Hinter den Schlagzeilen

Jahr
2021
Laufzeit
90 min
Release Date
Bewertung
9
9/10
von Matthias Kastl / 6. Mai 2021

Deutsche Dokumentarfilmer benötigen gerade dringend positive Schlagzeilen. Der Skandal rund um die inszenierten Aufnahmen des Films „Lovemobil“, der in der Rückgabe des Deutschen Dokumentarfilmpreises durch die Regisseurin gipfelte, haben das eigene Image stark angekratzt. Gut, dass das Münchner Dokumentarfilmfestival DOK.fest aktuell stattfindet und man dort noch bis zum 23. Mai online in den Genuss einer der wohl faszinierendsten deutschen Dokumentarfilme der letzten Jahre kommen kann, der einen packenden Einblick in die nervenaufreibende Arbeit einiger der besten Journalisten dieses Landes gewährt.

In „Hinter den Schlagzeilen“ erlaubt die renommierte Investigativ-Redaktion der Süddeutschen Zeitung, die unter anderem für die Veröffentlichung der berüchtigten "Panama Papers" mitverantwortlich war, dem Filmemacher Daniel Andreas Sager, ihre Arbeit zu begleiten. Es sind schwierige Zeiten für die Redakteure, denn der feige Mord an der maltesischen Kollegin Daphne Caruana Galizia hat gerade Journalisten weltweit tief erschüttert. Einschüchtern möchte man sich aber auf keinen Fall lassen, und so machen sich die beiden Redakteure Bastian Obermayer und Frederik Obermaier daran, die Hintergründe an dem Mord aufzuklären. Bis eines Tages der Redaktion das Video eines redseligen österreichischen Vizekanzlers auf Ibiza zugespielt wird und alle schnell begreifen, welche riesige politische Bombe sie hier gerade ausgehändigt bekommen haben.


Nach dem packenden „Kollektiv“ ist „Hinter den Schlagzeilen“ nun schon der zweite Dokumentarfilm innerhalb kürzester Zeit, bei dem man hautnah dabei ist, wenn investigativer Journalismus eine komplette Regierung zum Einstürzen bringt. Ein Handlungsstrang, der sich aber erst im späteren Lauf des Films herauskristallisiert. Zu Beginn springen wir noch zwischen ganz unterschiedlichen Projekten unserer beiden zentralen Protagonisten hin und her. So trifft man sich ganz geheim mit Edward Snowden, um über die Sorgen der Branche zu diskutieren, oder versucht bei der Münchner Sicherheitskonferenz Insiderinfos zur Rolle eines berüchtigten Waffenhändlers zu erhalten. Dabei erhält das Publikum spannende Einblicke in die Methoden der beiden investigativen Journalisten, wenn diese zum Beispiel versuchen schon alleine durch eine sorgsame Wahl des Settings ihre Gegenüber zum Reden zu bringen.

Emotionaler Kern des Films sind aber in der ersten halben Stunde die Ermittlungen rund um den Mord an der maltesischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia. Eine der faszinierendsten Szenen ist dabei ein Treffen der besten Investigativ-Journalisten Europas, die an einem geheimen Ort darüber philosophieren, wie man hier am Besten zurückschlagen kann. Und wir sind mit der Kamera live dabei. Eine Sequenz, die ein unglaublich schönes Gefühl im Betrachter auslöst, da sie angesichts des feigen Mordanschlags den Glauben an das Gute wiederherstellt. Zumindest für kurze Zeit, denn leider stagnieren die Ermittlungen in diesem Fall bald. Doch dafür bekommt der gerechtigkeitsliebende Zuschauer schnell eine andere Story-Perle serviert: das Ibiza-Video.

 

Was nun folgt, ist einer der wohl packendsten Einblicke in journalistisches Arbeiten, die je in diesem Land auf Film gebannt wurden. Dadurch, dass Regisseur Sager von Anfang an dabei ist, verfolgen wir alle Entwicklungen (genau wie in „Kollektiv“) zu diesem Fall, auf dem nun der komplette Fokus des Films liegt, sozusagen in Echtzeit. Dabei verzichtet Sager bewusst auf Interviews und nutzt die Kamera stets nur als passiven Begleiter – es fühlt sich also wirklich immer so an, als wären wir direkt mitten im Geschehen. Dabei lernen wir unglaublich viele interessante Facetten der Ermittlungsarbeit hautnah kennen – von den Spezialbrillen, die den Journalisten überhaupt erst ermöglichen das codierte Ibiza-Video anzuschauen, bis zu faszinierenden Einblicken in die Arbeit eines Spezialisten, der anhand von Vizekanzler Straches Ohren die Echtheit des Videos verifiziert.  

Doch das Interessanteste an dem Film sind vor allem die Diskussionen unter den Redakteuren, die andauernd entscheiden müssen, wie man denn nun am Besten vorgeht, ohne dass einem die Geschichte um die Ohren fliegt. Denn lange Zeit hat man zwar Zugriff auf das Video, aber keine Freigabe die Inhalte daraus zu veröffentlichen. Minute für Minute steigt dabei die Anspannung, was auch dadurch unterstrichen wird, dass immer mehr Anwälte eingeschaltet werden müssen und andauernd die Führungsebene des Verlags kontaktiert wird – man möchte ja bloß keinen Fehler begehen.


Diese Diskussionen sozusagen live mitzuerleben ist pures Gold für jeden, der auch nur einen Funken Faszination für Journalismus in sich trägt. Dankenswerterweise taugen die beiden zentralen Protagonisten, Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, dabei sehr gut als Identifikationsfiguren. Nicht nur, weil hier offensichtlich das Herz am rechten Fleck sitzt. Sondern vor allem auch, weil diese nie arrogant rüberkommen und angesichts der Tragweite des Falls gerade gegen Ende des Films auf sympathische Weise menscheln und spürbar nervös werden. Und spätestens, wenn man dann kurz vor dem Knall das Strache-Team per Mail über die bevorstehende Veröffentlichung informiert und auf einmal in der Redaktion ein Telefon mit einer österreichischen Nummer auf dem Display klingelt, rutscht auch dem Publikum das Herz in die Hose. Mehr Spannung kriegt kein Hollywoodfilm hin.

„Hinter den Kulissen“ ist am Ende aber nicht nur packende Unterhaltung und ein faszinierendes Zeitdokument geworden. Es ist vor allem ein Loblied auf die Notwendigkeit von investigativem Journalismus. Im Fall von Heinz-Christian Strache mag dabei das Gute gesiegt haben. Doch zu den Ermittlungen zum Mord an Daphne Caruana Galizia gibt es auch knapp vier Jahre danach noch einige offene Fragen. Wenn dieser Film eines eindrucksvoll zeigt, dann dass guter Journalismus und die Pressefreiheit, die Strache ja untergraben wollte, gerade in der heutigen Zeit mit allen Mitteln verteidigt werden müssen. Und zwar von jedem von uns. Wie wäre es, ein erstes Zeichen dadurch zu setzen, dass man die Macher dieses Films (und das Dok.fest) mit dem Kauf eines Online-Tickets belohnt? Der Film ist noch bis zum 23. Mai verfügbar. Also, für die Pressefreiheit, bitte hier entlang...

Bilder: Copyright

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