One Night in Miami

Originaltitel
One Night in Miami
Land
Jahr
2020
Laufzeit
114 min
Genre
Regie
Release Date
Streaming
Bewertung
8
8/10
von Matthias Kastl / 16. Januar 2021

Da hätte man mal wirklich gerne Mäuschen gespielt. Am 25. Februar 1964 trafen sich der Boxer Cassius Clay (alias Muhammed Ali), Bürgerrechtsikone Malcolm X, Soul-Legende Sam Cooke und der berühmte Footballspieler Jim Brown in einem Hotelzimmer in Miami. Vier der bedeutendsten Afroamerikaner ihrer Zeit, deren Einfluss auf und Rolle in der damaligen amerikanischen Gesellschaft die schwarze Bürgerrechtsbewegung erst so richtig in Fahrt brachte. Ein Szenario, dass aktuell angesichts der "Black Lives Matter"-Bewegung in den USA ja geradezu nach einer Verfilmung schreit. In ihrer ersten großen Regiearbeit nimmt sich nun die Oscar-prämierte Schauspielerin Regina King ("If Beale Street could talk") diesem berüchtigten Treffen an.

King greift dabei auf das erfolgreiche gleichnamige Theaterstück des Autors Kemp Powers und dessen fiktiver Auslegung des damaligen Abends zurück. Die Theaterwurzeln merkt man dem Film auch deutlich an, allerdings im positiven Sinne. Zugegeben, der Film braucht etwas Anlauf, aber gerade in der zweiten Hälfte wird "One Night in Miami" zu einem unglaublich intensiven und leidenschaftlichen Kammerspiel mit großartigen Charakteren, deren hochemotionale Diskussion den Zuschauer zum Mit- und Nachdenken anregt.

Auslöser für das Treffen der vier Ikonen ist dabei der Weltmeisterkampf von Cassius Clay (Eli Goree), den dieser souverän gewinnt und dementsprechend mit jeder Menge Selbstbewusstsein im Gepäck im Hotel eintrifft. Dorthin hat Malcolm X (Kingsley Ben-Adir) auch noch den Soulmusiker Sam Cooke (Leslie Odom Jr., "Hamilton") und den Footballstar Jim Brown (Aldis Hodge, "Jack Reacher 2") eingeladen, die den Sieg von Clay dazu nutzen möchten, mal richtig einen draufzumachen. Leider entpuppt sich Malcolm X aber als Partybremse, denn der möchte den Abend lieber dazu nutzen, über das gemeinsame politische Wirken der Gruppe zu diskutieren. Eine Entscheidung, die schon bald die Gemüter so richtig in Wallung bringen wird.

Ja, in "One Night in Miami" wird jede Menge geredet. Für die meiste Zeit halten sich unsere vier Hauptfiguren nämlich wirklich nur im Hotelzimmer auf und diskutieren dort leidenschaftlich über die von Malcolm X aufgeworfenen Thesen und Pläne. Nur ab und zu gönnt Regina King ihren Figuren etwas Frischluft, wie zum Beispiel am Anfang, als uns erst einmal alle Figuren in ihrem normalen Umfeld vorgestellt werden. Diese Einführung ist der wohl schwächste Teil des Films, da sie ein klein wenig ungelenk daherkommt. Jede der Figuren erfährt hier auf ihre Art Rassismus und das ist an manchen Stellen dann doch auch etwas sehr plakativ dargestellt.   

Auch als die vier Freunde sich dann endlich im Hotelzimmer treffen, braucht es ein klein bisschen, bis man als Zuschauer emotional an Bord kommt. Der Film verzichtet nämlich darauf erst einmal die Freundschaft der vier Figuren zu etablieren und taucht fast umgehend in die hitzige Diskussion ein, bei der sich gerade Malcolm X als charakterlich wirklich komplett anderer Typ erweist. Was es dann schon ein bisschen schwierig macht zu akzeptieren, dass Sam und Jim tatsächlich gedacht haben hier mit Malcolm X groß auf Partytour gehen zu können. Ernsthaft, dieser Mann ist eure Wahl wenn ihr einen entspannten Abend haben wollt?

So wirken die ersten Minuten im Hotelzimmer eher konstruiert und erzwungen als natürlich. Der Film kämpft ein bisschen damit seinen Groove zu finden und eine glaubwürdige emotionale Verbindung zwischen den Figuren zu etablieren. Aber Dialogzeile für Dialogzeile erarbeitet sich "One Night in Miami" die Akzeptanz des Zuschauers, da er nun immer wieder auch ein paar kurze ruhigere Momente zwischen den Figuren einbaut. Und Stück für Stück gerät man nun in den Bann dieser wirklich faszinierenden Charaktere.

Natürlich begibt sich Autor Kemp Powers, der auch für den Film das Drehbuch beisteuert, mit seiner Version des Abends auf fiktives Terrain. Er versteht es aber exzellent diesen vier Männern so starke und glaubwürdige Worte in den Mund zu legen, dass man nie für eine Sekunde daran zweifelt, dass dieser Abend zumindest so hätte laufen können. Mit das Spannendste ist dabei die unterschiedliche Ansicht der Figuren zu der Frage, wie man seine Bekanntheit denn nun am Besten für den Kampf gegen Rassismus einsetzen sollte. Und gerade das Duell zwischen Malcolm X und Sam Cooke, bei dem Malcolm X seinen Gegenüber gleich mehrmals aggressiv in die Enge treibt, ist ein dramaturgisches Freudenfest.

Sehr geschickt werden so immer wieder interessante Konflikte zwischen den Figuren aufgebaut. Und da wir es hier mit einigen sehr großen Egos zu tun haben gibt auch keiner klein bei. Gerade dieses oft hochemotionale Aufeinanderprallen dieser so selbstbewussten Figuren sorgt für einen freudigen Adrenalinschub beim Publikum. Dabei zeigt Regina King als Regisseurin ein unglaublich gutes Gespür für ihre Figuren und nutzt gerade das Hotelzimmer wundervoll aus, um auf kleinstem Raum schon alleine durch die Positionierung der Personen Spannung aufzubauen oder die Situation geschickt etwas abkühlen zu lassen.  

Glänzend aufgelegt sind auch die Darsteller. Eli Goree gelingt es zum Beispiel nahezu perfekt seinen Cassius Clay überheblich arrogant aber eben gleichzeitig doch auch sympathisch und verletzlich wirken zu lassen. Auch Aldis Hodge und Leslie Odom Jr. schlüpfen mühelos in ihre Rollen und sichern sich schnell die Sympathie des Publikums.  Kingsley Ben-Adir wiederum ist als Malcom X der hochemotionale Motor des Ganzen, allerdings wirkt er manchmal dann auch schon wieder etwas zu theatralisch. Sein Malcolm X ist natürlich auch ein extremer Charakter, der seinen Freunden teilweise auf brutalste Weise den Spiegel vorhält. Und es ist natürlich auch gewollt, dass diese Figur ein wenig wie ein Fremdkörper wirken soll. Aber stellenweise übertreibt es Ben-Adir mit seinem Spiel und schrammt in einigen Momenten doch nur äußerst knapp an einer Karikatur des legendären Bürgerrechtlers vorbei.

Auch der Nebenstrang rund um die Konvertierung von Cassius Clay zum Islam wirkt im Vergleich zu den sonstigen intensiven Grundsatzdiskussionen etwas zu zahnlos. All dies ist aber leicht zu verzeihen angesichts der Tatsache, dass "One Night in Miami" für die meiste Zeit einfach ein unglaublich packendes Kammerspiel ist. Es ist einfach immer wieder eine Freude zu sehen, dass schon ein Raum und ein paar starke Figuren reichen können, um ein intensives Filmerlebnis zu erschaffen. Die Tatsache, dass zwei der hier porträtierten Figuren nur wenig später ihr Leben lassen mussten, verleiht dem Ganzen dann auch noch eine zusätzliche Tragik. So wird "One Night in Miami" am Ende zu einem der Filme, die zum Nachdenken anregen und einen auch noch einige Tage nach dem Anschauen weiter beschäftigen. So kann das Filmjahr 2021 gerne weitergehen...

Bilder: Copyright

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