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Als Carey Mulligan, die faszinierende Hauptdarstellerin
von "An Education" ihren Freunden erklären sollte,
was für einen Film sie gerade dreht, entwickelte sich der folgende
Dialog:
"Oh, you're doing a Sixties Film?" - "No. It's not
Flower Power and stuff. It's before that."
"What happened before that?" - "Not much."
Genauso
sieht es aus, im trüben, sich auch 1962 noch immer in einer
Art Nachkriegsphase befindlichen London, in dem man von den Rock'n
Roll-Vergnügungen amerikanischer Teenager noch nicht viel mitbekommt
und in dem die einheitlich in Schuluniformen gekleideten jugendlichen
Damen von biederen Lehrerinnen auf höchst konservative Art
unterrichtet werden. Das Ziel lautet dabei auch für die sechzehnjährige
Jenny (Carey Mulligan) Oxford University und noch viel mehr als
sie selbst arbeitet ihr Vater (Alfred Molina) darauf hin und unterbindet
nach Möglichkeit jegliche Ablenkung seiner Tochter. Doch als
Jenny den deutlich älteren, aber unglaublich sympathischen
David (Peter Sarsgaard) kennenlernt, verschieben sich zusehends
die Prioritäten. Es ist nicht nur Davids äußere
Attraktivität, sondern auch das weltmännische Auftreten
und der elegante Lebensstil, dem die junge Frau rasch erliegt und
sich nur zu gerne in eine aufregende Welt aus stilvollen Abendessen,
elitären Kunstauktionen oder Ausflügen in die Stadt der
Liebe entführen lässt. Bei ihren Mitschülerinnen
ist Jenny mit diesen Erlebnissen bald der beneidete Mittelpunkt,
bei den Lehrerinnen sieht das jedoch anders aus und es hagelt Warnungen
und Ratschläge, doch bitte nicht für solch ein flüchtiges
Abenteuer den bisher angestrebten Lebensweg aufs Spiel zu setzen.
Doch Jenny hat längst ihren eigenen Kopf entwickelt, wird selbst
ihre Erfahrungen machen und dabei eine ganz besondere Erziehung
durchlaufen.
Was
sich hier in der reinen Inhaltsbeschreibung noch wie eine nicht
allzu außergewöhnliche "Coming of Age"-Geschichte
anhört, entpuppt sich im Detail als eine der interessantesten
aus diesem Bereich im Allgemeinen und als die vielleicht überzeugendste
im Hinblick auf eine weibliche Figur im Speziellen. Denn meist widmen
sich in diesem Genre ja doch immer nur langsam erwachsen gewordene
Männer ihren Alter Egos in Form noch längst nicht erwachsener
junger Männer. Das hat auch Nick Hornby erst einmal getan,
als er mit den Schilderungen extremer Fußballfans ("Fever
Pitch"), Plattensammler ("High
Fidelity") oder Gar-Nichts-Tuer ("About
a Boy") für hohes Identifikationspotential beim lesenden
Publikum sorgte. An dieser Stelle bietet sich vielleicht ein Vergleich
mit Kevin Smith an, der für amerikanische Kinofans eine ähnliche
Funktion erfüllte und sich mit Werken über verschrobene
Comicfans und Filmfreaks profilierte.
Dieser Vergleich wird vor allem dann interessant, wenn man beobachtet,
welch gegensätzliche Entwicklung diese beiden "Slacker"
nun aber genommen haben. Denn während sich bei Smith im Grunde
überhaupt keine nennenswerte Weiterentwicklung erkennen lässt,
er offensichtlich wirklich keine anderen als die immer gleichen
Themen und pubertären Witze im Köcher hat und deshalb
mit "Zack
& Miri make a Porno" zuletzt einen erschreckend schwachen
Film ablieferte, sieht das beim Literaten Nick Hornby völlig
anders aus. Der versuchte sich in "How to be good" erstmals
an einer weiblichen Protagonistin, widmete sich im vielschichtigen
"A long way down" einer bunt gemischten und sehr heterogenen
Gruppe inklusive interessanter weiblicher Personen und konzentrierte
sich in seinem aktuellen Werk "Juliet, Naked" erneut dann
auf eine weibliche Heldin. Diesen Weg geht er nun mit seinem Drehbuch
für "An Education" weiter, als zusätzliches
Element entwirft der Autor aber auch noch ein höchst detailliertes
Abbild einer vergangenen Epoche, die in Literatur und Film bisher
eher wenig hervorgetreten ist, da sie auf den ersten Blick sicher
nicht zu den Spektakulärsten gehört. Dass diese Darstellung
einer reichlich freudlosen, mit noch nicht allzu viel materiellem
Wohlstand gesegneten, zutiefst bürgerlichen Gesellschaft dabei
so akkurat und realistisch gelingt, ist dabei natürlich auch
ein Mitverdienst der dänischen Regisseurin Lone Scherfig, die
mit diesem Film eindrucksvoll untermauert, dass ihr in einem komplett
anderen Stil inszenierter Erfolg mit "Italienisch
für Anfänger" keine Eintagsfliege war.
Was dabei neben dem Einblick in eine Welt, in der Abweichungen
von der Regel noch einen Tabubruch darstellten und Reisen in andere
Länder noch ein Luxus für wenige Begüterte waren,
so beeindruckt, ist die absolute Glaubwürdigkeit der Haupt-
und Nebencharaktere, bei denen nirgendwo auch nur die Spur einer
Schwarzweiß-Zeichnung zu erkennen ist. Der zur Zeit der Dreharbeiten
bereits 22jährigen Carey Mulligan nimmt man mühelos das
erst 16jährige Mädchen ab, wozu zwar auch die brave Schuluniform
beiträgt,
vor allem aber doch ihr nuanciertes Spiel zwischen Neugier und Unsicherheit
auf der einen sowie Trotz und Entschlossenheit auf der anderen Seite.
Peter Sarsgard ist geradezu gezwungen, uns seinen David so charmant
und unwiderstehlich zu präsentieren, dass wir ihm nicht nur
die Eroberung der nur etwas mehr als halb so alten Frau zutrauen,
sondern auch über die von Anfang an unübersehbaren dunklen
Seiten seiner Figur lange Zeit genauso großzügig hinwegsehen
wie die unerfahrene Jenny. Als Wolf im Schafspelz sahen wir den
Schauspieler ja schon einmal im Thriller "Flightplan"
und auch hier bleibt er durchgehend undurchschaubar.
Dazu ausgefeilte Nebenfiguren wie die schnell als dummes und ungebildetes
Blondchen zu erkennende Helen von Rosamund Pike, die sich aber ihrer
Vorzüge und Defizite sehr wohl bewusst ist und sich erstaunlich
sicher auf dem Parkett der Eitelkeiten bewegt. Auch den zunächst
sehr eindimensional streng und unsensibel angelegten Vater lässt
Alfred Molina später auftauen und liefert eine feine Leistung
als den Manipulationen des redegewandten und raffinierten David
hoffnungslos ausgelieferten Durchschnittsbürgers. Hervorragend
auch Emma Thompson in einer kleinen Rolle als Rektorin, der es nicht
gelingt über ihren Schatten zu springen, und die von Olivia
Williams gespielte Klassenlehrerin, welche trotz zwischenzeitlicher
Demütigungen im richtigen Moment zur Stelle ist.
Anspielungen und Zitate, französische Musik und Ausflüge
in die hohe Kunst - auch diese kleinen Elemente sorgen für
großes Vergnügen und verstärken nur noch eine einzigartige
Atmosphäre aus Leichtigkeit und Lebenslust mit einem stets
spürbaren Hauch von Verrat und dem schließlich unvermeidbaren
Aufwachen aus einem schönen Traum. Das Ende dieser Erziehungsgeschichte
mit Lerneffekt ist dabei bittersüß und letztlich genauso
ambivalent wie die philosophischen Gedanken, die sich dabei über
die Frage ergeben, was für ein Leben man wählen sollte.
Diese hallen noch länger nach und das ist eben nur möglich,
wenn die Handlungen der Charaktere jederzeit glaubhaft und nachvollziehbar
bleiben. All dies macht den Film dann selbst zu einem eigenen kleinen
Kunstwerk, welches mit Oscarnominierungen für Carey Mulligan
und Nick Hornby belohnt wurde, über deren Berechtigung es nichts
zu diskutieren gibt.
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