Wenn man mit anderen Filmfreunden ins Gespräch über „Stop Motion“ kommt. trifft man eigentlich nie jemanden der diese Kunstform nicht mag oder zu schätzen weiß. „Die sind einfach so liebevoll gemacht“ ist dabei eine oft gehörte Redewendung, die sowohl auf die alten, technisch noch etwas unvollkommenen Werke eines Ray Harryhausen oder Karel Zeman zutrifft, als auch auf die Filme des oft fast allein in seinem Kämmerlein vor sich hin werkelnden Henry Selick. Mit dessen „Coraline“ wirbt nun auch der neueste Beitrag des Studios LAIKA, wobei doch das „von den Machern von“ eher zu „Kubo – Der tapfere Samurai“ gepasst hätte, bei dem ebenfalls schon Travis Knight die Regie übernahm. Der nun ein Jahrzehnt später den Nachfolger präsentiert, denn solange hat es tatsächlich gedauert bis „Wildwood“ fertig wurde, ein Stop Motion-Film der nicht nur damit alle bisherigen Grenzen sprengt. Sondern auch mit seiner Laufzeit von 132 Minuten und den Mengen an Arbeitsstunden und Einzelbildern die dafür nötig waren. Das Endergebnis ist dafür aber auch nicht weniger als ein künstlerischer Triumph.

Wobei die erzählte Geschichte zumindest anfangs wie ein recht generischer Fantasy-Stoff wirkt. Denn direkt hinter der amerikanischen Metropole Portland liegt ein geheimnisvoller Wald, den normale Menschen weder erkennen noch betreten können und der ein ganzes Fantasy-Königreich beherbergt. In das gelangt aber das Mädchen Prue als sie einem Schwarm Krähen hinterherjagt, der ihren kleinen Bruder Mac durch die Luft entführt. Zusammen mit dem nerdigen und ziemlich nervigen Curtis, der ebenfalls bei der Attacke zugegen war, macht sich Prue auf die Suche und begegnet dabei jeder Menge seltsamer Kreaturen, sprechenden Tieren und magischen Dingen. Aber die Situation im verzauberten Wald ist komplex, denn es stehen sich verschiedene Gruppen und Armeen verfeindet gegenüber. Mittendrin nun Prue, die weder weiß warum ausgerechnet sie an diesen Ort gelangen konnte, noch wozu die ehemalige Königin Alexandra unbedingt ihren Bruder benötigt.

Der Filmkenner lächelt natürlich, wenn sich kurz vor dem Beginn der wilden Verfolgungsjagd zunächst unbemerkt eine Menge Vögel auf den Gerüsten eines Spielplatzes versammelt und hier ganz nebenbei Alfred Hitchcock zitiert wird. Aber das verkommt zur Randnotiz nachdem mit der Hatz durch die Stadt bis in den Wald die erste große Actionszene des Films ihren Lauf nimmt. Schon da wird deutlich, dass man die eventuell immer noch verankerte Vorstellung von „Stop Motion“-Szenen mit leicht abgehackten, nicht immer ganz runden Bewegungen getrost vergessen kann. Denn das hier läuft derart flüssig und rasant ab, dass man kaum glauben mag, dass es sich dennoch nicht um computergenerierte Bilder und Effekte handelt – jedenfalls nicht was die Figuren und deren Bewegungen angeht. Fast schon zu perfekt das Ganze, mag einem dabei sogar in den Sinn kommen, bevor solch ein Gedanke gleich wieder verfliegt, weil das Gebotene einfach so herrlich und wunderschön anzuschauen ist. Von der Darstellung der Fauna dieser fantastischen Welt, über die Farben und die unzähligen detaillierten Figuren die oft gleichzeitig im Bild zu sehen sind.

Natürlich hilft es mehr als nur ein wenig ein derartig aufwändiges Projekt auf die Beine zu stellen wenn man als Regisseur Sohn des „Nike“-Gründers ist und über einen entsprechenden finanziellen Hintergrund verfügt wie Travis Knight. Aber das mindert nicht die durchgehend erkennbare Begeisterung mit der das LAIKA-Team hier ans Werk gegangen ist (und wovon auch im Abspann ein wenig zu sehen ist). Während es daher für die visuelle Gestaltung allenthalben nichts als Lob hageln dürfte stellt sich aber noch die Frage ob das Ganze denn auch inhaltlich überzeugen kann. Und ja, das kann es, auch wenn es in Sachen Handlung nicht ganz so innovativ und bahnbrechend zugeht. Aber die bekannten Fantasy-Versatzstücke fügen sich im Verlauf zu einer auch emotional packenden Geschichte, bei der vor allem die Vermeidung eines simplen Gut/Böse-Schemas angenehm auffällt. Denn obwohl die hier noch am Ehesten als „böse“ anzusehende Alexandra egoistische und rücksichtslose Dinge tut, so bleibt ihr Handeln dennoch aus ihrer Sicht nachvollziehbar und diese Figur wird zu einer wahrhaft tragischen Gestalt.

Überhaupt verhalten sich die einzelnen Parteien oft nicht vorsätzlich wie Helden oder Schurken, was auch auf die aktuelle „Regierung“ des Waldes und ihren schlicht von der Aufgabe überforderten Anführer gilt. Und wer von der zur Mitte der Handlung stattfindenden Aussprache zwischen Prue und ihren Eltern - bei der einige dramatische Geheimnisse ans Licht kommen - nicht emotional berührt wird, der hat für solche Geschichten und Filme eh kein Herz. „Wildwood“ ist ein auf vielen Ebenen überwältigender Film, der es aufgrund einer gewissen Düsternis und Ernsthaftigkeit aber vielleicht von vornherein schwer haben dürfte das ganz große Massenpublikum zu erreichen. Umso schöner, dass es ihn dennoch gibt.
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