
Joaquin Phoenix ist schon ein wunderlicher Kerl. Seitdem er Ende 2008 offiziell seine Schauspiel-Karriere für beendet erklärt hat, widmet er sich offiziell der Musik. JP wird ein Rapper, lässt sich die Haare auf dem Kopf und im Gesicht unansehnlich lang wachsen und sorgt mit denkwürdigen Talkshow-Auftritten wie jenem bei David Letterman für Schlagzeilen. Gut drei Jahre nach seinem vermeintlichen Karriereende als Hollywood-Darsteller gewährt nun eine - um im offiziellen Sprachgebrauch zu bleiben - Dokumentation unter Regie von Ben-Bruder Casey Affleck Einblicke in diese wilde Zeit. Man könnte "I'm Still Here" auch als Mockumentary bezeichnen, oder Showbiz-Tragödie, gern auch Groteske, Freak-Show oder Penis-Parade. Ja, was zur Hölle ist "I'm Still Here" eigentlich?
Ende Oktober 2008: Joaquin Phoenix macht vor laufender Kamera Schluss mit der Schauspielerei und gibt an, sich nur noch auf seine Musik-Karriere konzentrieren zu wollen. Nicht jedoch als Country-Sänger wie in seiner mit einem Golden Globe bedachten Rolle als Johnny Cash in "Walk the Line", sondern als Rapper. Anfang 2009 wird bekannt, dass P. Diddy das Album produzieren und Casey Affleck eine Dokumentation drehen wird. Wenige Tage später tauchen im Internet Videos von Phoenix' erstem Live-Auftritt auf: Ein Rapper, der mit Weihnachtsmann-Bart, Pulli und Mütze hysterisch auf der Bühne herumspringt und beim Abgang von selbiger herunterpurzelt. Verständlicherweise mehren sich nun die Gerüchte, dass es sich beim Affleck/Phoenix-Projekt um einen gewaltigen Scherz handelt. Ende vergangenen Jahres folgt dann die "erlösende" Bestätigung seitens des Regisseurs.
Der leichte Restzweifel, ob Joaquin Phoenix nicht doch den Verstand verloren hat, hätte aus diesem Experiment einen richtig interessanten Film machen können. Aufgrund der Gewissheit, dass dem nicht so ist, imponiert einzig, mit welch hartnäckiger Konsequenz Phoenix innerhalb dieses Films seinen Rapper-Realitätsanspruch behauptet. Immer wieder fließt die ganz reale, oft unfassbar hämische Berichterstattung über Joaquin Phoenix mit ein. Als Reaktion darauf verzweifelt Phoenix zusehends, da ihn offenbar keiner als Musiker so recht ernst nehmen mag, alle an einen Gag glauben. Der Mann mit dem markanten Gesicht verliert sich immer mehr in Depressionen, Aggressionen und unbeherrschtem Drogenkonsum, zettelt Schlägereien an und kotzt nach einem Auftritt ordentlich ins Klo. Könnte man als Kritik am System deuten, muss man aber nicht.
In der ersten halben Stunde weiß "I'm Still Here" noch ganz gut zu gefallen. Begeistert und von seinen langjährigen Vertrauten unterstützt widmet sich JP der Arbeit an seinem Album, sitzt in einem kleinen Studio und schreibt Songs. Doch schon vor seinem ersten Auftritt berichten einige Medien unter Berufung auf einen Insider von einer Fake-Karriere. Damit ist die Stimmung im Lager Phoenix gedämpft und hellt sich in der folgenden Filmstunde auch nicht mehr auf. Im Gegenteil: Was folgt, ist eine einzige "Fuck"-Orgie mit Ausrastern, wüsten Beschimpfungen, bizarren Auftritten und unverständlichen Äußerungen, gemixt mit durchs Bild huschenden Penissen, Sex-Partys, buchstäblichen Scheiß-Attacken und dem unzensierten Genitalbereich von Britney Spears.
Was innerhalb einer echten Dokumentation oder eines klassischen fiktiven Films zum Nachdenken angeregt hätte, liefert so lediglich ein paar Ansätze, denen man nicht folgen möchte, und lässt stattdessen die Frage im Raum stehen: Was zur Hölle soll das eigentlich? Beispielhaft ist eine minutenlange Szene, in der Phoenix einen Freund als Verräter überführt, der das alles wiederum abstreitet. In Kenntnis der Künstlichkeit dieses gesamten Szenarios sitzt man als Zuschauer ratlos da und wundert sich, wie zäh, ja fast unerträglich belanglos der Film geworden ist. Und als Komödie funktioniert "I'm Still Here" leider auch nicht.
Was positiv in Erinnerung bleibt, das sind die unzähligen Cameo-Auftritte, darunter sehr kurze wie jene von Jack Nicholson, Danny Glover, Bruce Willis oder Danny DeVito, aber auch etwas längere, die der Überraschung wegen an dieser Stelle nicht verraten werden sollen. Positiv in Erinnerung bleibt aber auch die Bereitschaft von Joaquin Phoenix, nicht nur einen unsympathischen Charakter wie den des Commodus in "Gladiator" zu verkörpern, sondern gleich sich selbst, also das vermeintlich reale Ich, als absolut hassenswerte Person zu präsentieren.
Und neben all den verwackelten "Amateur-Aufnahmen" finden sich doch tatsächlich zwei, drei stimmungsvolle Szenen: eine Zeitraffer-Party, die an "Garden State" denken lässt; die Momente, bevor JP seine letzte Chance auf einer Bühne erhält; und schließlich die schier endlose finale Szene. Die wiederum ist so over the top mit Bedeutung geschwängert, dass hier auch dem Letzten dämmern sollte, welche Art von "Dokumentation" er gerade gesehen hat. Vermutlich ist das auch so gewollt. In einem Film wie "I'm Still Here" wirkt das alles unpassend. In einer ernsthaften Künstler-Biographie hingegen, die vom drogenverseuchten Kampf gegen Windmühlen erzählt, wäre das gut gekommen.
Joaquin Phoenix spielt nun erst einmal wieder in einem "normalen" Film mit, an der Seite von Amy Adams, Philip Seymour Hoffman und Laura Dern, unter der Regie von Paul Thomas Anderson. Das wird mit ziemlicher Sicherheit was Großes. Von "I'm Still Here" bleibt vor allem der zweite Teil des englischen Originaltitels im Gedächtnis haften: "The Lost Year of Joaquin Phoenix".
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