierend und unpersönlich und solche Momente gibt es nicht nur einmal. Dass Penny dazu auch noch relativ oberflächlich gezeichnet ist, macht die Sache auch nur bedingt besser. Immerhin verleiht Peck diesem noch eine gewisse Portion Charisma, was Jane Wyman dagegen mit ihrer Figur kaum gelingt. Orry versprüht von Anfang bis Ende einfach nur eine teilnahmslose Grummeligkeit, die eher nervt als interessiert. Hier hätte man ganz dringend einen halbwegs interessanten Character-Arc benötigt.
Die größte Schwäche des Filmes ist aber Jungschauspieler Claude Jarman Jr., der mit der emotionalen Reise seiner Figur schauspielerisch total überfordert ist. Regisseur Clarence Brown hatte den Jungen an einer lokalen Schule entdeckt und ohne großes Casting angestellt, was eine tolle Marketing-Geschichte abgibt, hier aber nach hinten losgeht. Kann man natürlich auch anders sehen, wie die Oscar Academy, die Jarman Jr. für diese Rolle mit dem Juvenile Award als herausragendster Kinderdarsteller des Jahres 1946 auszeichnete. Für mich sieht man dagegen hier ein Kind, das sperrige Sätze genauso sperrig präsentiert und Emotionen mit dem Holzhammer anstatt Subtilität ausdrückt.
Wäre Jody nur eine Nebenrolle, dann könnte man da ja noch ein Auge zudrücken. Doch nachdem die erste Hälfte des Films inhaltlich dahinplätschert, zeigt sich zumindest im zweiten Abschnitt, welche Idee hinter allem steckt und welche Geschichte wirklich erzählt werden soll. Auslöser für all das ist ein von Jody adoptiertes Rehkitz, dessen Bedeutung für die Geschichte vom englischen Originaltitel übrigens (wie so oft) viel besser eingefangen wird als vom deutsche Verleihtitel. Aber so interessant diese Idee auf dem Papier auch ist, der Funke will hier nicht überspringen, da die hierfür entscheidende Figur nicht überzeugend auf die Leinwand gebracht wird. Wenn man dazu noch die meist behäbige Inszenierung nimmt, bleiben eigentlich nur noch ein ordentlicher Gregory Peck und einige wirklich schöne Naturaufnahmen auf der Habenseite.
Da der Film in knallbuntem Technicolor inszeniert ist, dürften diese Aufnahmen für das damalige Kinopublikum tatsächlich richtig beeindruckend gewirkt haben und zumindest zum Teil den Erfolg des Films an der Kinokasse erklären. Bezeichnenderweise gewann “Die Wildnis ruft“ von seinen sieben Nominierungen am Ende den Goldjungen dann auch nur in den Kategorien “Beste Kamera (Farbe)” und “Bestes Szenenbild (Farbe)” – bei “Bester Film”, “Bester Hauptdarsteller”, “Beste Hauptdarstellerin”, “Beste Regie” und “Bester Schnitt” ging man leer aus. Am Ende ist “Die Wildnis ruft” so leider einer dieser Filme, bei denen man sich viel zu oft dabei ertappt, auf die Uhr zu blicken. Wann kommt es denn endlich, das Taxi?
"Die Wildnis ruft" ist aktuell digital (nur deutscher Ton), sowie als Blu-ray und DVD-Import auf Amazon in Deutschland verfügbar.
Kinotrailer für den Film
Szene: Die Eröffnungssequenz des Films.
Szene: Jody und ein ziemlich prägendes Erlebnis.
Interview: Claude Jarman Jr. spricht im hohen Alter über die Schwierigkeiten der Dreharbeiten und seine Arbeit mit Gregory Peck.
Ausblick
In unserer nächsten Folge wartet mal wieder einer der großen Klassiker der Filmgeschichte auf uns.
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