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Lieben und Lassen

Lieben und Lassen
tragikomödie , usa 2006
original
catch and release
regie
susannah grant
drehbuch
susannah grant
cast
jennifer garner,
timothy olyphant,
kevin smith,
juliette lewis,
sam jaeger, u.a.
spielzeit
112 Minuten
kinostart
26. April 2007
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

Als Drehbuch-Autorin ist Susannah Grant eine gemachte Frau: Nach substantieller Beteiligung an der TV-Teenie-Serie (und Star-Talentschmiede) "Party of Five" schrieb sie unter anderem das bezaubernde Drew Barrymore-als-Aschenputtel-Vehikel "Für immer und ewig", das Sandra Bullock-als-Alkoholikerin-Drama "28 Tage" und das Oscar-nominierte Skript zu "Erin Brockovich", das Julia Roberts die begehrte Goldstatue als Hauptdarstellerin einbrachte. Nun darf sich Grant auch erstmals als Kino-Regisseurin versuchen, und nachdem ihr letztes Drehbuch "In den Schuhen meiner Schwester" mit Cameron Diaz verfilmt wurde, reiht sich nun Jungstar Jennifer Garner in die Riege führender Hollywood-Damen, die mit einem Grant-Skript brillieren, ein.

Gray Wheeler heißt die junge Dame, die am Anfang von "Lieben und lassen" den Traum ihres bisherigen Lebens zu Grabe tragen muss - ihr Verlobter Grady ist kurz vor der geplanten Hochzeit (die Torte stand schon im Kühlschrank) bei einem Unfall tödlich verunglückt. Auf einmal ohne die Sicherheit der gemeinsamen Existenz dastehend, muss Gray aus ihrem teuren Mietshaus ausziehen und kommt vorerst in der WG von Gradys besten Kumpels unter, dem lustigen Dickerchen Sam (Indie-Ikone Kevin Smith quasi in seiner ersten richtigen Schauspiel-Rolle) und Gradys verantwortungsvollem Geschäftspartner Dennis (Sam Jaeger). Und noch ein Mitglied dieser alten Jungs-Clique ist dort momentan zu Gast: Frauenheld Fritz (Timothy Olyphant), der vor einigen Jahren nach Los Angeles umgesiedelt ist und nun seinen daheim gebliebenen Freunden und Gray durch die Trauerzeit helfen will. Was nicht so einfach ist, denn erstens hält Gray ziemlich wenig von dem notorischen Aufreißer, und zweitens kennt Fritz als einziger einige Geheimnisse des toten Grady, die Gray erst nach und nach aufzudecken beginnt.

Als ein Film über Trauer ist "Lieben und lassen" wirklich außergewöhnlich gut gelungen. Von den ersten Momenten auf der Beerdigung bis hin zu den unterschiedlichen Reaktionen und Verarbeitungsversuchen der Freunde fängt Grant mit hervorragender Beobachtungsgabe und viel Einfühlungsvermögen die verschiedenen Phasen der Trauerarbeit sehr realistisch ein. Dass der Film dabei nicht von Beginn an zu einer deprimierenden Tränen-Arie verkommt, ist den geschwinden, gewitzten Dialogen zu verdanken und vor allem dem Willen der Autorin/Regisseurin, hier eine romantische Komödie mit ernsten Untertönen machen zu wollen. So gibt es die ersten befreienden Lacher schon nach wenigen Minuten, als sich Gray vor den vielen Beileidsbekundigungen auf der Beerdigung im Badezimmer versteckt, und kurz darauf Fritz mit einer Kellnerin vom Partyservice reinplatzt, die er an Ort und Stelle vernascht.
Nicht nur in dieser Szene erweist sich Jennifer Garner als hervorragende Hauptdarstellerin, die nicht nur in der Lage ist, mit ihrer Ausstrahlung einen Film allein zu tragen, sondern auch das nötige Schauspiel-Talent hat, um das enorme emotionale Spektrum, das Gray in diesem Film durchläuft, glaubhaft und überzeugend zu transportieren. Zweiter Volltreffer und die eigentliche Entdeckung dieses Films ist Indie-Regisseur Kevin Smith: Dessen schauspielerische Tätigkeiten beschränkten sich bisher auf Kurzauftritte als schweigsame Hälfte des Dealer-Duos Jay & Silent Bob in seinen eigenen Filmen (wie "Dogma", "Clerks" oder "Chasing Amy"). Hier rockt Smith als wortgewandter Knuddelbär Sam in jeder Szene das Haus und kann sich dabei voll und ganz auf seine ureigene, entspannte Lockerheit verlassen. Auch wenn Smith hier zu guten Teilen eigentlich nur sich selbst spielt: "Lieben und lassen" beweist, dass er gute Chancen auf eine Zweit-Karriere als perfekte Besetzung für die Rolle des besten Kumpels in romantischen Komödien hat. Die besten Lacher des Films hat er jedenfalls beinahe komplett auf seiner Seite.
Eindeutig auch auf der Plusseite verbuchen kann man den Handlungsort des Films, das schöne Städtchen Boulder im US-Staat Colorado (statistisch die Stadt mit der höchsten Lebensqualität in den USA). Da diese in wunderbarer Natur direkt am Rande der Rocky Mountains liegt, kann auch "Lieben und lassen" mit einigen sehr hübschen Bildern und beschaulichen Settings aufwarten, die einen angenehmen, entspannten Kontrast zur sonstig üblichen Großstadt-Kulisse bieten.

An solch einem malerischen Ort angesiedelt ist auch der dramaturgische Mittelpunkt des Films, während eines gemeinsamen Angelausflugs der Protagonisten. An dieser zentralen Stelle beginnt auch das zentrale Problem des Films, dass er nämlich genau hier eigentlich schon vorbei ist. Was die Geschichte an Konflikten zwischen ihren Figuren bietet und zu welchen Lösungen sie sich letztlich durchringen, ist an dieser Stelle erzählt und ausreichend angedeutet - man weiß quasi in jeder Beziehung, wie es ausgehen wird. Alles, was am Ende dieser Szene und im Folgenden noch passiert, ist eigentlich nichts weiter als Hinauszögern des Endes, wirkt dementsprechend auch ein wenig bemüht und aufgesetzt und kann nicht mehr den einnehmenden Charme der ersten Stunde erreichen.
Das ist umso bedauerlicher, da es Susannah Grant durchaus gelungen ist, hier eine sehr schöne und erzählenswerte Geschichte zu etablieren, die zudem von sehr guten Dialogen und einfallsreich konstruierten Szenen lebt. Ihr Drehbuch ist für sich allein betrachtet hervorragendes Handwerk, aber man merkt eben gerade in der zweiten Hälfte, dass was auf dem Papier noch sehr gut aussah, auf der Leinwand nicht genug Dynamik entwickelt, um wirklich durchgehend zu tragen und zu fesseln.

So weigern sich der Film und damit auch seine Hauptfiguren für eine gute Stunde einzusehen, dass ihre Konflikte eigentlich schon gelöst sind und man somit ruhig zum Schluss kommen dürfte. Es geht zwar nicht soweit, dass "Lieben und lassen" tatsächlich anfängt, zu nerven oder zu langweilen, dafür sind Darsteller, Figuren und Dialoge zu gut. Begeistern kann er aber auch nicht mehr, und so schaukelt sich ein Film, der vielversprechend und erfrischend begann dann doch über einen viel zu langen Zeitraum auf sehr konventionelle Weise nach Hause. Schade um den guten Anfang.

Frank-Michael Helmke

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