Brothers - Zwischen Brüdern

Originaltitel
Brødre
Land
Jahr
2004
Laufzeit
110 min
Genre
Regie
Release Date
Bewertung
9
9/10
von Anna Sola / 17. Januar 2011

Michael (Ulrich Thomsen, "Das Fest", "Das Erbe") ist ein wahres Vorzeigeexemplar: Er hat Karriere beim Militär gemacht und wohnt mit seiner schönen Frau Sarah (Connie Nielsen, "Gladiator") und den zwei nicht minder schönen Töchtern in einem ebenso schönen Haus. Seine Eltern sind stolz auf ihn. Sein Bruder Jannik (Nikolaj Lie Kaas, "Idioten", "Dänische Delikatessen") hingegen ist das schwarze Schaf der Familie: Er hat es zu nichts gebracht und hat gerade eine Haftstrafe wegen Banküberfalls absitzen müssen. Doch plötzlich wird alles anders als die Nachricht kommt, Michael sei bei einem Einsatz in Afghanistan tödlich verunglückt. Die Familie ist fassungslos, und bald bekommt Jannik zu spüren, dass zumindest sein Vater (Bent Mejding, "Italienisch für Anfänger") sich wünscht, es hätte stattdessen den anderen Sohn getroffen. Aber in der Trauer um Michael kommen Sarah und Jannik sich plötzlich näher....

Susanne Bier beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit Schicksalsschlägen und der Frage "Was wäre wenn...?". In ihrem Film "Open Hearts" wurde ein junger Mann Opfer eines Autounfalls und lag gelähmt im Krankenhaus, während seine Freundin Trost bei einem der Ärzte suchte. Obwohl der Schicksalsschlag diesmal für dänische Produktionen recht exotisch ausfällt (beim Londoner Filmfestival erzählte die Regisseurin, sie sei bis heute beeindruckt und überrascht von ihrer eigenen Hubschrauberszene) liegt das wahre Drama wie immer im Alltag. 
Da sind die Eltern, die Michael vorziehen, obwohl sie doch alle Kinder gleichermaßen lieben sollen, und die Töchter, die verkünden dass man mit Onkel Jannik viel mehr Spaß haben kann als mit Papa. Es ist das ehrliche Aussprechen und Darstellen solcher Gefühle, die die Qualität des Films ausmachen. Bier setzt sich hier mit moralischen Fragen auseinander, ohne je belehrend oder klischeehaft zu wirken. Ihre Figuren sind "aus dem Leben gegriffen", so abgedroschen das jetzt klingen mag, mit echten Gefühlen und Schwächen. 
Wie in vielen anderen dänischen Filmen ("Italienisch für Anfänger", "Okay") schafft es auch "Brothers", absolut tragische Ereignisse darzustellen, ohne dass gleich der ganze Film trübselig und humorlos wird. Dies ist vor allem auch Nikolaj Lie Kaas zu verdanken, der dem unverschämten Chaoten Jannik aus der Anfangsszene im Laufe des Films immer mehr Herz einhaucht. Als Gegenstück zu dieser Entwicklung muss Michael in Afghanistan feststellen, dass auch das beste Training nutzlos ist angesichts der Situation, mit der er konfrontiert wird. Dies mag vor allem für Kriegsveteranen keine neue Feststellung sein, aber Bier schafft es mit wenigen Szenen einen Eindruck der Wirklichkeit des Krieges zu vermitteln, den man in den Nachrichten nur noch selten bekommt.

Ulrich Thomsen und Nikolaj Lie Kaas verkörpern das ungleiche Bruderpaar sehr glaubhaft, und zwar keinesfalls nur weil sich die beiden wirklich nicht ähnlich sehen. Der verantwortungsvolle Vorzeigesohn und das unreife, rebellierende schwarze Schaf: beide haben schon mehrmals Rollen gespielt, die dem gleichen Typ entsprechen, da fiel die Auswahl wahrscheinlich nicht schwer. Außerdem gibt es eh kaum einen dänischen Film in dem nicht zumindest einer der beiden mitspielt. Connie Nielsen hingegen ist zwar Dänin, gibt in diesem Film allerdings ihr dänisches Debüt, da sie das Land verließ kurz bevor die Dogma-Bewegung die Leute daran erinnerte, dass man in Dänemark auch Filme macht. Auch sie passt perfekt in die Rolle der starken Ehefrau, deren Welt auf einmal in sich zusammenbricht. Sehr gut spielen auch die beiden Töchter, die entwaffnend ehrlich ihre Gefühle zeigen. 
Regisseurin Susanne Bier sagte, es sei ihr wichtig in ihrem Film die Brutalität des Krieges mit menschlicher Wärme in Kontrast zu setzen. Das ist ihr gelungen, denn bei Sarah und ihrer Familie zieht der Krieg förmlich ins Wohnzimmer ein. Trotzdem ist es hauptsächlich ein Film über die Liebe in schweren wie in normalen Zeiten - falls es die noch gibt.

Bilder: Copyright

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