Nomadland

Originaltitel
Nomadland
Jahr
2020
Laufzeit
107 min
Genre
Regie
Release Date
Bewertung
7
7/10
von Simon Staake / 22. April 2021

Fern (Frances McDormand) verliert 2011 alles. Nach dem Tod ihres Mannes wird die Mine, in der sie und ihr Mann jahrelang arbeiteten, geschlossen und mit dieser auch die angeschlossene Kleinstadt Empire in Nevada. Fern beschließt, die Geisterstadt zu verlassen und fortan ein Nomadenleben in einem umgebauten Kleinlaster zu führen, um saisonalen Arbeitsmöglichkeiten hinterher zu reisen. Bei einem Nomadentreffen schließt sie Freundschaft mit diversen anderen Nomaden, bei einem späteren Job trifft sie auch den sympathischen David (David Stathairn) wieder. Als sich David seiner Familie annähert und Fern anbietet, mit ihm sesshaft zu werden, muss diese sich entscheiden, ob sie ihr modernes Nomadenleben beibehalten will...

Es gibt diverse Aussagen über Chloé Zhao, die man noch vor ein paar Jahren, als man durch „The Rider“ auch in europäischen Breiten auf Zhao aufmerksam wurde, ganz sicher nicht gemacht hätte. Etwa, dass Zhao demnächst (ähem, je nachdem was in COVID-Zeiten demnächst bedeutet) einen Marvelfilm in die Kinos bringen wird. Oder aber, dass sie mit ihrem neuen Film jetzt als große Favoritin in das dieses Jahr besonders bizarre Oscarrennen geht. Am wenigsten hätte Zhao selbst dies wohl vermutet nach ihren kleinen, quasi-dokumentarischen Dramen aus Indianerreservaten. Und trotzdem sind wir nun da, und zu großen Teilen ist dies Frances McDormand zu verdanken.

McDormand erwarb 2017 die Rechte an dem gleichnamigen Sachbuch und fragte nach Sichtung von „The Rider“ dann bei Chloé Zhao an, ob diese die Regie von "Nomadland" übernehmen wolle. Man versteht natürlich, was McDormand zu dieser Idee bewogen hat: Zhaos Faible für Realismus sicherlich, gepaart mit ihrem Auge für das Ablichten des amerikanischen mittleren Westens, das sie in „Songs My Brothers Taught Me“ und „The Rider“ zeigte. In diesen Filmen zeigte Zhao, wie man auch aus kargen, oftmals deprimierenden Umgebungen Poesie und Schönheit exfiltrieren kann. Und Zhaos Methode, in ihren Filmen in quasi-dokumentarischer Form stets zum Großteil auf Laiendarsteller zu setzen, dürfte McDormand ebenfalls zugesagt haben und macht in der Adaption eines Sachbuchs ja auch durchaus Sinn. All diese Qualitäten sind auch in „Nomadland“ vorhanden.

Was hier bemerkenswerterweise nicht vorhanden ist: eine politische Haltung. Es geht hier zumindest im Ansatz um ökonomische Krisen, vor allem die Auswirkungen der weltweiten Krise von 2008, und die harte wirtschaftliche Realität für die am wenigsten geschützten Mitglieder der arbeitenden Gesellschaft in den USA. Oder eher: es könnte auch um diese Dinge gehen, tut es aber nicht. Diese Ideen sind der Hintergrund für die Geschichte bzw. die Geschichten in „Nomadland“, sie werden aber nie Teil der Geschichte. Klar, nicht jeder Film muss dezidiert politisch sein, aber ein Film, der sich auf ökonomisch-politische Realitäten bezieht und sich gleichzeitig bemüht, eine Fiktion ins überaus Authentische zu überhöhen, dürfte sich doch einen politischen Kommentar oder zumindest eine Sichtweise erlauben.

Ein solches Korrektiv ist nicht immer nötig. In Zhaos vorherigem Film wurden die Plattitüden der jungen Rodeoreiter, ihr verfehltes Ehr- und Machogehabe in Bezug auf Verletzungen oder ihre verblendete Sichtweise auf den „Ruhm“, den sie erreichen können, nicht gesondert kommentiert, aber dies war auch gar nicht nötig. Die aufgezeigte Realität, gegen die diese Aussagen und Verhaltensweisen prallten, war genug. In „Nomadland“ ist sie dies nicht. Trotz des Versuchs, möglichst unglamourös zu sein, der damit beginnt, dass die erste Szene nach dem Vorspann Frances McDormand beim frösteligen Pinkeln im Freien in einer kargen Wüstenlandschaft zeigt, ist die Welt der hier gezeigten Nomaden vielleicht doch ein Stück zu romantisch: Drogensucht und Depressionen gibt‘s hier scheinbar nicht, Krankheiten – angesichts des Lebensstils eine der größten Gefahren – offensichtlich auch nicht. Auch keinen Diebstahl, hier hilft jeder jedem und eigentlich sind alle eine große fröhliche Familie.
 

Dass viele dieser Familie angehören, weil das ökonomische System Amerikas sie ausgespuckt und an den Rand gedrückt, nunmehr für sie keinen Platz mehr hat, ist eine Geschichte, die „Nomadland“ auch parallel erzählen könnte, aber nicht erzählen will. Besonders deutlich wird dies in der Sequenz, die Fern als Saisonarbeiterin bei Amazon zeigt. Vermutlich als Zugeständnis an Amazon für die Dreherlaubnis, die dem Realitätsanspruch des Films natürlich unendlich zugute kommt, wird hier nicht ein kritisches Wort über den Onlinegiganten verloren. Kein Wort über den endlosen Druck, schneller in der Maschine zu funktionieren, kein Wort über die – gerade für hier gezeigte ältere Personen – körperlich erbarmungslos harten Arbeiten: Hier wird sich zugelächelt und zugezwinkert, alle sind total glücklich, für Amazon arbeiten zu dürfen. Shiny Happy People Laughing!

Bei den hier gezeigten Nomaden werden ökonomische Realitäten zwar ganz dezent angeschnitten, aber die Entscheidung, aus einem Auto zu leben und den Jobs kreuz und quer durchs Land hinterher zu reisen, wird eben nicht wirklich konsequent damit in Verbindung gebracht. Vielmehr scheint man die Entscheidungen der hier vertretenen Truppe von Nomaden – weiße, alternde Baby Boomer – als mehr oder weniger frei und gewollt präsentieren zu wollen, als Fortfahren und Endlich-einlösen des alten Hippietraums, als Erhörung des uramerikanischen Rufs der endlosen Straße, von Jack London und Mark Twain bis Jack Kerouac.

Wenn „Nomadland“ uns also nichts über das Leben in Amerika im 21. Jahrhundert für eine zunehmend ins Prekäre gedrückte Gesellschaftsschicht erzählen will, was will er uns denn dann erzählen? So genau weiß man das nicht, denn so genau weiß auch der Film das nicht. Zwar ist er komplett auf die Figur der Fern zugeschnitten, aber eine richtige Charakterisierung kommt dabei trotzdem nicht raus. Dem quasi-dokumentarischen Ansatz wird die Zuspitzung auf dramatische Konflikte geopfert, ebenso wie vereinfachende Psychologie. Was auf der einen Seite zwar ein Gewinn ist, da die übliche dramaturgische Manipulation vermieden wird, auf der anderen Seite aber auch durch nichts ersetzt wird.

Die Kamera schaut Fern mal bei dieser Gelegenheitsarbeit oder Begegnung zu, dann mal bei einer anderen. Das Quasi-Dokumentarische heißt, dass man hier nahezu völlig Abstand nehmen muss von einer klassischen Dramaturgie oder aber der Idee eines Plots, der normalerweise einen Film leitet. Mögliche Konflikte, wie etwa eine Autopanne Ferns, nach der sie unbedingt Geld für die Reparatur aufbringen muss, werden aufgeworfen, aber dann fast beiläufig aufgelöst. Auch die sich anbahnende Liebesgeschichte mit David sowie sein Angebot des Sesshaft-Werdens werden erfreulich undramatisch und unaufgeregt abgehandelt. Ja, oder eben vielleicht doch einen Tick zu undramatisch und unaufgeregt. Denn das muss man auch sagen: Wo ein Film wie „The Rider“ schon langsam war, ist „Nomadland“ quasi kompletter Stillstand. Was angesichts eines Films über Nomaden in Wohnwagen ja schon fast wieder schön ironisch ist.

Ganz ehrlich: Für einen gelungenen Film zum Thema, der nicht ausklammert, wie nahe am Abgrund jemand, der aus seinem Auto lebt, wirklich existiert, sollte man lieber Kelly Reichardts „Wendy & Lucy“ aus dem Jahr 2008 ansehen. Das soll nicht heißen, dass „Nomadland“ oder Frances McDormands fabulöse Leistung in einer One Woman Show darin nicht sehenswert sind. Aber man darf eben doch ein kleines oder auch ein größeres bisschen enttäuscht sein, wie wenig einem dieser Film eigentlich zu sagen hat. Immerhin eine stolze Filmszene-Tradition edler Nullerjahre nehme ich damit wieder auf, sollte „Nomadland“ wirklich den Oscar als bester Film gewinnen. Damals wurde uns ja immer vorgeworfen, Oscargewinner unterzubewerten. Ähm, uups, I did it again?

Bilder: Copyright

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