Pelé

Originaltitel
Pelé
Jahr
2021
Laufzeit
108 min
Release Date
Streaming
Bewertung
6
6/10
von Matthias Kastl / 19. Februar 2021

Wenn Prominente ihre Türen öffnen, um Filmemachern für eine Dokumentation über das eigene Leben ganz exklusive Einblicke zu ermöglichen, ist immer etwas Skepsis angebracht. Nicht jeder Dokumentarfilmer schafft es schließlich die nötige Distanz zu seinen Protagonisten zu wahren und lässt als "Gegenleistung" den einen oder anderen kritischen Aspekt lieber unausgesprochen. Lange Zeit scheint "Pelé" genau diese Art von Dokumentation zu sein, die zwar unterhaltsame Fußballszenen und ein paar nette Anekdoten bietet, seine Hauptfigur aber mit Samthandschuhen durch eine Karriere voller Höhen und nur wenig Tiefen chauffiert. Doch nach einiger Zeit beginnt einem zu dämmern, dass Pelé für eine wirklich tiefschürfende Doku vielleicht einfach die falsche Art Protagonist ist.

Eine Aussage, die ja erst mal etwas ketzerisch klingt. Ein einfacher Junge aus einer brasilianischen Kleinstadt gewinnt drei Fußballweltmeisterschaften und avanciert zum weltweit gefeierten Idol – da muss sich doch eine packende Dokumentation draus zaubern lassen. Um das zu erreichen bitten die beiden Filmemacher Ben Nicholas und David Tryhorn nicht nur Pelé selbst, sondern auch zahlreiche seiner alten Wegbegleiter und diverse Zeitzeugen, von ehemaligen Journalisten bis hin zu brasilianischen Präsidenten, vor die Kamera. Dabei arbeiten die Macher fast ausschließlich die Glanzzeit Pelés als Spieler auf, also die Zeit rund um den Gewinn der drei Weltmeisterschaften 1958, 1962 und 1970.

Nun ist es nicht sonderlich überraschend, dass uns Pelés eher mäßig faszinierendes Spätwerk, mit Ausflügen in die Politik oder einer Rolle als Werbeikone für Viagra, im Film vorenthalten wird. Dass man hier aber auch Pelés Kindheit und Jugend in nur wenigen Szenen kurz und lieblos abfrühstückt, überrascht schon. Wobei man selbst auf diese wohl besser verzichtet hätte, denn was Pelé zu seiner Kindheit zu erzählen hat ist nur mäßig interessant. Natürlich glaubte er nie daran ein Fußballstar zu werden, meint Pelé, nur um in der nächsten Szene vom emotionalen Versprechen an seinen Vater zu berichten, den Weltmeistertitel für das ganze Land zu holen. Viel komplexer als das wird es dann auch nicht mehr.  

Angesichts solcher banaler Aussagen ist die Entscheidung der Filmemacher, schnell in Pelés aktive Zeit als Spieler zu springen, wohl die richtige. Der erdrutschartige sportliche Erfolg ihres Protagonisten wird allerdings dann zum nächsten dramaturgischen Problem. Ob Verein oder Nationalmannschaft, Pelé gelingt gerade zu Beginn einfach alles ohne großartige Widerstände und Rückschläge. Da der alte Pelé aber weiterhin nur eher banale Statements und Anekdoten zum Besten gibt, dümpelt die Dokumentation so lange Zeit dramaturgisch und emotional unterkühlt vor sich hin. Selbst als später die eine oder andere Verletzung Pelés sportliche Erfolgsbilanz etwas trübt, mag sich angesichts des bereits Erreichten und der Oberflächlichkeit der Hauptfigur nur bedingt eine große emotionale Anteilnahme beim Zuschauer einstellen.

Je weiter die Doku voranschreitet, desto deutlicher wird, dass etwas anderes als Fußball Pelé damals einfach nicht interessiert hat. Insbesondere, wenn der Film in seiner zweiten Hälfte die wachsenden politischen Spannungen und das Abdriften Brasiliens in die Diktatur anspricht. Jetzt scheint endlich inhaltlich etwas Leben in die Bude zu kommen. Doch da macht der Protagonist einfach nicht mit. Angesprochen darauf, ob die politische Situation irgendeinen Unterschied für ihn gemacht hätte, antwortet Pelé nur mit einem Achselzucken und einem simplen "Nein, nicht wirklich".

So prallen die wenigen Versuche, der Hauptfigur interessante Facetten abseits des Platzes abzugewinnen, wie von einer dichtgestaffelten Freistoßmauer einfach ab. Was nur bedingt ein Vorwurf an Pelé sein soll, denn dem eher simpel gestrickten jungen Mann nun das unterlassene Aufbegehren gegen ein diktatorisches Regime vorzuwerfen wäre wahrlich zu viel des Guten. Pelé war eben nicht ein Muhammad Ali, äußert sich ein Journalist. Stattdessen sieht man einen Pelé, der im hohen Alter ein paar seiner ehemaligen Fußballkameraden trifft und sich mit ihnen gegenseitig genauso neckt wie eine Kreisliga-B-Mannschaft beim Kasten Bier in der Umkleidekabine. Was durchaus seinen Charme hat, aber eben nur leidlich für eine faszinierende Dokumentation taugt.

Natürlich punktet der Film immer noch mit den auch noch Jahrzehnte später faszinierenden Auftritten von Pelé auf dem Platz. Und ja, als Fußballfan ist das alles auch irgendwie nett anzuschauen. Doch gerade die Spielausschnitte aus den WM-Partien kann man auch auf Youtube finden und abgesehen von ein paar netten kleinen Anekdoten stellt sich bei dieser Dokumentation so dann schon ein wenig die Frage nach der Daseinsberechtigung. Mehr als die Chronistenpflicht gibt es hier nämlich nicht zu sehen. Es drängt sich aber eben auch der Verdacht auf, dass die Filmemacher selbst mit einer härteren Gangart aus diesem Protagonisten wohl einfach nicht viel mehr hätten rausholen können.

So ganz können Ben Nicholas und David Tryhorn das alles aber wohl nicht auf sich sitzen lassen und liefern uns am Ende zumindest noch ein cleveres und geradezu perfektes Schlussbild für ihr Dilemma. Da steht Pelé, mit jugendlichem Lächeln und in den Himmel gereckten Armen, bei seinem Abschiedsspiel in den USA in einem ausverkauften Stadion und skandiert mehrmals "Love" in den Abendhimmel. Und genau diesen Moment nutzen die Macher, um auf einen Mann am Seitenrand zu schneiden, der das Geschehen mit eingefrorenen Gesichtszügen verfolgt: Muhammad Ali. Zwei Ikonen des Sports, die verschiedener nicht sein könnten. Während der eine die Gesellschaft verändern wollte, hielt der andere sich lieber an eine alte Fußballerweisheit: Entscheidend is auf'm Platz. Und irgendwie kann man sich ja schon denken, was wohl die bessere Steilvorlage für eine packende Dokumentation ist.

Bilder: Copyright

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