Die Verschwundene

Originaltitel
Seules Les Bêtes
Jahr
2019
Laufzeit
117 min
Genre
Regie
Release Date
Bewertung
9
9/10
von Maximilian Schröter / 28. Juli 2021

Es beginnt mit einer schreienden Ziege. Ein junger Mann radelt durch eine afrikanische Großstadt; er transportiert das blökende Tier huckepack. Dann folgt ein abrupter Szenenwechsel ins französische Zentralmassiv: Weite, verschneite Landschaften. Es stürmt. Alice (Laura Calamy) besucht den allein auf seinem Hof lebenden Joseph (Damien Bonnard) für ein wenig nachbarschaftliche Unterstützung in juristischen Fragen. Dabei bleibt es allerdings nicht, denn anschließend haben die beiden Sex. Davon wiederum darf Alices Mann Michel (Denis Ménochet, vielen bestimmt aus der Eröffnungsszene von „Inglourious Basterds“ bekannt) nichts wissen. Wenig später bekommen sowohl Alice als auch Joseph Besuch von der Polizei. Eine in der Nähe wohnende Frau ist verschwunden. Ihr Auto wurde verlassen am Straßenrand aufgefunden.

Was der junge Mann in Afrika mit all dem zu tun hat, darauf wird der Film später noch zurückkommen. Zunächst beginnt der Film seine Geschichte ganz klassisch als Crime-Thriller. Düstere, schneebedeckte Straßen und Häuser, eine Kleinstadt, in der sich alle kennen – beste Voraussetzungen also für eine klassische Whodunnit-Erzählung, bei der die Polizei der Ursache eines Verbrechens auf die Spur kommen muss. Doch polizeiliche Ermittlungen stehen hier keineswegs im Vordergrund.

"Damien Bonnard"

„Die Verschwundene“ basiert auf dem Roman „Nur die Tiere“ von Colin Niel. Film und Buch haben gemeinsam, dass ihre Handlung in aus unterschiedlichen Perspektiven erzählte Segmente eingeteilt ist (wobei der Film diese Struktur in seiner zweiten Hälfte nicht mehr konsequent durchzieht). Abgesehen von der Eröffnungsszene sind die ersten zwanzig Minuten konsequent aus der Sicht von Alice erzählt; anschließend springt der Film in der Zeit zurück und zeigt uns einige der schon bekannten Ereignisse noch einmal aus Josephs Perspektive.

Jedes dieser Kapitel wirft neue Fragen auf, die dann häufig in den darauffolgenden Abschnitten beantwortet werden. Gleichzeitig tun sich dabei aber auch neue Fragen auf. Sind etwa Josephs Verletzungen tatsächlich das Ergebnis einer Schlägerei mit Alices eifersüchtigem Mann, wie Alice annimmt? Oder steckt etwas anderes dahinter? Die Perspektivenwechsel sorgen immer wieder für Aha-Momente und damit Befriedigung beim Zuschauer, wenn man wieder einmal einem zuvor eingeführten Mysterium auf die Spur gekommen ist.

Insofern wirkt „Die Verschwundene“ wie eine auf zwei Stunden komprimierte Serienstaffel – und tatsächlich würde sich der Stoff auch wunderbar eignen, um daraus eine Miniserie zu machen. Jede Folge wäre dann der Sichtweise einer der handelnden Figuren gewidmet. Aber nun liegt eben ein Film vor, was insofern praktisch ist, da ja sowieso niemand mehr die Zeit hat, alle auch nur halbwegs lohnenswerten Serien anzuschauen und der Stoff in Serienform vielleicht zu sehr gestreckt werden müsste.

"Nadia Tereszkiewicz"

Als Film jedenfalls ist „Die Verschwundene“ hervorragend geworden. Nicht so sehr ein Verbrechen und seine Aufklärung bilden hier den Mittelpunkt, sondern die Figuren. Wenn diese eines gemeinsam haben, dann ihre Sehnsucht nach Nähe und Liebe. Diese Sehnsucht ist die Motivation, die den meisten ihrer Handlungen zugrunde liegt, ganz egal, ob sie sich zum außerehelichen Sex treffen, sich in scheinbar aussichtslose Affären stürzen oder online mit Fremden chatten. Die verschiedenen Handlungsstränge hängen dabei zusammen und beeinflussen sich zum Teil gegenseitig stark.

Dass auch der Zufall ein paar Mal eine große Rolle spielt, kann man kritisieren. Aber man kann auch großen Spaß daran haben, sich hier nach und nach den Lauf der Ereignisse zusammen zu puzzeln. Regisseur Dominik Moll hat den Film so stimmungsvoll, spannend und trotz der Ort- und Zeitsprünge in sich stimmig inszeniert, dass die Handlung nie aus dem Fluss gerät. Die Darsteller überzeugen in ihren Rollen alle auf ganzer Linie, inklusive einiger Laiendarsteller im in der Elfenbeinküste spielenden Teil des Films, die zuvor noch nie als Schauspieler gearbeitet hatten. Neben Valeria Bruni Tedeschi in einer kleineren, aber wichtigen Rolle überzeugt dabei vor allem Denis Ménochet als sich in eine letztlich nur eingebildete Liebesaffäre stürzender Ehemann in einigen herrlich an der Grenze zwischen Komik und Tragik schwankenden Szenen mit teils minimalistischem, aber wirkungsvollem Schauspiel.

"Guy Roger “Bibisse” N’Drin"

Mit seiner in verschiedene Perspektiven eingeteilten Erzählstruktur erhält „Die Verschwundene“ stets die Spannung aufrecht und sorgt bis zum Schluss für neue Wendungen. Dieser Text geht deshalb auf einige Handlungsstränge und Figuren des Films absichtlich kaum ein, weil man als Zuschauer umso mehr Spannung aus dem Film ziehen kann, je weniger man vorher darüber weiß. Die Botschaft einer globalisierten Welt, in der alles mit allem zusammenhängt und selbst kleine Ereignisse auf einem Kontinent den Lauf der Dinge auf einem anderen beeinflussen, ist zwar sicher nicht neu. Verbunden mit der Kriminalhandlung und der gekonnten Inszenierung ergibt sich so aber ein einzigartiger Film.

Bilder: Copyright

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