Die Macht der Bibelkrieger - Jetzt auch im Kino

von Volker Robrahn / 10. Juli 2011

26.12.2007 - Pünktlich zum größten aller christlichen Feste mischt sich in den Weihnachtsumtrunk ein fader Beigeschmack - zumindest für Filmfreunde. Denn wenn man sich anschaut was in den USA gerade mit der Multimillionendollar -Produktion "Der goldene Kompass" passiert, könnte man durchaus mal kurz vom Glauben abfallen.

Es handelt sich dabei um den großen Fantasyfilm zum Jahresende, wie er ja mittlerweile schon üblich ist. Außerdem geht es hier um den ersten Teil einer Literaturverfilmung, ebenfalls ein bekanntes Muster. Und auch wenn natürlich nicht jede neue Franchise gleich in "Herr der Ringe" - oder "Harry Potter"-Dimensionen vorstoßen kann, so haben wir es beim "Kompass" doch allemal mit einer der aufwändigsten und am stärksten beworbenen Produktionen des Jahres zu tun, deren Herstellungskosten sich auf fast 200 Millionen Dollar belaufen.
Daher ist das Einspielergebnis, welches sich für den Film bisher abzeichnet, nicht nur eine Enttäuschung sondern schlichtweg eine Katastrophe. Rund 25 Millionen US-Dollar am ersten Wochenende und danach wurde es nicht besser. So steht der Film nach 10 Tagen bei knapp 40 Millionen Einspiel und es zeichnet sich ein Missverhältnis zwischen Kosten und Ertrag ab, wie man es bei einer Hollywood - Produktion dieser Größe seit Jahren nicht erlebt hat. "Schlecht für die Filmfirma halt" mag nun mancher schulterzuckend reagieren und sich ansonsten fragen, warum ihn das weiter kümmern sollte. Aber leider liegt der Fall hier etwas anders, denn es gibt eine recht einfache Erklärung für den kolossalen Absturz des "Goldenen Kompass" und der liegt leider nicht in seiner Qualität oder seiner Besetzung.
Nach Berichten über in der Buchvorlage angeblich enthaltene anti-christliche Tendenzen liefen nämlich zahlreiche Kirchen- und Elternverbände Sturm gegen das Werk und riefen landesweit und medienwirksam zum Boykott desselben auf. Und das scheint ganz hervorragend zu funktionieren: Der Film wird, wie geschildert, nun vom amerikanischen Publikum gnadenlos abgestraft. Dass man die - in den Büchern in der Tat enthaltene - Religionskritik an einer herrschenden Kaste, welche ihr Volk bewusst dumm und unwissend halten möchte, für die Verfilmung stark abgeschwächt hat, spielt dabei offensichtlich keine Rolle. Dass diese Bösewichte eher undifferenziert gezeichnet werden und sich dabei kaum von denen ähnlicher Geschichten unterscheiden - egal. Amerikanische Kinder sollen das bitte nicht sehen und so bleibt das gleiche Publikum, welches noch die - von Aufwand und Genre her durchaus vergleichbaren - "Chroniken von Narnia" zu einem gewaltigen Hit machte, jetzt fast vollständig fern. Dass es sich bei eben diesem "Narnia" aus Sicht nicht Weniger dabei um eine missionarisch angehauchte, sehr pro-christliche Erziehungsstunde handelte, macht die Sache noch ein wenig pikanter. Auch dort treffen die gemachten Aussagen eher auf die erzkonservative Buchvorlage zu, aber auch dort genügte bereits das (in diesem Falle wohl "positive") Image für einen Erfolg, der sich mit der Qualität des Films allein sicher nicht erklären ließe.

Und wären beide Filme im alten Europa ein eher "normales" Box Office-Verhalten an den Tag legen ("Narnia" lief etwas schwächer als in den USA, der "Kompass" aber deutlich besser), denken wir zurück an einen Film, der vor einigen Jahren schon einmal erstauntes Kopfschütteln hierzulande hervorrief, ebenfalls weniger aufgrund seiner Qualität, sondern aufgrund des unglaublichen Zulaufs, dessen sich der - von seiner Machart eigentlich eher auf ein übersichtliches Cineastenpublikum zugeschnittene - Streifen erfreute. Die Rede ist von der extrem brutalen und in einer antiken Sprache vorgeführten "Passion Christi", die bei uns lediglich einen Achtungserfolg erzielen konnte, in den USA aber gewaltiges Geld einspielte. Als Mel Gibson kurze Zeit später mit dem ähnlich "realistisch" inszenierten "Apocalypto" meinte, ein genauso interessantes Thema gefunden zu haben, blieb der Erfolg allerdings überschaubar. Kein Wunder, fehlte doch diesmal das offensichtlich todsichere Erfolgsrezept des christlichen Hintergrunds.

So sind sie halt, die bibelfesten Amis in ihren konservativen Flächenstaaten, mag nun mancher schmunzeln und sich immer noch fragen, warum ihn solche Tendenzen denn groß stören sollen.
Aber wer sich das Geschehen um den "Goldenen Kompass" anschaut, dürfte eigentlich schnell erkennen, worauf das Ganze wohl hinauslaufen wird. Denn während sich ein Independent-Filmer wie Kevin Smith noch locker über die Kritik an seinem provokativen "Dogma" amüsieren konnte und einfach gleich mal selbst mit demonstrierte, weil das seine Zielgruppe eh nicht betraf, sieht das hier anders aus. Eine als Blockbuster angelegte Produktion kann sich ein solches Publikumsverhalten auf dem immer noch bedeutendsten und mit Abstand größten Kinomarkt der Welt nämlich keinesfalls leisten. Die Realisierung der noch ausstehenden beiden Fortsetzungen des von vornherein mit einem offenen Ende versehenen "Kompass" ist daher äußerst fraglich, denn den folgenden Teilen dürfte es kaum besser ergehen. Und auch andere Filmstudios dürften nach dieser Erfahrung zu dem Schluss kommen, dass es wohl keinen Sinn macht, sich an Material zu wagen, dass von der einflussreichen Gruppe der fundamentalen amerikanischen Christen kritisch beäugt wird.
Diese entscheiden also durch ihre, von keinerlei Interesse an gutem Kino geprägte Propaganda zu einem guten Teil mit, was wir in Zukunft überhaupt noch zu sehen bekommen. Und ob man sich nun für den "Goldenen Kompass" interessiert oder nicht, ob man seine Adaption für geglückt oder eher misslungen hält: Das sind für ALLE Filmfreunde doch reichlich trübe Aussichten.


Es ist das gute Recht der Menschen, egal ob in Amerika oder Europa, einen Film zu gucken oder eben nicht. Und wenn nicht genug eingespielt wird, um Fortsetzungen zu drehen, besagt das nur, dass die Film-Industrie vom Zuschauer abhängig ist - und das ist für mich keineswegs überraschend. Dabei ist es ganz egal, was für religiöse Hintergründe dabei ausschlaggebend sind. Also von wegen trübe Aussichten, ich weiß nicht was Herr Robrahn von der Filmindustrie erwartet, jedenfalls ist es ziemlich idealistisch, die Leute würden die Filme am meisten besuchen, die auch qualitativ am besten sind. Ich denke, da gibt es genug Gegenbeispiele.

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Red doch ned so nen Mist Angie...natürlich hat jeder das Recht auf nen Film zu verzichten. Aber wenn der Film nur deshalb boykotiert wird, weil er Religionskritik übt (und das viel viel abgeschwächter als in den Büchern) und weil der Author überzeugter Atheist und Humanist ist, dann stimmt was gewaltig nicht. Es geht denen doch ned im Ansatz darum ob der Film überhaupt gut oder schlecht ist, sondern nur darin das er in ihren Augen eine Gefahr für die Gehirnwäsche ihrer dogmatisierten Kinder darstellt, die ja in Frage stellen könnten was ihnen tagtäglich an religiösem Wahnsinn eingeimpft wird.

Das zeigt mal wieder das das neue Jahrhundert und die angehende Verblödung der Menschheit durch die erstarkenden Religionen in allen kulturellen Schichten zu spüren ist und hier das Medium Kino erwischt....

Traurig traurig....

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@fastjack:
Wir leben nunmal in einer demokratischen Gesellschaft genau wie die Amis. Und wenn dort nunmal die Mehrheit der Bevölkerung so religiös ist, dass sie diesen Film boykottieren, dann dürfen sie das auch (auch wenn es so gut wie keinen Grund gibt).
Du hast natürlich recht damit, dass religiöse Motive für die Bewertung eines Films nicht den Ausschlag geben sollten. Aber das zeigt ja auch, dass die Filmkultur keine Subkultur ist, sondern eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt, genau wie Religion.
Ich würde mir etwas mehr Respekt auf beiden Seiten wünschen. Glaubst du wirklich, alle religiösen Menschen wären strohdoof und du allein hast die Wahrheit? Damit stellst du dich auf diesselbe Ebene wie die religiösen Fundamentalisten, die dasselbe behaupten, nur umgekehrt.

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@Angie

Ich hab nie gesagt das ich allein die Wahrheit gepachtet habe. Und Respekt vor religiösem Fundamentalismus ? Nein tut mir leid, dafür kann ich keinen Respekt und auch keine Toleranz aufbringen. Ich bin lediglich der Meinung das die Religion ein veraltetes Instrument ist, dessen wir uns endlich entledigen müssen, denn schau dich doch mal auf der Welt um ....die letzten Jahrhunderte und auch heute noch ist die Religion für den Großteil des Übels auf unserer Erde verantwortlich....nix gegen die gemäßigten Gläubigen hier in Europa die reflektieren können. Aber alle meine Verachtung gegen jeglichen Fundamentalismus ob er nun islamisch oder christlich ist...und die Aktion die grad drüben in Amerika in Bezug auf den Film abgeht, ist nichts anderes als extremistische evangelikale Hetzpropaganda...und sowas hat in einer Demokratie eben nichts verloren. Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit bilden sich nämlich so langsam Demokratiefeindliche Strukturen...

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>>" Es ist das gute Recht der Menschen, egal ob in Amerika oder Europa, einen Film zu gucken oder eben nicht."

Genau dieses "Recht" wird aber eingeschränkt durch diese bescheuerte Boykottierung seitens dieser überzeugten Christen. Ein Film, der anzunehmenderweise kein Geld einspielen wird, wird auch nicht produziert.

Abgesehen davon ist Religion, die sich in den letzten Jahrzehnten nur noch durch Luftleer-Argumente und pro-christlichen Agnostizismus behauptet, wie Fastjack schon richtig sagte ein Aberglaube, den es im 21. Jahrhundert nicht mehr geben dürfte.

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Das Outtake trifft den Nagel auf den Kopf: In den USA zeigen sich die Vorboten des nächsten dunklen Kapitels der Menschheitsgeschichte: Werte wie Meinungs- oder Religionsfreiheit und das Recht, seinen Verstand frei einzusetzen werden von christlichen Fundamentalisten systematisch untergraben, um bevormundende Erziehungsideale aus den 50ern uneingeschränkt anwenden zu können.
In meinem Bekanntenkreis sind einige Leute, die einen Schüleraustausch in die Staaten gemacht haben. Vorallem in Texas' Familien haben Schule, Kirche und Eltern in ihrem Handeln beängstiende Ähnlichkeit mit dem Vorgehen des kompass'schen Magisteriums, frei nach der Losung: "SELIG (werden/sind) die geistig (Armen/Beraubten/Bevormundeten)".

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Die religiöse Rechte der Vereinigten Staaten unter dem Verweis auf demokratische Freiheiten zu verteidigen ist etwa so, als würde man Bücherzensur und -verbrennungen unter der Rubrik "freie Meinungsäußerung" zusammenfassen.

Geistesgeschichtlich befinden sich weite Teile dieser Fundamentalchristen noch im tiefsten Mittelalter: überall sind Dämonen am Werk, und alles, was mit der wörtlich verstandenen Schöpfungsgeschichte einer Hirtenkultur der Bronzezeit nicht in Einklang zu bringen ist, *muss* von vornherein Teufelszeug sein.

Nun sei es jedem freigestellt, jedweden Unsinn zu glauben - aber dieselben Leute setzen sich dann dafür ein, dass die Schöpfungsgeschichte als "gleichwertige Theorie" neben der Evolution unterrichtet wird, laden die Gemeinde kollektiv zu Gibsons "Passion" - oder betreiben eben eine beispiellose Schmierkampagne gegen Filme wie "Der Goldene Kompass".

Zeitweise war dort drüben sogar Anne Franks Tagebuch auf dem Index - weil die junge Dame geschrieben hat, dass sie nicht an Gott glaubt, und somit als Identifikationsfigur für gute amerikanische Kinder nicht in Frage kommt.

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Sehr gut geschrieben. Und leider sehr wahr.

In der heutigen Zeit bestimmt immer noch ein Aberglaube das Leben der
Menschen.
Er zerstört immer noch mehr, als er je versucht hat aufzubauen. Welche Greueltaten im Namen der Kirche begangen wurden, sind nicht mehr aufzuzählen. Im Namen aller sogenannten Götter, im übrigen.

Aber Amerika ist noch immer das Land der Superlative, wenn es um Dummheit geht. Das wird sich auch nicht ändern. Das wir auch hier solche armen Geister haben, ist ebenfalls bekannt.

Das ich aber wohl nie die Vorsetzungen von einem der besten Fantasy-Filme nach Herr der Ringe sehen werde,macht mich traurig und wütend zugleich.

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Hätte man mich nicht mit der Nase darauf gestoßne wäre mir (als überzeugte Christin) gar nicht aufgefallen, dass in dem Film so radikale Religionskritik geübt wird. Ich sehe das doch eher als Kritik an einer machtbesessenen, rücksichtslosen Obrigkeit. Und wenn man es wirklich auf die Religion bezieht, dann kritisiert der Film höchstens die Institution, also die Kirche. Aber mal ehrlich, eine Bande von Bösewichtern, die Kindern ihre Seelen rauben will und sie so gefügig machen, das könnte man auch als Kritik an unserer Konsumgesellschaft auffassen. Ist doch alles eine Frage der Interpretation.
Zwei Dinge finde ich bei dieser Diskussion beängstigend:
1. Dass die christlichen Fundamentalisten in den USA überhaupt ihren Glauben durch den Film kritisiert sehen.
2. Dass die wirklich so viel Macht haben, dass sich ihre Anschauung auf die Einspielergebnisse auswirkt.
Denn: Selbst wenn hier Kritik geübt wird, das muss erlaubt sein. Von einem Fantasy-Kinderfilm sollte niemand seinen Glauben angegriffen sehen und selbst wenn es so wäre, sollte man damit souverän umgehen können. Man müsste sagen können, dass sich jeder ein eigenes Urteil bilden sollte. Aber das ist eben typisch für die Amerikaner, lieber verdammen, als sich wirklich damit auseinander zusetzen. Aber ein Sekten-Guru wie Tom Cruise ist ein anerkannter Filmstar. Viel interessanter sind da seine Beziehungsgeschichten, als seine radikalen religiösen Ansichten. Tja, die USA sind eben ein Land der Widersprüche.

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