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Wie
kreiert man einen Dokumentarfilm über einen Menschen, der nichts
von sich preisgeben will außer dem, was er als seine philosophischen
Ansichten sieht? Wie geht man mit Jacques Derrida um, Hohepriester
der Literaturtheorie und Urvater des postmodernen Dekonstruktivismus,
der über die Welt meint, sie könne nicht lesbar gemacht
werden?
Man nehme zum Beispiel einen Dokumentarfilmer (Kirby Dick), der
sich mit kontroversen Filmen wie "Sick: The Life and Death
of Bob Flanagan, Supermasochist" einen Namen gemacht hat. Hinzu
füge man eine Literaturwissenschaftlerin (Amy Ziering Kofman),
die vom Werk Derridas seit ihrem sechzehnten Lebensjahr fasziniert
ist, und einen Oscar-prämierten Filmkomponisten (Ryuichi Sakamoto),
welcher schon Filmmusiken für Almodovár, Bertolucci
und Schlöndorff komponierte. Das Ergebnis ist ein postmodernes,
dekonstruktives Juwel.
Wer von diesem Film eine klare Biographie erwartet, wird enttäuscht
sein. Derrida selbst weigert sich, Geschichten zu "erzählen"
und somit erzählt auch dieser Film keine Geschichte, sondern
deutet zahlreiche an und folgt keinem klassischen Aufbau. Die Interviewfragen
wirken manchmal etwas oberflächlich und auch ein Spannungsbogen
ist nur selten erkennbar.
"Derrida" ist eine künstlerische Collage aus Talkshowfetzen,
privaten Interviews mit Derrida und seiner Familie, aus Vorlesungsausschnitten
und immer wieder aus Textpassagen aus seinen Werken, welche gelesen
werden, während er seinen privaten Angelegenheiten wie zum
Beispiel einem Friseurbesuch nachgeht. Die hypnotisierende Musik
und die Atmosphäre des Kinos an sich erzeugen
einen Effekt des Traumes, in dem sich Dinge vermischen, aber auch
die Wahrheit über sie wie durch einen Schleier durchscheint,
an dem an verschiedenen Stellen gezupft wird. Das Zentrale ist,
dass "Derrida" nicht Definitionen, sondern stattdessen
die Komplexität und Vielschichtigkeit der Person und des Denkens
Derridas darstellt.
Obwohl das Team jahrelang mit dem Theoretiker drehte, vertraut
Derrida dem Medium Film immer noch nicht. Stets weist er auf die
Unnatürlichkeit des Mediums hin und sagt an einer Stelle, er
würde normalerweise in Pyjamas und Bademantel zuhause den Tag
verbringen, doch habe er sich für den Film vernünftig
bekleidet. Zusätzlich werden dauernd Kameras, Mikrofone und
die Crew im Bildhintergrund gezeigt. Ein simples, aber probates
Mittel: Während der große Dekonstruktivist interviewt
wird, wird gleichzeitig das verwendete Medium in seiner Konstruiertheit
offen gelegt.
Der Film spielt allgemein gern mit postmodernen Elementen: Derrida
spricht an einer Stelle über Hände und Gestik. Während
er dazu gestikuliert, sieht man die Interviewerin, wie sie im Spiegel
seine Hände betrachtet. An anderer Stelle schaut sich Jacques
Derrida Teile des von ihm aufgenommenen Filmmaterials an und spricht
über seine Gefühle über diese Darstellung.
Auch
die komische Seite Derridas wird in diesem Film nicht verleugnet:
Von dem Versuch, seine Schwester in ihrem Kinderbettchen anzuzünden,
bis hin zu einem Interview in einer amerikanischen Talkshow, bei
dem er sich zur Ähnlichkeit seines Werkes mit der Serie "Seinfeld"
äußern soll, welche er überhaupt nicht kennt und
nur aussagt: "Dekonstruktivismus produziert keine Sitcoms"
reicht die Skala.
"Derrida" bietet die einzigartige Gelegenheit, dem großen
Theoretiker erstmals beim Denken "zu zusehen"; zum Beispiel
bei der Frage, welchen Philosophen er gerne als Mutter gehabt hätte.
Seine Antwort lautet nach langem schweigenden Nachdenken: "Jetzt
werde ich Ihnen erklären, warum ich diese Frage nicht beantworten
kann ...." Zusätzlich werden Derridas Vergangenheit als
diskriminierter Jude in Algerien, der Tod seiner Mutter und seine
Gegenwart im Privaten und in der Öffentlichkeit beleuchtet.
Ebenso wird die Außenwirkung Derridas thematisiert, als ihn
zum Beispiel eine Studentin fragt, ob es nicht ironisch ist, dass
er in Südafrika vor einem fast ausschließlich weißen
Publikum eine Vorlesung zum Thema der bedingungslosen Vergebung
hält, oder an anderer Stelle, als er sich mit einem öffentlich
aufgehängten Porträt von sich selbst auseinandersetzen
muss.
"Derrida" ist eine beachtliche filmische Leistung, weil
er seinem Subjekt auf ganz eigenwillige Art gerecht wird: Er hinterlässt
mehr Fragen als am Anfang des Films existierten. Und genau diese
Qualität macht "Derrida" wirklich zu einem Film über
einen Philosophen und die Philosophie an sich.
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