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14.11.2008
Bringt die Kerzen und den Champagner, Filmfreunde,
denn seit nunmehr 40 Jahren beglückt uns das Ratings Board
der "Motion Picture Association of America" (MPAA) nun
mit intelligenten und nachvollziehbaren Bewertungen und Altersfreigaben,
die oftmals über Wohl und Weh eines Films und seines minderjährigen
Publikums entscheiden. Denn was liegt zwischen einem frisch zeugungsfähigen
Jüngling und einem Paar nackter Brüste auf der Leinwand,
außer der MPAA und ihrer Alterseinstufungen. PG 13, R, NC-17
- diese Begriffe sagen leider auch hierzulande immer mehr Leuten
etwas, weil sich Filme hinten und vorne verbiegen müssen, um
den strengen Vorlagen der MPAA zu genügen. Fremd- und Selbstzensur,
kompromittierte künstlerische Anliegen, Ausschluss des Zielpublikums,
frustrierte Regisseure und Filmemacher, frustriertes Publikum, Schnittmuster
ohne Wert - all dies hat man nun schon gesehen, alles auf der Suche
nach dem heiligen Gral des amerikanischen Massenkinos: das PG 13-Rating,
das auch die zahlungsfreudigen Teenagerjungs ins Kino lässt
("PG 13" bedeutet, dass Zuschauer über 13 Jahren
ohne Begleitung eines Erziehungsberechtigten den Film besuchen dürfen).
Für die etwas raueren Action- und Gewaltstreifen bleibt das
Ziel jeder Selbstverstümmelung das R-Rating (bei dem Jugendliche
unter 17 Jahren einen Erziehungsberechtigten als Kino-Begleitung
brauchen), damit man bloß nicht für einen Pornofilm gehalten
wird - denn in der öffentlichen Wahrnehmung kriegen nur solch
unzüchtige Streifen das böse NC-17 Rating, das generell
niemandem unter 17 den Kinoeintritt gewährt. Nur das böse
Wort "Zensur" darf natürlich nicht fallen, schließlich
geht es hier ja - wie beim deutschen Äquivalent der FSK - um
"freiwillige Selbstkontrolle". Im Klartext: Wir zensieren,
bevor es andere tun.
Die Geburt der MPAA vor 40 Jahren war daher
auch äußerst begrüßenswert als eine einzige
Instanz, der man Filme zur Prüfung vorlegte. War es doch vorher
notwendig, den jeweiligen Film Dutzenden regionaler Institutionen
- die meisten von ihnen kirchlich oder rechtskonservativ-politisch
- vorzulegen, um dann zu sehen, wie jene eigenmächtig Filme
verboten, verbannten oder per Zensurschnitt vermurksten.
Leider hat sich aber die MPAA seitdem einen Ruf für immer absurdere
Entscheidungen und Richtlinien erarbeitet, die gerade heute schwer
nachzuvollziehen sind. Wer mehr über die Vorbehalte der MPAA
gegen "abnorme" (Zitat) Inhalte erfahren will, sollte
sich Kirby Dicks Dokumentation "This Film is Not Yet Rated"
ansehen, der die Scheinheiligkeit und Verlogenheit der MPAA in drastischem
Maße vorführt.
Hier wird etwa klar, dass schwuler Sex viel viel schlimmer ist als
heterosexueller, und folglich statt einem R-Rating grundsätzlich
das den kommerziellen Tod bedeutende NC 17-Rating bekommt. Auch
der fragwürdige Umgang mit Gewaltdarstellungen wird angesprochen,
der ja oft für Fans der Horror- und Action-Genres fatale Folgen
hat. Die Zahl der ursprünglich als R geplanten und dann für
ein kassentauglicheres PG-13
Zu frivol für die
MPAA: Eines der Promo-Poster
für Kevin Smiths neuen Film.
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Rating verwässerten und oftmals stümperhaft
geschnittenen Filme im Horror- und Actionbereich ist riesig. Und
ironischerweise haben die Finanzjongleure in Hollywood dank des
florierenden DVD-Markts sogar noch Wege gefunden, mit ihrer Selbstzensur
zusätzlich Kasse zu machen - indem man mit nachgeschobenen
"Director's Cuts" oder "Unrated"-DVDs die enttäuschten
Genre-Fans für ein paar Sekunden mehr Film noch mal extra zahlen
lässt. Die Leidtragenden bleiben Kinofreunde auf der ganzen
Welt, denn die kriegen auf der Leinwand eben auch nur die prüden
Resultate der US-Moral-Heuchelei vorgesetzt.
Der fast schon absurde Umgang der filmindustriellen
Selbstzensur mit den zwei großen Reizthemen Sex und Gewalt
funktioniert in den USA dabei genau verkehrt herum als hierzulande.
Während man in Deutschland mit nackten Tatsachen wenig Probleme
hat, mit exzessiver Gewalt aber schon, funktioniert es in den USA
umgekehrt. Da wird millimetergenau um Brustwarzen und Pobacken herum
geschnitten und -gefilmt, und profanes Vokabular - so realistisch
und authentisch es auch sein mag - ist im Prinzip genauso schlimm.
Wie sehr man diese Prüderie übertreibt, davon kann vor
allem Independent-Regisseur Kevin Smith ein Lied singen, oder besser:
Dann eben so: Das neue,
offizielle Filmplakat
für "Zack and Miri make a Porno"
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ein ganzes Album. Der Kampf mit der MPAA um
die Bewertung seines Erstlings "Clerks" schuf Mitte der
1990er einen historischen Präzedenzfall, als dem Film ein NC-17
Rating einzig aufgrund der sehr expliziten Dialoge drohte - den Sittenwächtern
wurde hier entschieden zuviel geflucht. Dass sich in den vergangenen
anderthalb Jahrzehnten grundsätzlich nichts geändert hat,
zeigte jüngst die lächerliche Debatte um Smiths neuen Film
"Zack and Miri make a Porno". Allein das Wort "Porno"
im Titel ist für manchen Moralapostel der MPAA offenbar schon
Grund genug, rot anzulaufen, und so wurde ein zwar provokantes, an
sich aber völlig harmloses Poster zensiert und auch in mehreren
Anläufen nicht zugelassen. Smith nahm's mit Humor und karikiert
nun auf dem offiziellen Poster mit liebevollen Strichmännchen
die absurde Entscheidung der MPAA. Wie auch im Falle von "Clerks"
dürfte Smith die Gratispublicity kaum geschadet haben.
Ärgerlich bleibt aber nicht nur die
Scheinheiligkeit, mit der dort gearbeitet wird, sondern auch die
Willkür und Ungerechtigkeit der Entscheidungen, die mehr als
deutlich vom schnöden Mammon geleitet werden. Dass etwa Independentfilme
viermal häufiger harte Ratings bekommen als Studioproduktionen
hat denn auch nur bedingt mit dem Inhalt zu tun. Denn die MPAA wird
natürlich von niemand anderem finanziert als den großen
Filmstudios selbst, und die Hand die einen füttert, beißt
man nicht. Man nagt allerhöchstens spielerisch am kleinen Finger.
Und so kommen von großen Studios finanzierte Filme wie der
Folter-Porno "Hostel" (der, ebenso wie die für ihre
Gewalt-Exzesse berühmt-berüchtigte "Saw"-Reihe,
unfassbarer Weise ein R-Rating bekam) mit Dingen davon, die bei
kleineren Filmen von kleineren Studios sofort der Schere zum Opfer
fallen.
Wie sehr man sich der Starpower und dem großen Geld Untertan
macht, zeigen zwei Superheldenfilme dieses Jahres. "Hancock"
und "The Dark Knight"
waren Filme, deren Inhalt eigentlich schon über das PG-13 Rating
hinausgeht, deren Budgets in dreistelliger Millionenhöhe aber
keine andere Bewertung zuließen, um ihnen nicht von vornherein
die Chance zur Refinanzierung an der Kinokasse zu nehmen. Offenbar
findet es die MPAA okay für die Jugend, dass in "Hancock"
der Titelheld dutzende Male als Arschloch bezeichnet wird und jemandem
androht, er werde seinen Kopf in den Arsch eines anderen stecken,
was dann auch prompt - natürlich abseits der Kamera - passiert.
Und "The Dark Knight", dessen Gewaltszenen wirkten wie
um ein PG-13 Rating herum geschnitten, verströmte auch ohne
fließendes Blut eine solch brutale Atmosphäre, dass ein
ähnlich gelagerter Independentfilm mit allerhöchster Sicherheit
ein R-Rating bekommen hätte.
Vollends lächerlich machte sich die
MPAA mit einem weiteren Superheldenfilm, dem für März
2009 anstehenden "Watchmen". Man beanstandete den Trailer,
weil in einer Einstellung von weniger als einer Sekunde (!) eine
Figur eine Waffe frontal in die Kamera richtet, was laut MPAA-Statuten
verboten ist. Offensichtlich eine Regel, die sich noch aus den Anfangstagen
der Filmkunst nährt, als das Publikum beim "Großen
Eisenbahnraub" (1903) in Panik verfiel, als ein Cowboy von
der Leinwand sozusagen ins Publikum schoss. Dass seitdem ein Jahrhundert
vergangen ist und heutige Kinozuschauer längst nicht mehr dem
Irrglauben verfallen, dass tatsächlich etwas aus der Leinwand
herauskommen könnte, scheint die MPAA geflissentlich zu ignorieren.
Eine alberne Regel, die nochmals verdeutlicht, wie weltfremd und
die Intelligenz des Publikums beleidigend die MPAA mit den ihnen
vorgelegten Filmen umgeht. "Watchmen"-Regisseur Zack Snyder
nahm den peinlichen Vorbehalt immerhin mit Humor - und änderte
die Waffe per CGI nachträglich in ein Walkie Talkie um. Genauso
wie einst Steven Spielberg, der bei der Jubiläums-DVD-Auflage
von "E.T." alle Waffen im Film durch Funkgeräte ersetzen
ließ, um seinen Klassiker noch ein bisschen familienfreundlicher
zu machen. Mit digitaler Tricktechnik ist heutzutage halt fast alles
möglich. Nur schade, dass man nicht auch die MPAA und ihre
skandalösen Entscheidungen einfach am Computer entfernen kann.
Vielleicht in den nächsten 40 Jahren
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