Artemis Fowl

Originaltitel
Artemis Fowl
Land
Jahr
2020
Laufzeit
95 min
Release Date
Streaming
Bewertung
3
3/10
von Frank-Michael Helmke / 15. August 2020

Und noch eine gescheiterte Möchtegern-Franchise. In der Post-Harry-Potter-Ära hat es ja schon gefühlt dutzendweise Versuche gegeben, andere Jugendbuch-Reihen mit Fantasy-Elementen zu erfolgreichen Kinoreihen aufzubauen, der allergrößte Teil davon scheiterte kläglich schon beim ersten Teil und erlebte nie eine Fortsetzung. Mit reichlich Verspätung reiht sich nun ein weiteres Projekt in diese Galerie des Versagens ein. Die Bücher um das jugendliche kriminelle Superhirn Artemis Fowl und seine Abenteuer um und mit den Bewohnern der geheimen Welt der irischen Sagengestalten (Elfen, Zwerge, Goblins, etc.) erschienen von 2001 bis 2012, 2013 gab Disney die Absicht bekannt, daraus eine Filmreihe  zu machen. Es dauerte dann nochmal fünf Jahre, bis ein erster Film fertig war, der dann ursprünglich 2019 ins Kino kommen sollte.

Dass der Start damals um ein dreiviertel Jahr verschoben wurde, verhieß schon nix Gutes und konnte eigentlich nur bedeuten, dass man hinter den Kulissen noch herumfuhrwerkte, um ein verkorkstes Projekt im Schneideraum noch irgendwie zu retten. Aus dem für Mai 2020 anvisierten Kinostart wurde dank Corona dann auch nichts, und so feierte "Artemis Fowl" seine Premiere dann schlussendlich nicht auf der Leinwand, sondern nun bei Disneys Streamdienst Disney+. Selbst für umsonst (bzw. die geringe monatliche Abo-Gebühr) ist dieses Machwerk allerdings nicht zu empfehlen. 

Das geht schon damit los, dass die Hauptfigur mehr oder weniger unerträglich ist. Man lernt Artemis Fowl als 12-jähriges Nachwuchs-Genie aus superreichem Hause kennen, der sich seiner eigenen Brillanz allerdings auch allzu bewusst ist, sich selbst ganz unbescheiden mit Albert Einstein vergleicht und auch ansonsten vor allem wie ein arrogantes, unsympathisches "rich kid" rüberkommt. Sein wunder Punkt ist, dass sein Papa Artemis Fowl senior (Colin Farrell auf Autopilot) viel zu selten zuhause ist, sondern ständig beruflich verreist (Fans der Bücher werden hier bereits feststellen, dass man sich nur sehr lose an die Vorlage gehalten hat, in der Fowl senior als verschollen gilt und Artemis mit seiner Mutter zusammenlebt, die es im Film wiederum gar nicht gibt). Als Papa Fowl von einem bösen Feen-Wesen entführt wird, entdeckt Artemis, dass der ganze Humbug über eine Welt voller magischer Wesen im Untergrund, den sein Vater ihm seit Kindesbeinen erzählt hat, tatsächlich wahr ist. Mit dieser Welt muss Artemis sich in Windeseile vertraut machen, denn er bekommt von Papas Entführer nur drei Tage Zeit, um ein sagenumwobenes Artefakt zu beschaffen und so seinen Vater zu befreien. 

Artemis' Plan, dieses Ziel zu erreichen, beinhaltet dann irgendwie die Entführung einer Elfe, die zufällig für die Polizei der fantastischen Untergrundwelt arbeitet, was wiederum eine großangelegte Belagerung von Artemis' Zuhause zur Folge hat, weswegen Artemis praktischerweise für die gesamte Handlung sein stattliches Haus eigentlich nie verlassen muss. Angeführt wird die Fantasy-Polizei übrigens von der griesgrämigen Kommandantin Root, gespielt von Judi Dench in einer der absurdesten Rollen ihrer sehr langen Karriere. Ob das alles so richtig Sinn macht und kohärent ist, erscheint ziemlich fraglich, ist angesichts der Hektik, mit der "Artemis Fowl" durch seine Handlung sprintet, aber auch irgendwie egal, da der Film sich auch gar nicht darum bemüht, allzu viel Sinn zu ergeben. Bestes Beispiel: Wie kopflos die kleine Schwester von Artemis' Bodyguard Butler als vermeintlicher 12-jähriger Sidekick in die Handlung geworfen wird, um dann nur in einer handvoll Szenen aufzutauchen und nichts Relevanteres zur Handlung beizutragen, als Artemis ein Sandwich zu servieren.  

Der Plot ist ein heilloses Durcheinander, bei dem die inhärente Logik schnell auf der Strecke bleibt. Was noch zu verschmerzen wäre, wenn es wenigstens mit Schwung und Witz umgesetzt wäre. Doch gerade angesichts dessen, dass es sich um eine eher an Kinder gerichtete Fantasy-Geschichte handelt, wirkt "Artemis Fowl" merkwürdig ernst und kommt in einer Farbpalette daher, die stellenweise richtiggehend düster erscheint. Die wenigen Versuche, lustig zu sein, wirken dementsprechend dann auch ziemlich bemüht und werden reihenweise verhunzt. Der ganze Film ist inszenatorisch ein derartig vergurkter Fehlzünder, dass man sich mehr als einmal fragt, was der eigentlich ziemlich versierte Kenneth Branagh auf dem Regiestuhl sich dabei gedacht hat. 

Einzig die sehr engagiert spielende Lara McDonnell als Nachwuchs-Elfenpolizistin Holly Short und der genüsslich chargierende Josh Gad als zu groß gewachsener Zwerg Mulch Diggums schaffen es, dem Film ab und an etwas Klasse und Schwung zu geben, ansonsten ist hier Hopfen und Malz verloren. Wenig verwunderlich, bei einer dermaßen konturlosen Hauptfigur, deren in der Vorlage noch vorhandene Kanten auch noch allesamt weggeschliffen wurden: Dass Artemis Fowl eigentlich ein Meisterdieb und kriminelles Superhirn ist, findet im Film überhaupt nicht statt - das war dem Hause Disney wohl nicht brav genug. Wenn man dem vermeintlichen Helden aber alles nimmt, was ihn auf dem Papier mal interessant gemacht hat, ihm stattdessen aber nichts Neues gibt, kann dabei ja nichts herauskommen. Jedenfalls nichts anderes als ein kläglicher Film, bei dem niemand traurig darüber sein muss, dass es die Fortsetzungen, die er einläuten wollte, niemals geben wird. Selten wurden 125 Millionen Dollar derartig in den Sand gesetzt.      

Bilder: Copyright

3
3/10

Je ein Auge für Judi Dench, die dem Affen Zucker gibt, die Elfin Holly und den überdimensionierten Zwerg. Ansonsten ist es wirklich schockierend, wie ein versierter Handwerker der alten Schule einen Film derart vermurksen kann. Hier passt und funktioniert einfach gar nichts - von der unsympathischen Hauptfigur über die hektische Erzählweise (die größten Löcher sollten dann wohl nachträglich durch den Erzähler gestopft werden) bis zur absolut emotionslos inszenierten "magischen" Welt - denn fantasievoll oder magisch ist an diesem Fantasyquark einfach gar nichts.

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