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Man
kann nicht sagen, dass sich Stanislaw Mucha in seinen Filmen mit
einfachen Fragestellungen beschäftigt: Versuchte er vor zwei
Jahren in "Absolut Warhola" zu beweisen, dass Andy Warhol
die Einfälle für seine Kunst aus dem Herkunftsland seiner
Familie, der Slowakei, bezog, so geht er in seinem neuesten Film
der Frage nach, wo die Mitte Europas liegt.
Zwei Jahre Arbeit stecken in diesem Film, für den sich Mucha
mit seiner Kamerafrau Susanna Schüle in zahlreiche Länder
(z. B. Deutschland, Österreich, Litauen, Polen etc.) begab
und die Orte besuchte, die alle für sich beanspruchen, dass
allein sie die "wahre Mitte" Europas sind. Und so steht
Mucha im Laufe dieses Filmes vor unzähligen Denkmälern,
die entweder den geographischen Mittelpunkt, oder den ideellen markieren,
und auch in ihrer Form sehr unterschiedlich sind. Mal markiert ein
einfacher Stein den Mittelpunkt, mal ein riesiger Stern, mal befindet
sich der Mittelpunkt mitten auf einem Feld, mal am Rand einer Schnellstraße.
Mucha
schafft es in seinem Film geschickt, die Absurditäten dieser
Mittelpunkt-Diskussion auszuloten: Wenn ihm ein hessischer Kleingärtner,
der in seinem Garten umringt von Gartenzwergen steht, erklärt,
dies sei die Mitte Europas, oder ein einfacher Pfarrer in der Slowakei
ihm auf den Kirchturm seiner Kapelle führt und ihm versichert,
dies sei die Mitte Europas, hat das schon echten komödiantischen
Charakter.
Mucha geht es aber anscheinend um mehr, vor allem im zweiten Teil
des Filmes: Er will verdeutlichen, wie sehr die Bewohner der einzelnen
Mittelpunkte Europas schon in dessen Mitte angekommen sind, wie
sehr sie sich damit identifizieren. Kurz: wie die soziale Situation
der Leute mitten in Europa ist. Solange diese Frage noch einen Europabezug
hat, gelingt dies vortrefflich. So schafft es Mucha, einen Slowaken
in einen Dialog über ein Eurowahlplakat zu verwickeln, der
mehr über die Ängste und Mentalitäten der Menschen
ausdrückt, als man es hätte erwarten können.
Doch irgendwann überspannt Mucha den Bogen, und man kann einen
Zusammenhang zu seinem Hauptthema nicht mehr wirklich ausmachen.
Verkauft er mit einer Kioskbesitzerin in der Ukraine in deren Kiosk
Zeitungen oder beobachtet einen LKW-Fahrer, wie er seinen Reifen
wechselt, ist die Relevanz für die Zielsetzung des Filmes nicht
klar, und es scheint, als wolle Mucha mit der moralischen
Keule dem Zuschauer einbläuen: Seht her, anderen geht es noch
schlechter! Dass ihm aber dies im eigenen Film viel subtiler und
leiser gelang, etwa bei dem verzweifelten Versuch eines polnischen
Arbeiters in Litauen, polnisches Fernsehen mit einer improvisierten
Antenne zu empfangen, verliert er selbst aus den Augen.
Und noch etwas ist festzustellen: Dem allgemeinem Trend der letzten
Zeit, dass der Dokumentarfilmer selbst Objekt seines Filmes wird,
mit seinen Akteuren in einen Dialog vor der Kamera tritt, um diesen
ironisch zu unterlaufen, komödiantisch zu füttern und
sich selbst so zum Hauptdarsteller seines Filmes zu machen, unterliegt
auch Mucha. Wie Michael Moore drängt er immer in entscheidenden
Momenten ins Bild, verliert aber dadurch seine eigene anfängliche
Intention aus den Augen. Wenn Mucha sich bei einem Wunderheiler
in der Ukraine einer Behandlung unterzieht, und immer wenn der alte
Mann sich umdreht, ein Grinsen auf den Lippen hat, ist nicht deutlich,
was das dem Zuschauer über die Mitte Europas oder die Mentalität
der Einwohner sagen soll. So geht es Mucha im zweiten Teil seines
Filmes so wie den beiden Schweizern, die er auf der Suche nach der
Mitte Europas mit einem GPS-Gerät bewaffnet zeigt. Auch sie
stapfen ziellos durch den Wald.
Warum gibt es trotzdem eine Wertung von sieben Augen? Weil der
Film trotz dieser Schwächen die Zuschauer über seine Laufzeit
nie gänzlich langweilt und vor allem die erste Hälfte
des Filmes bestens unterhält. So relativiert sich der zweite
Teil und man kann dem Regisseur seine kleinen Schwächen verzeihen.
Aber für den nächsten Film sollte sich Stanislaw Mucha
schon entscheiden, worauf er hinaus will: Auf Satire oder auf Sozialkritik.
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