Du hast das Leben vor dir

Originaltitel
La vita davanti a sé
Land
Jahr
2020
Laufzeit
94 min
Genre
Release Date
Streaming
Bewertung
6
6/10
von Matthias Kastl / 15. November 2020

Es wird einem als Kinoliebhaber ja immer ein bisschen warm ums Herz, wenn man eine der großen Ikonen der Leinwand trotz deren fortgeschrittenem Alter in einem neuen Film erblickt. Gleichzeitig trübt dies auch manchmal etwas die Urteilsfähigkeit, da man mit einer gewissen Milde und Nostalgie dann nur zu gerne über manche Schwäche hinwegsieht. Und leider gibt es bei dem eigentlich gut gemeinten “Du hast das Leben vor dir“ ein paar davon. Allen voran die Tatsache, dass der Film deutlich zu konstruiert daherkommt und ihm keine richtig überzeugende emotionale Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren gelingt. Dank einer gut aufgelegten Sophia Loren reicht es am Ende so nur zu einem nostalgischen aber eben nicht wirklich überzeugenden Comeback der italienischen Filmikone.


Sophia Loren spielt hier die ehemalige Prostituierte Madame Rosa, die als Jüdin einst Auschwitz überlebte und sich nun in ihrer Wohnung um die Kinder von ehemaligen Prostituierten kümmert. Eines Tages bittet ein Freund Rosa, sich doch dem etwas rebellischen Flüchtlingsjungen Momo (Ibrahima Gueye) anzunehmen. Widerwillig nimmt sie die Aufgabe an, doch sowohl Rosa als auch ihre beste Freundin, die Transfrau Lola (Abril Zamora), verzweifeln bald an dem aufmüpfigen Jungen, der seine Freizeit vor allem für den Verkauf von Drogen nutzt. Ob dieses ungleiche Paar am Ende doch noch zusammenfinden wird?


Nicht vollkommen überraschend ist das natürlich eine rhetorische Frage. “Du hast das Leben vor dir“ spielt dramaturgisch auf der Standard-Klaviatur des Crowdpleaser-Dramas und so wird es niemanden überraschen, in welche Richtung sich diese Geschichte letztendlich entwickelt. Für den Erfolg beim Publikum ist aber natürlich der Weg dorthin entscheidend und leider übernimmt sich der Film dabei thematisch etwas. „Fokus, Fokus, Fokus“ sagte einer meiner Professoren früher immer gerne, und eine Reduktion auf das Wesentliche hätte hier sicher gut getan. Stattdessen wird irgendwie jedes gesellschaftlich brisante Thema in die Geschichte und Backstory der Figuren gepackt: ein bisschen Holocaust, etwas Flüchtlingskrise, die Transgender-Problematik und die Folgen der Prostitution.


Wirklich in die Tiefe geht der Film dabei aber bei keinem dieser heiklen Themen, sondern nutzt diese eher dazu um die Außenseiterrollen der Figuren zu verdeutlichen. Was zwar etwas enttäuschend und banal daherkommt, aber zumindest den Vorteil hat, dass der Film nur selten Gefahr läuft ins Manipulativ-Melodramatische abzudriften oder seine politische Botschaft zu stark heraus zu posaunen. Der Film schlägt eher leise als laute Töne an, was einer der Hauptgründe ist warum man ihm einige seiner Schwächen etwas leichter verzeihen kann.


Eine zweite Schwäche ist nämlich eigentlich schon ziemlich gravierend für den Film: Die so wichtige Beziehung zwischen Momo und Rosa funktioniert nämlich nur bedingt. Der Wandel von gegenseitiger Abneigung zu liebevoller Zuneigung wird bei diesen Figuren einfach nicht glaubhaft genug vollzogen. Oft kritisieren wir hier ja Netflix-Filme dafür, dass sie zu lang geraten sind. “Du hast das Leben vor dir“ hätte dagegen mehr Laufzeit im Mittelteil gut getan, denn die Sinneswandel von Rosa und Momo kommen einfach viel zu unvermittelt.


Die beiden haben zwar ein paar durchaus schöne Momente zusammen, aber die Transformation von Feind zu Freund wirkt stellenweise doch leider schon sehr konstruiert. Denn eigentlich gibt keiner hier dem anderen einen wirklichen Anlass dafür, die Skepsis gegenüber dem Gegenspieler abzulegen. Gerade am Ende sorgt das für Probleme, da gerade Momo hier geradezu heldenhaft sich für Rosa einsetzt. Leider wirkt diese Annäherung und Hingabe aber eben eher wie ein Zwang des Drehbuches und nicht wie etwas, dass jetzt aus dem Inneren der Charaktere kommt.


Teilweise betrifft das auch die Interaktion einiger anderer Nebenfiguren mit Momo. Wenn zum Beispiel dessen Arbeitgeber diesen erst als Nichtsnutz abtut, nur um ihm wenig später liebevoll mit einem Zitat von Victor Hugo eine poetische Lebensweisheit zu vermitteln. In diesen Momenten wirkt “Du hast das Leben vor dir“ so, als ob dessen Dialog eher für das gebildete Publikum geschrieben ist als für seine einfach gehaltenen Figuren.


Trotz dieser Schwächen bleibt man aber trotzdem am Ball, da der Film immer wieder durchaus gelungene Momente einstreut. Gerade die “Kinder-WG“ im Haus von Madame Rosa bietet ein paar nette Facetten und vor allem deutlich authentischere Momente, in denen sich die alleingelassenen Kinder gegenseitig mit einer spannenden Mischung aus Misstrauen und Respekt begegnen. Vielleicht funktioniert dieser Teil auch deswegen so gut, weil man ihn, im Gegensatz zu den anderen Plotelementen des Films, nicht schon gefühlt hundertmal gesehen hat.


Und am Ende ist da natürlich noch Sophia Loren. Die macht ihre Sache wirklich gut, genauso wie der junge Darsteller des Momo. Gerade die eher schroffe Art von Madame Rosa rettet den Film ebenfalls davor, nicht zu stark in Richtung Kitsch abzugleiten. Das manche Kritiker jetzt aber bereits schon Loren einen „Oscar“ in die Hand drücken wollen ist dann doch etwas übertrieben und eher der Nostalgie geschuldet.


Von einem Oscar ist der Film selbst auf jeden Fall weit entfernt, auch wenn der große Showdown am Ende noch einmal Vollgas in Sachen Dramatik gibt. Aber da der Film es bis dahin nicht geschafft hat ein wirklich überzeugendes emotionales Band zwischen Momo und Rosa zu knüpfen, wird das Ende schon deutlich seiner eigentlich anvisierten emotionalen Wucht beraubt. Da hilft dann auch eine Ikone des Kinos nicht weiter, und so können wir “Du hast das Leben vor dir“ höchstens den allergrößten Sophia Loren-Fans wirklich weiterempfehlen. Aber glücklicherweise haben wir anderen ja ein großes Reservoir an überzeugenderen Filmen der Grand Dame, aus dem wir schöpfen können...

Bilder: Copyright

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