
Philippe Liorets letzter - hier zu Lande völlig zu Unrecht missachteter - Film hieß "Die Frau des Leuchtturmwärters". Eine stille, bezaubernde Geschichte einer Frau (die wunderbare Sandrine Bonaire), die sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Mutter macht und dabei ganz nebenbei ihre eigene Identität neu entdeckt. Sein neustes Werk mit dem Titel "Keine Sorge, mir geht's gut" setzt wieder eine Frau in den Mittelpunkt einer äußerst tragischen Geschichte.
Was ist wohl passiert? Dies fragt sich die junge Lili (Melanie Laurent) zunächst insgeheim, dann aber immer lauter. Lili ist erst vor kurzem aus Barcelona wieder nach Hause zu ihrer Familie zurückgekehrt. Die junge Schülerin muss feststellen, dass ihr Bruder Loic -dem sie sehr verbunden ist - von zu Hause Hals über Kopf abgehauen ist. Ihre Eltern geben sich äußerst reserviert. Aus Protest verweigert Lili jegliche Nahrungsaufnahme, um Antworten zu erpressen. Sie landet im Krankenhaus. Doch als die Situation immer auswegloser erscheint, kommt eine Postkarte von Loic, mit einer kurzen Nachricht: Keine Sorge, mir geht's gut. Aber nun hat Lili noch mehr Fragen. Wo ist Loic? Warum reist er durch ganz Frankreich und scheut sich nach Hause zu kommen?
Das Wunder dieses Films lässt sich in zwei Worte fassen: Melanie Laurent. Sie ist eine wahre Entdeckung. Dabei sah es zu Beginn der Dreharbeiten so aus, als würde Laurent absagen müssen, da sie für ein anderes Projekt schon zugesagt hatte. Doch das Drehbuch war für die junge 23-jährige Schauspielerin dann doch ausschlaggebend und sie entschied sich für Liorets Projekt. Die Darstellung der Lili brachte ihr unlängst schon den renommierten Romy-Schneider-Preis ein und sie gehört dieses Jahr zu den europäischen Shootingstars auf der Berlinale, eine Reihe in der jeweils ein junger Schauspieler aus einem europäischen Land als große Schauspielhoffnung der Öffentlichkeit präsentiert wird.
Es ist also Laurent, die den Film mit ihrer zarten, unaufdringlichen Aura immer wieder mit einem wunderbaren Glanz erfüllt. Dabei leidet man mit, wenn dieses bezaubernde Wesen in den Hungerstreik tritt und die Liebe zu ihrem Bruder über ihr eigenes Leben stellt. Philippe Liorets souveräne Regie setzt dies alles in helle Bilder, die aber nie freundlich oder warm wirken. Wenn Lili im Krankenhaus eingeschlossen wird, beginnt auch für den Zuschauer ein beklemmender und klaustrophobischer Kampf, der sich an das psychologische Drama dieses Mädchens bindet.
Dieser Teil der Geschichte zeichnet sich neben seiner makellosen Inszenierung auch dadurch aus, dass das Geheimnis um Loic hier nur als Katalysator dient, die inneren Befindlichkeiten der Protagonisten, allen voran die von Melanie, zu durchleuchten. Es ist weniger der Bruder und sein Schicksal das hier interessiert, sondern die Auswirkungen seines Verschwindens, welche alle Familienmitglieder einer großen Kraftprobe aussetzt. Den Figuren dabei zu zu sehen, wie sie sich in diesem Kampf verhalten, birgt die größte Faszination in diesem französischen Familiendrama, da sich oft an klassischen Motiven seines Genres bedient. Da wäre zum Beispiel das abendliche Familienessen, bei dem es wie fast immer Salat und Wein gibt, doch niemand isst. Alle schweigen sich an, müssen ihre eigenen Ängste und Sorgen verdauen oder haben an anderen Schwierigkeiten zu kauen.
Wenn Lili aus dem Krankenhaus entlassen wird und mit der Ankunft der ersten Postkarte von Loic das Problem aus der Welt zu sein scheint, ändert Loirent leider den Ton seines Films. Er führt sogar einen Nebenplot ein, in dem Melanie und Thomas langsam aber stetig zueinander finden. Aber dieser Teil des Films rückt im Gegensatz zum ersten das Geheimnis in den Vordergrund und alles nun Folgende dient einzig und allein dessen Bebilderung. Es scheint als wäre die Auflösung viel wichtiger für den Regisseur, als die Krisen die seine Figuren durchleben.
Als Gefühlsthriller bezeichnet Lioret seinen Film. Und über weite Strecken kann man dem zustimmen. Doch es ist einfach nur schade für dieses Werk, dass zum Ende hin die Betonung viel mehr auf den Thriller gelegt wird. So ist "Keine Sorge, mir geht's gut" zwar tieftraurig, hinkt seiner gewollten Komplexität aber hinterher, weil er nicht die nötige Balance zwischen Spannung und Gefühl zu halten vermag und auch eine grandiose Melanie Laurent dieses Defizit nicht vollkommen kompensieren kann.
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