Die Känguru-Chroniken

Jahr
2020
Laufzeit
92 min
Genre
Regie
Release Date
Bewertung
5
5/10
von Volker Robrahn / 3. März 2020

Wer sich erst einmal wundert, wie man denn auf die Idee kommt einen Film mit einem animierten Känguru zu drehen und wieso diesen tatsächlich eine ganze Menge Leute gespannt erwarten, der hat also tatsächlich überhaupt nichts mitbekommen vom Multimedia-Phänomen aus der Feder von Marc-Uwe Kling. Das ist zweifellos möglich, aber schon etwas überraschend, denn nach den populären Büchern, der noch beliebteren Hörbuch-Umsetzung sowie Podcasts und stets ausverkauften Lesereisen war er schon ziemlich omnipräsent, der animalische und sozialpolitisch höchst engagierte Mitbewohner des gutmütigen Kleinkünstlers aus Berlin-Kreuzberg.

Sämtliche Inkarnationen der „Känguru-Chroniken“ waren dabei eine One-Man-Personality Show des Autors Marc-Uwe Kling, und da das so bei der Verfilmung nicht mehr machbar ist, mischte sich zu all der Vorfreude bei den eingeschworenen Fans doch auch eine gehörige Portion Skepsis, ob denn nicht bei der Adaption zu viel von dem verloren gehen könnte, was den speziellen Witz und Reiz der Vorlage ausmacht. Der nun vorliegende Film gibt sowohl den Skeptikern als auch den Optimisten recht.

Er ist nicht nur ein unterambitionierter Klein- sondern auch Lebenskünstler und als solcher fühlt sich Marc (Dimitrij Schaad) eigentlich ganz wohl in seiner bescheidenen Kreuzberger Wohnung. Dass sich als neuer Nachbar eines Tages ein leibhaftiges, sprechendes Känguru vorstellt, nimmt er genauso gleichmütig hin wie dessen Entscheidung, sich sehr schnell einfach als Mitbewohner aufzudrängen. Ein Mitbewohner, dessen kommunistische Überzeugung ihn dazu berechtigt zum gemeinsamen Haushalt eher wenig beizutragen und sich lieber bei Marc zu bedienen, aber Begriffe wie "mein" und "dein" sind ja eh völlig überholt und außerdem ziemlich bürgerlich. Und so könnte das gemütliche Leben zwischen Fernsehgucken, Schnapspralinen futtern und gelegentlichen Spielabenden in der Stammkneipe von Herta (Carmen-Maja Antoni) eigentlich noch eine Weile so weitergehen, wenn nicht der Immobilienhai und rechtspopulistische Politiker Jörg Dwigs (Henry Hübchen) ein Auge auf das Areal im Kreuzberger Kiez geworfen hätte und es sehr gerne plattmachen möchte, um dort seinen eigenen, leicht phallischen Tower zu errichten. Diesem Turbo-Kapitalisten muss natürlich Einhalt geboten werden und dafür mangelt es vor allem dem Känguru auch nicht an Ideen.

Blicken wir zuerst auf die wohl heikelste Komponente, und das ist die animierte Hauptfigur. Nimmt man die Existenz des gut zwei Meter großen sprechenden Beuteltiers bei einer Audio-Erzählung vielleicht noch recht leicht hin, so fällt das beim konkreten (und dauerhaften) Anblick schon grundsätzlich etwas schwerer, und daher darf die visuelle Umsetzung nicht allzu merkwürdig und verstörend ausfallen, will man nicht im „Cats“-Desaster enden. Aber zumindest diese Sorge erweist sich als unbegründet, denn das Känguru sieht nicht nur überzeugend aus, sondern fügt sich auch sehr geschmeidig ins Umfeld ein, so dass man dessen Existenz als Zuschauer bald genauso selbstverständlich akzeptiert wie das auch die Protagonisten im Film tun. Dabei hilft natürlich, dass es mit der bekannten Stimme von Marc-Uwe Kling spricht, die einen nicht unerheblichen Anteil am Erfolg vor allem der Hörbücher hatte. Die Dialoge, die sich die beiden stets streitenden WG-Bewohner in rasantem Tempo an den Kopf werfen, sorgen vor allem zu Beginn für viele Lacher, so dass man sich als Betrachter schnell rein findet und auch gleich ordentlich Spaß hat.

Ein Niveau, dass der Film in der Folge allerdings nicht halten kann, denn während die Vorlage (zumindest im ersten Band) lediglich aus einer Aneinanderreihung von einzelnen kleinen Ideen und Erlebnissen besteht, braucht der Film letztlich halt doch so etwas wie eine durchgehende Geschichte. Und diejenige, die man sich dafür ausgesucht hat, passt zwar grundsätzlich zum auch in den Büchern gepflegten Feindbild Kapitalismus, gerät insgesamt aber doch recht dünn, und auch ein gestandener Schauspieler wie Henry Hübchen (Regisseur Dani Levy greift dabei auf den bewährten Hauptdarsteller aus seinem Erfolgsfilm „Alles auf Zucker“ zurück) kann aus der sehr eindimensionalen Figur nicht allzu viel herausholen. Insgesamt hat man aber ein überzeugendes Ensemble versammelt, vor allem die schrägen Nebencharaktere wie Kneipenwirtin Herta (merke: „keine ist herta“) oder die türkischen Ladenbesitzer Otto und Friedrich-Wilhelm werden gut getroffen.

Was aber definitiv nicht wirklich funktioniert ist die Übertragung der einzelnen Gags und Sprüche. Zwar bemüht man sich möglichst viele bekannte Zitate einzubauen, die fallen hier dann jedoch meist in einem völlig anderen Zusammenhang als Bestandteil der Handlung und quasi „nebenbei“, was ihnen einen Großteil der Wirkung nimmt. Das wirkt dann erkennbar bemüht, etwas Fanservice zu bieten, ist in dieser Form aber weder Fisch noch Fleisch – der Kenner ist enttäuscht, weil der Gag nicht so gut wirkt wie in der Vorlage, und der unbedarfte Betrachter fragt sich was das jetzt überhaupt sollte.

Wobei sich die Frage stellt, ob man es denn überhaupt hätte besser machen können, und die Antwort darauf lautet vermutlich nein. Ein Spielfilm ist nun mal etwas anderes als eine Sammlung kleiner geistreicher Anekdoten und eine 1:1-Übertragung auf die Leinwand kaum möglich. Und so präsentieren sich die „Känguru-Chroniken“ im Kino zwar keinesfalls als Totalausfall, aber eben doch wie befürchtet als eine irgendwie kastriert wirkende Version des Originals, die längst nicht den gleichen Effekt auf den Konsumenten hat, womöglich auch gar nicht haben kann. Man hat sich wirklich sehr bemüht und entsprechend fällt das Ergebnis aus.

Bilder: Copyright

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