Andor (Staffel 1, Folge 1-4)

von Matthias Kastl / 21. September 2022

In letzter Zeit droht dem "Star Wars"-Universum ja etwas die Luft und Magie auszugehen. Nachdem die letzten Kinofilme eher gemischte Reaktionen beim Publikum hervorriefen, glaubte man bei Disney eigentlich durch den erfolgreichen Serienstart des "Mandalorian" wieder auf Kurs zu sein. Doch die Ergänzung des hauseigenen Serienportfolios um die nur leidlich unterhaltsamen "Boba Fett" und "Obi-Wan Kenobi" löste bei vielen Fans nicht die erwünschte Ekstase aus – und das trotz oder vielleicht wegen jeder Menge Fanservice. Ob manchmal weniger nicht vielleicht doch mehr ist? Nun, Disney+ antwortet darauf gleich mit der nächsten "Star Wars"-Serie. Glücklicherweise zeigt "Andor" aber (zumindest in seinen ersten vier Folgen), dass man mit dem Fokus auf eine gute Story und mehr Mut zu kreativer Eigenständigkeit auch aus diesem Universum noch so einiges rausholen kann.

"Andor" setzt fünf Jahre vor den Geschehnissen von "Rogue One: A Star Wars Story" ein. Von seiner dortigen Rolle als knallharter Rebellen-Offizier ist Cassian Andor (Diego Luna, "Elysium", "Milk") hier noch meilenweit entfernt. Der Kampf gegen das Imperium steht relativ weit unten auf seiner Agenda, stattdessen wendet Cassian Andor lieber alle seine Energie dafür auf, sich als Schmuggler irgendwie durchs Leben zu schlagen. Als er eines Tages aber ungewollt eine noch deutlich schlimmere Straftat begeht, gerät er in das Visier des hochmotivierten imperialen Sicherheitsagenten Syril Khan (Kyle Soller). Während dieser mit einem kleinen Team auf eigene Rechnung Jagd auf Andor macht, betritt gleichzeitig aber auch der mysteriöse Luthen Rael (Stellan Skarsgård, "Verblendung", "Deep Blue Sea") die Bühne. Und der hat ganz Großes mit unserem kleinen Schmugglerkönig vor.

Zugegeben, auch "Rogue One: A Star Wars Story" war nun wirklich kein Meisterwerk. Gefühlt war der Film aber im letzten Jahrzehnt trotzdem noch einer der eigenständigsten und am frischesten wirkenden Einträge in den "Star Wars"-Kanon. Um dieses Gefühl zu reproduzieren hat man sich darum für die Prequel-Serie mit Tony Gilroy einen der beiden Autoren des Films wieder mit an Bord geholt. Und so überrascht es nicht wirklich, dass es der Serie gelingt einige der größten Stärken des Films wieder aufzugreifen.

Wie bereits in "Rogue One" geht hier nämlich auch auf erfrischende Weise alles gefühlt ein Stück dreckiger, rustikaler und rauer zu als man es sonst aus dem "Star Wars"-Universum gewöhnt ist. Bezeichnend dafür ist dann auch gleich die Eröffnungsszene, in der unser Protagonist erst mal die örtliche Rotlichtmeile (inklusive deutlichem „Blade Runner“-Flair) aufsuchen darf – nur um anschließend in eine Situation zu geraten, aus der er sich nun wirklich nicht gerade heldenhaft befreit. Ganz so düster geht es zwar nicht weiter, aber man merkt doch schon deutlich, dass die Macher hier gleich mal eine wichtige Botschaft senden wollen: für ehrenhafte Jedi-Ritter ist in dieser Serie erst mal kein Platz.

Passenderweise bekommt man dann als zentrale Location zu Beginn auch eine Stadt präsentiert, die ein ziemliches Moloch ist und in der sich viele Menschen auf nicht gerade redliche Art und Weise durchs Leben improvisieren. Komplett neu ist dieses Konzept im Science-Fiction-Genre natürlich nicht. Aber es wirkt hier einfach sehr überzeugend, weil man sich in Sachen Setdesign und Storyeinfällen ziemlich viel kreative Gedanken gemacht hat, um das alles möglichst stimmig wirken zu lassen. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Trommler, der auf einer Art Glockenturm die Leute regelmäßig zur Arbeit animiert. Hier bleibt es nicht einfach nur bei einer netten kleinen Idee, das ganze Konzept wird später auch noch dramaturgisch wundervoll in eine kleine Action-Sequenz eingebaut. Ebenfalls angenehm zurückhaltend integriert sind die Effekte von ILM, die wie immer erste Sahne sind, gleichzeitig aber auch nie so eingesetzt werden, dass sie von der Story ablenken könnten.

Damit kommen wir dann auch zu der wohl positivsten Überraschung der ersten Folgen. In Sachen Story hat man sich nämlich ebenfalls ein paar clevere Gedanken gemacht, um mehr als nur den ja bereits vorgezeichneten Weg Cassians vom Schmuggler zum coolen Rebellenkämpfer einfach lieblos abzuspulen. Mit dem genauso korrekten wie übermotivierten imperialen Sicherheitsoffizier Syril Khan konfrontiert man Cassian Andor nämlich mit einem ziemlich ungewöhnlichen Gegenspieler. Ein Mann aus der zweiten Reihe des Imperiums, dessen Fanatismus bei der Jagd auf den ja noch eigentlich eher harmlosen Andor ein wenig an die tragische Figur des Inspektor Javert aus „Les Misérables“ erinnert.

Was diese Figur aber wirklich so spannend macht, ist die Verletzlichkeit und Unsicherheit mit welcher sie portraitiert wird. So fällt dem eher introvertierten Khan die Motivationsrede vor dem eigenen Team richtig schwer und bei dem Anflug auf Andors letzten bekannten Aufenthaltsort ist Khans angespannte Nervosität förmlich greifbar. Immer wieder nimmt sich die Serie dabei die Zeit, dieser Figur kleine Charaktermomente zu spendieren, die unsere Vorstellung vom klassischen imperialen Offizier auf erfrischende Weise etwas auf den Kopf stellen. In einem weiteren kleinen Geniestreich stellt man Khan dann auch noch den wundervollen, sich ständig aufplusternden und schon fast an eine Parodie erinnernden Sergent Kostek (Alex Ferns) an die Seite.

Das Ganze geht am Ende dann sogar so weit, dass unser Antagonist deutlich verunsicherter und ängstlicher auftritt als unser eigentlicher Held. Gerade angesichts des immer nur zynisch und kühl agierenden Cassian Andor wirkt Khan schon fast wie die deutlich menschlichere Figur. Das liegt natürlich auch ein wenig an der zu Beginn noch eher etwas eindimensional wirkenden Hauptfigur, bei der es Diego Luna noch nicht wirklich schafft spannende Zwischentöne einzubauen. Doch so richtig beschweren muss man sich nicht darüber, da der Serie diese eher ungewöhnliche Figurenkonstellation richtig gut tut.

So wirken vor allem die ersten drei Folgen von „Andor“ einfach sehr rund, auch weil man in Sachen Inszenierung auf angenehme Weise den Fuß vom Gas nimmt, um den Fokus ganz entspannt auf ein paar wenige Figuren und die nötige Etablierung einer in sich stimmigen Welt zu legen. Und anstatt billigem Fanservice erhält man hier erfrischende Einblicke in Figuren, die sonst eher als klassisches Kanonenfutter herhalten müssen. Mit der vierten Folge ändert sich das aber ein wenig und die Serie versucht spürbar etwas mehr an Größe zu gewinnen. So werden einige neue Locations, die ein oder andere etwas stärker schillernde Figur sowie eine größere Storywendung eingeworfen, was angesichts des interessanten Privatduells zwischen Khan und Cassian fast ein wenig schade ist.

So steht die Serie gefühlt nun ein bisschen am Scheideweg. Es bleibt zu hoffen, dass auf den starken und angenehm bedacht wirkenden Beginn nun nicht wieder eine unnötig aufgeblähte und eher klassische “Gut gegen Böse“-Storyline folgt. Vielversprechend ist der Start von „Andor“ trotzdem. Denn auch wenn die „Star Wars“-Franchise hier natürlich wieder weiter durch die Geldpressmaschine gejagt wird, ist das Ergebnis doch zumindest am Anfang weit davon entfernt platt und generisch daherzukommen.

"Andor" startet mit drei Folgen am 21. September 2022 auf Disney+, danach erscheinen die neuen Folgen der insgesamt 12-teiligen ersten Staffel im Wochenrhythmus.

Bilder: Copyright

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