Hollywood-Filme über Hollywood
sind so selten, wie sie gut sind. Mit jedem Streifen, der einen kritischen,
zynischen Blick hinter die glänzenden Fassaden der Traumstadt
wirft, kommt ein Schwung Anekdoten daher über Leute, die die
Produktion verdammten und verhindern wollten. Hollywood als Institution
ist abhängig von der Illusion immerwährender Glückseligkeit:
Wer es hier zu etwas bringt - so muss das breite Publikum neidvoll
glauben - lebt das Leben, von dem wir nur träumen können.
Dass auch Hollywood eine Kehrseite hat, wird systematisch verschwiegen
und unter den Teppich gekehrt, und so ist der Aufruhr bei Filmen wie
z.B. Robert Altmans "The Player" groß, der den Glamour
mit einer Hand hinweg fegt, während die andere bereits in kräftigen
Strichen die emotionslose Schacherei hinter den Kulissen aufdeckt.
Hollywood-Filme über Hollywood sind selten, weil es genug Mächte
in der Stadt der Träume gibt, die sie verhindern wollen, und
so gut, weil sie sich einer Welt annehmen, die in ihren verborgenen
Funktionsweisen noch faszinierender ist als ihre öffentlichkeitswirksame
Oberflächenpolitur.
Den Gipfel der Hollywood-Filme über Hollywood bildet unbestreitbar
"Sunset Boulevard" von Billy Wilder, einem der größten
und ganz sicher vielseitigsten Regisseure aller Zeiten, der Klassiker
oberster Kategorie in einem halben Dutzend grundverschiedener Genres
ablieferte. Veröffentlicht im Jahr 1950 kam "Sunset Boulevard"
einem nie da gewesenen Skandal gleich, denn Wilder wagte einen Blick
auf etwas, was die Großen von Hollywood aus guten Gründen
am liebsten tot geschwiegen hätten: Das Schicksal vergessener
Stars, von der Unterhaltungsmaschine benutzt, hochgejubelt, gemelkt,
ausgespuckt und verdrängt. Hollywood macht seine Stars nicht
nur reich und berühmt. Es macht sie auch kaputt - und manchmal
sogar wahnsinnig.
Der alternde Star in "Sunset Boulevard" heißt Norma
Desmond (Gloria Swanson). Zu Zeiten des Stummfilms eine der großen
Damen der Leinwand, verlor die Filmindustrie mit dem Beginn des Tonfilms
das Interesse an Norma und ihrem überdramatischen Spiel, und
vergessen von der realen Welt und abgeschottet in ihre eigene Illusion
ewigen Ruhms lebt Norma nun - allein mit ihrem Butler Max (Erich von
Stroheim) - in einem zerfallenden Anwesen am Rande Hollywoods. Den
erfolglosen Drehbuchautor Joe Gillis (William Holden) verschlägt
es nur ganz zufällig auf das verfallende Anwesen dieser vergessenen
Diva, und ähnlich zufällig bleibt er länger als geplant
- als Desmond von seinem Beruf erfährt, engagiert sie ihn für
die Überarbeitung ihres selbstverfassten Comeback-Skripts. Das
ist natürlich eine einzige Katastrophe, doch Gillis nimmt den
Auftrag an, um den erbarmungswürdigen Ex-Star um ein paar arg
benötigte Dollar zu erleichtern. Doch das Spiel dreht sich schnell
herum: Immer weiter lässt sich Gillis von der ebenso charismatischen
wie irrsinnigen Leinwandgröße in ihr bizarres, privates
Universum einspannen und wird schließlich zu ihrem Spielball
und Liebhaber - eine Rolle, aus der er sich kaum wieder befreien kann,
ohne eine Katastrophe herbei zu führen.
"Sunset
Boulevard" ist durchsetzt mit hochbrisanten Parallelen zur
Realität, die letztendlich entscheidenden Anteil an der Explosivität
des Stoffes hatten. So ist das Schicksal von Hauptdarstellerin Gloria
Swanson beinahe deckungsgleich mit dem der fiktiven Norma Desmond
- ein ehemaliger Stummfilmstar, der in der Ton-Ära kaum noch
Engagements erhielt und von Fans und Produzenten vergessen einer
großen Karriere nachtrauerte (als Norma Desmond an einer Stelle
den legendären Regisseur Cecil B. DeMille besucht, trifft damit
auch Gloria Swanson erneut auf den Inszenator ihrer größten
Triumphe). Umso erstaunlicher und bewundernswerter Swansons unglaubliche
Leistung in dieser Rolle, die wohl zu den schwierigsten Parts gehört,
die einem Darsteller je abverlangt wurden: Eine Schauspielerin spielt
eine Schauspielerin, für die die Grenzen zwischen Leben und
Vorstellung so stark verschwommen sind, dass all ihre Reaktionen
wiederum wie gespielt wirken, mit der besonderen überzeichneten
Theatralik des Stummfilms. Eine Rolle von extremer Vielschichtigkeit,
die Swanson mit grandioser Bravour meisterte - und so sich selbst
das Denkmal setzte, dass ihr die undankbare Hollywood-Maschinerie
verwährt hatte.
Fast noch brisanter jedoch war die Besetzung ihres Butlers und ehemaligen
Regisseurs Max von Mayerling mit dem deutschen Regisseur Erich von
Stroheim: Wie so viele seiner kreativen Kollegen in den 30ern vor
den Nazis nach Amerika geflüchtet, war Stroheim verantwortlich
für einige der größten Meilensteine der Stummfilm-Ära
- und bekam mit Einsetzen des Tonfilms keine Aufträge mehr.
Vergessen und ausgestoßen verdingte er sich über Jahrzehnte
als Darsteller klischeehafter Nazi-Rollen in niveaulosen B-Filmen
- eine nicht enden wollende Beleidigung für eines der größten
Talente seiner Zeit. Wenn Stroheim als Max sagt: "Damals gab
es drei Regisseure, denen man eine große Zukunft zutraute:
Cecil B. DeMille, D.W. Griffith - und mich", dann geht die
Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit vollends verloren -
denn die beiden Erstgenannten sind in der Tat in allen Filmgeschichtsbüchern
festgeschrieben als die Großmeister ihrer Ära, während
Stroheim als vergessenes Genie zusehen musste, wie andere den Ruhm
einkassierten. Aus seiner Vorstellung in "Sunset Boulevard"
spricht so viel Bitternis, so viel stille Verzweiflung, das es beizeiten
kaum zu ertragen ist.
Dieser Film tut weh, gerade weil er so grausam nah an der Realität
ist. Fast schon beiläufig wird eine Szene von Norma Desmonds
Bridge-Runde eingestreut, eine kleine Versammlung ehemaliger Stummfilmstars,
die Gillis verächtlich als "Wachsfiguren" bezeichnet.
Dass einer der dort Versammelten die Komödien-Legende Buster
Keaton ist, der in den jungen Jahren des Films quasi im Alleingang
den Grundstein der Situationskomik legte, verdeutlicht mit einem
kleinen Seitenhieb nochmals die erbarmungslose Härte, mit der
alte, verdiente Stars in die Nichtbeachtung abgeschoben werden.
Ein Antiserum gegen den schönen Glanz der Traumfabrik, wie
es wirksamer
kaum sein kann. Und gerade deshalb damals solch ein rotes Tuch für
System-Giganten wie den Studioboss Louis B. Mayer (von Metro-Goldwyn-Mayer),
der sich nach einer Preview des Films echauffierte, wie es sich
dieser Mr. Wilder erlauben kann, die Hand zu beißen, die ihn
füttert. Woraufhin der in der Nähe stehende Regisseur
antwortete: "Mr. Mayer, I'm Mr. Wilder, and you can go and
fuck yourself."
In einem weiteren Subplot greift Wilder ebenfalls die verlogene
Hollywood-Maschinerie an: In der Figur der Betty Schaefer - eine
ambitionierte Drehbuchlektorin, die mit Gillis' Hilfe ihr erstes
eigenes Skript verfassen will - bündelt Wilder den Idealismus
der wenigen Kreativen Hollywoods, die wirklich noch gute, besondere
Filme machen wollen. Gillis' lapidarer Kommentar "Ah, you're
one of those Message' kids" verdeutlicht die Desillusionierung
des alten Hasen, der schon lange verstanden hat, dass es so nicht
läuft. Verkaufen kann man nur die einfachen, konformistischen
Schema-Storys, und aufrechte, herzensgute Menschen wie Betty werden
in Hollywood doch nur ausgenutzt und kaputt gemacht. Schöne,
heile Scheinwelt.
Inhaltlich bereits eine Abrechnung bitterer Härte und Brillanz,
schwingt sich "Sunset Boulevard" schließlich in
seiner Gestaltung zu einem
wahren Geniestreich auf: Beginnend mit dem berühmten Tracking-Shot
zur Eröffnung, der am titelgebenden Straßenstein anfängt
und bei einer Leiche im Swimmingpool endet, erweist sich "Sunset
Boulevard" als minutiös durchkomponiertes Gesamtkunstwerk,
in dem die Gestaltung der Räumlichkeiten von Norma Desmonds
Anwesen und die Beleuchtung und Inszenierung von ihr selbst mindestens
ebenso viel zur Zeichnung der Geschichte beitragen wie die Story
selbst. Der latente bedrohliche Gothic-Look des gesamten Hauses
sorgt, kombiniert mit der geradezu vampirhaft erscheinenden Norma
(die quasi nicht nur bildlich gesprochen das Leben aus Holden aussaugt),
für ein stetes, leichtes Schaudern und weiß die bizarr-morbide
Stimmung des Casa Desmond umso spürbarer umzusetzen. Bis hin
zur wahrlich legendären Schlusseinstellung mit Norma Desmonds
Abschiedssatz "Mr. DeMille, I'm ready for my close-up",
der den Zuschauer in seiner kühlen Konsequenz ein letztes Mal
erschauern lässt.
"Sunset Boulevard" mag ein Zeugnis über die Unmenschlichkeit
des Hollywood-Systems sein, gleichzeitig ist es aber auch ein trauriges
Denkmal an die großen Zeiten der Traumfabrik. Filme wie dieser
werden heutzutage nicht mehr gemacht. Nicht nur, weil es sich keiner
mehr traut, sondern auch, weil niemand mehr weiß, wie es geht.
Oder, wie Norma Desmond selbst konstatiert, als Gillis bei ihrer
ersten Begegnung meint "You used to be in silent pictures.
You used to be big": "I *am* big. It's the *pictures*
that got small."
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