Hawkeye (Folgen 1+2)

von Matthias Kastl / 23. November 2021

Die eigenen Marken schön kräftig melken – das ist die zentrale Taktik des Streaminganbieters Disney+. Dabei steht natürlich das Marvel-Universum („Loki“, „The Falcon and the Winter Soldier“, „Marvel's What If...?“) besonders im Rampenlicht. Doch Beispiele wie „WandaVision“ zeigen, dass auch unter diesen Vorraussetzungen immer noch Raum für kreative Ideen ist. Mit dem neuesten Beitrag gewinnt Disney aber zumindest in den ersten beiden Folgen keine Originalitätspunkte. Lediglich die charismatische Hailee Steinfeld bringt hier etwas Lockerheit in eine ansonsten sehr steife und geradezu altbacken wirkende Serie. Angesichts vieler lieblos aneinandergereihter Elemente wirkt “Hawkeye“ dabei so, als ob Disney mal schnell einen Roboter an ein Story-Reißbrett geschickt hat. Nur um im Anschluss über alles noch einen großen Eimer weihnachtlichen Zuckerguss zu kippen.  
 
Einfach nur mit der Familie entspannt Weihnachten feiern – mehr möchte unser zielsicherer Avengers-Bogenschütze Hawkeye (Jeremy Renner) dieses Jahr vom Weihnachtsmann gar nicht einfordern. Nur Ärger mit der Familie hat dagegen die genauso reiche wie verwöhnte Kate Bishop (Hailee Steinfeld, „True Grit“, „3 Days to Kill“). Nach dem frühen Tod ihres Vaters beobachtet sie nun mit Argusaugen, wie ihre Mutter (Vera Farmiga, „Source Code“, „Der Spitzenkandidat“) mit dem zwielichtigen Geschäftsmann Jack (Tony Dalton) anbandelt. In dessen Umfeld müsste man besser mal undercover ermitteln. Da trifft es sich natürlich gut, dass Kate das ehemalige Outfit von Hawkeye in die Hände fällt. Der ist aber gar nicht erfreut darüber, als er sieht, wie jemand in seinem ehemaligen Gewand die Straßen New Yorks unsicher macht. Wird wohl doch nichts mit der beschaulichen Weihnachtszeit.

 

Bei den Avengers war Hawkeye angesichts der etwas prominenteren Konkurrenz gefühlt immer ein klein wenig im Hintergrund – was sich für einen Bogenschützen ja aber auch durchaus anbietet. Nun kriegt er also seine eigene Serie, muss aber auch diese mit jemandem teilen. Disney bleibt sich hier treu und baut mit der Nachwuchsbogenschützin Kate Bishop, die in den Comics gewissermaßen das Erbe von Hawkeye antrat, eine weitere Figur aus dem schier unendlichen Marvel-Heldenkarussell ein. In den ersten beiden Folgen sollen diese Figuren sich jetzt erst einmal beschnuppern und gegenseitig ans Herz wachsen, doch so richtig in Fahrt kommen hier weder die Helden noch die Story.

Das größte Problem dabei ist, dass es sich so anfühlt als ob einfach lieblos Plot Points und Charaktereigenschaften aus einer Standard-Drehbuchvorlage für Marvel-Serien auf den Bildschirm geworfen werden – ohne das man sich dabei groß Gedanken über cleveren Spannungsaufbau oder eine halbwegs nachvollziehbare Motivation der Figuren macht. Warum sitzt Hawkeye zu Beginn in einem Marvel-Musical, obwohl er den Ruhm um seine Figur hasst? Wieso erregt er bei einem Live-Rollenspiel-Event große Aufmerksamkeit, obwohl er doch eigentlich seine wahre Identität schützen will? Die Antwort hierauf hat nichts mit Logik, sondern mit Marktforschung zu tun. All dies sind Szenen, von denen man ausgeht, dass sie bei der Zielgruppe gut ankommen.

 

Eine anständige Charakterzeichnung vermisst aber auch unsere Newcomerin. Wieso die junge Kate im ersten Einsatz gleich spektakulär dutzende Leute ausschaltet wird lapidar damit erklärt, dass sie früher mal ein bisschen Kampfsport gemacht hat. Und das Kate scheinbar die Allerletzte in der Stadt ist, die von der eigenen Verlobung ihrer Mutter erfährt, dient auch nur dem Zweck künstlich einen Konflikt zu generieren. Nichts will hier so richtig zu den Figuren passen – auch nicht das Apartment von Kate im coolen Industrial-Design.

Das man Kates großes persönliches Trauma mit einer Schlacht aus dem ersten „Avengers“-Film verbindet, hat ebenfalls nur den Grund, dass man so die Fans wieder mit alten Filmaufnahmen aus der Kinoreihe bespaßen kann – wie auch schon bei anderen Marvel-Serien. Man will ja auf Nummer sicher gehen, dass auch alle abgeholt werden. Wenn wenigstens die Action noch halbwegs mitreißend wäre, doch außer ein paar ohne Elan und Witz inszenierten Allerwelts-Kloppereien ist zumindest in den ersten beiden Folgen von „Hawkeye“ nicht viel los.

 

Das ist alles ziemlich ärgerlich, vor allem wenn man auf die ja durchaus talentierte Cast schaut. Doch eine Vera Farmiga oder ein Tony Dalton (der in „Better Call Saul“ einen grandiosen Antagonisten gibt) kämpfen hier vergeblich gegen Klischees an. Lediglich Hailee Steinfeld ist in der Lage wirklich etwas Charisma zu entwickeln. Und das ist durchaus eine Leistung, denn ihre reiche und verwöhnte Figur bietet eigentlich nur wenig Ansatzpunkte, um als Identifikationsfigur herzuhalten. Kate ist dazu einfach auch viel zu brav und anständig, um so richtig unser Interesse zu wecken.

Viel zu brav fühlt sich dann auch die ganze Serie an. Das spiegelt sich am Besten an der Figur von Hawkeye wider, der immer wieder den Weihnachtsspirit und die Liebe zur Familie preisen darf. Das ist natürlich schön familienfreundlich und passt gut zu Disney, wirkt aber hier einfach wie viel zu kalkulierter und aufgesetzter Zuckerguss. So schleppt sich die Serie in den ersten beiden Folgen sehr konservativ durch eine vorhersehbare Handlung, bei der selbst Twists nicht überraschend wirken, sondern ebenfalls eher einem bekannten Muster folgen. Oder glaubt tatsächlich jemand, dass Hawkeye und Kate die einzigen Figuren aus dem Marvel-Universum hier bleiben werden?  

 

Erfolg hat ja bekanntlich System und vielleicht ist das ja aus finanzieller Sicht auch gar nicht so dumm, was Disney hier macht. Nur kreativ ist es eben überhaupt nicht. Und angesichts von nur sechs Folgen stellt sich schon die Frage, ob diese Serie in der ersten Staffel doch noch irgendwie die Kurve kriegen kann. Wahrscheinlich muss man sich dieses Jahr die Weihnachtsgeschenke dann doch lieber an anderer Stelle holen. 

Hawkeye startet mit einer Doppelfolge ab dem 24. November 2021 auf Disney+, danach erscheinen die neuen Folgen im Wochenrhythmus.

Bilder: Copyright

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