Klimt

Originaltitel
Klimt
Jahr
2006
Laufzeit
97 min
Regie
Release Date
Bewertung
2
2/10
von Miriam Flüß / 11. Juni 2010

 

Der österreichische Maler Gustav Klimt und seine Zeit, Wien zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, sind ein unglaublich spannender Stoff: Sigmund Freud arbeitete an seiner epochemachenden "Traumdeutung"; in Musik, Philosophie und Architektur wurden die Bindungen an historische Anschauungen radikal abgebrochen; die Brüder Lumière schufen die ersten bewegten Bilder; und Künstler wie Gustav Klimt suchten nach einer neuen Lebensorientierung in visueller Gestalt.
Der chilenische Regisseur Raoúl Ruiz ("Die wiedergefundene Zeit") nimmt sich dieser pulsierenden Epoche an - und schafft es, sie wie die bieder-schwüle Fantasie eines alternden Spießbürgers aussehen zu lassen. Über den Mann, der Ruiz' Film seinen Titel gibt, erfahren wir nichts - weder über seine Biographie noch seine Kunst. Auch wenn Ruiz dies suggeriert, indem er das Sterbebett des todkranken Klimt als Ausgangspunkt nimmt, der sein Leben Revue passieren lässt.

Zentral in Klimts (John Malkovich) Erinnerung ist die Pariser Weltausstellung im Jahre 1900. Hier wird ihm zu Ehren ein Film mit einem Doppelgänger des Malers und einer Tänzerin vorgeführt. Klimt, obwohl in Begleitung seiner Lebensgefährtin Emilie Flöge (Veronica Ferres), verfällt der schönen Tänzerin (Saffron Burrows) auf der Stelle und ist fortan von dem Wunsch besessen, diese wieder zusehen. Im Palais ihres Gönners trifft er diverse, nicht minder schöne Doubles der Tänzerin und verstrickt sich auf der Suche nach der Echten schließlich in einem erotischen Vexierbild. Gleichzeitig taucht ein mysteriöser Sekretär (Stephen Dillane) auf, eine Art Über-Ich, das nur in Klimts Fantasie existiert und immer schon viel mehr zu wissen scheint als Klimt selbst.

Die Irrungen und Wirrungen des Malers erklärt Ruiz mit dessen fortschreitender Syphilis, deutet aber auch eine genetische Veranlagung an, indem er eine reichlich hysterisch-desorientierte Mutter und Schwester einführt, die über eine einzige, Boulevardtheater-hafte Szene hinaus keine erkennbare Funktion für die Handlung aufweisen.
Substanz versucht Ruiz seinem Porträt durch den (kunst)historischen Diskurs der Zeit zu verleihen, einer Zeit zwichen Akademismus und Moderne, zwischen Staats- und freier Kunst. Hier lässt er in Wiener Kaffeehäusern Intellektuelle diskutieren und unternimmt den fruchtlosen Versuch, den inhaltsleeren Phrasen durch wilde Kamerafahrten, die sich wie im Walzer um die Streitenden drehen, Brisanz zu verleihen. Diese hitzigen Dispute verfolgen auch berühmte Zeitgenossen, darunter der junge Maler Egon Schiele (Nikolai Kinski), für den Klimt ein wichtiger Weggefährte werden wird.
Ruiz, mit einem gesunden Selbstbewusstsein gesegnet, hält seine Verfilmung für eine Arthur-Schnitzler-Imitation - wofür der arme Dichter sich vermutlich im Grabe umdrehen würde. Denn das, was Ruiz im Stile des "Reigen" zu erzählen versucht, bleibt eine wahllose Aneinanderreihung von Plattitüden, angereichert mit erotischen Phantasien, die keinen 15-Jährigen hinter der "Bravo" hervorlocken würden.

Anders als etwa Peter Webber, der mit seinem "Mädchen mit dem Perlenohrring" auf wunderbare Weise die Werke Vermeers und das historische Delft auf die Kino-Leinwand gebannt hat, lässt Ruiz in keiner Szene erkennen, dass er sich mit Klimts Werk überhaupt auseinander gesetzt hat. Das gilt offensichtlich auch für Nikolai Kinski, der den Maler Egon Schiele spielt. Kinskis Chargieren nach zu urteilen hat er sich eines von Schieles berühmten Selbstporträts angesehen, um den ganzen Film hindurch in der vorgefundenen Pose zu erstarren: Die Hände ununterbrochen verkrampft und mit rollenden Augen gibt er eine unfreiwillige Parodie seines berühmten Vaters.
Die Figur Klimts ist so eindimensional angelegt, dass ihr noch nicht einmal John Malkovich Leben einhauchen kann. Und Veronica Ferres als Klimts platonische Lebensgefährtin Emilie Flöge - Modell für viele Klimt-Bilder, schillernde Figur der Wiener Gesellschaft und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit interessanter als das bräsige Heimchen, das Ruiz aus ihr macht - beschränkt sich darauf, hin und wieder "Ach, Gustl" zu hauchen.

Das Geld für eine Kinokarte ist für den Kauf einer Biografie oder eines Bildbandes bestimmt sinnvoller angelegt - denn in Ruiz' in jeder Hinsicht ärgerlichem Film erfährt der Zuschauer rein gar nichts über den Protagonisten, dafür aber jede Menge über die Phantasien des Regisseurs. Und wer will das schon.


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