Der eigentliche Krieg mag schnell vorbei gewesen sein,
aber der Irak ist heute weit davon entfernt zur Ruhe zu
kommen,
und bis die aktuellen Ereignisse in Form von Spielfilmen
aufgearbeitet
werden, wird sicher noch einige Zeit vergehen.
Überraschender
ist da schon eher die Tatsache, dass sich Hollywood mit
dem ersten
Golfkrieg unter einem Präsident Bush bisher nur wenig
beschäftigt
hat. Eigentlich gibt es mit "Three Kings" sogar nur einen
interessanten und
auch
gelungenen Beitrag zum Thema. Bis auf wenige Ausnahmen
scheint es
doch oft einige Jahre zu brauchen, bevor die Zeit für
Rückblick
und Reflexion gekommen ist. Diese Ausnahmen (zum Thema
Vietnamkrieg
hießen sie "The Deer Hunter" und "Apocalypse
Now") entfalten dafür aber meist auch eine deutlich
emotionalere Wucht und Wirkung als ihre oft analytischer
vorgehenden
Epigonen.
Für Anthony Swofford gilt dies nicht. Mehr als eine Dekade
ließ dieser sich Zeit, um schließlich ein Buch über
seine Erlebnisse als damals gerade zwanzigjähriger Rekrut
während
der "Operation Desert Storm" zu verfassen. Dieses ehrliche
und humorvolle Werk aus der Sicht eines Menschen, der
tatsächlich
selbst dabei war, wurde zu einem Überraschungs-Bestseller,
zu dem auch umgehend die Filmrechte verkauft werden
konnten.
Zweifel, ob die Qualität des Buches auch auf die Leinwand
gerettet
werden kann, sollten bei einem Blick auf die
Hauptverantwortlichen
des Films eigentlich gar nicht erst aufkommen. Denn alle
vier Hauptdarsteller
konnten in den letzten Jahren mit feinen Rollen auf sich
aufmerksam
machen und bürgen mittlerweile für ein sehr hohes Niveau
(wobei man Chris Cooper hier schon ein wenig hinten
anstellen muss,
da seine Rolle doch eher Gastspielcharakter hat). Dazu als
Regisseur
mit Sam Mendes ein Mann, der seine Stoffe mit sehr viel
Bedacht
auswählt und uns bisher mit zwei genauso hervorragenden
wie
grundverschiedenen Filmen beeindruckt hat. Ab sofort sind
es drei,
denn nach "American Beauty"
und "Road to Perdition"
überzeugt auch "Jarhead" in den allermeisten Punkten.
"Jarheads",
so nannte man sie und so nannten sie sich auch selbst, die
einfachen
Marines, die von ihren Befehlshabern mal hier und mal
dahin beordert
wurden und die meist nur wenig davon mitkriegten, was in
den Schaltzentralen
dieses Krieges gerade wieder neu entschieden wurde.
Anthony Swofford
(Jake Gyllenhaal) erkennt schon nach wenigen Tagen Drill
in guter
alter "Full Metal Jacket"-Manier, dass es vielleicht doch
keine so gute Idee war der Armee beizutreten. Seine
Motivation wird
aber etwas gesteigert, als man damit beginnt ihn zu einem
"Sniper"
auszubilden, einem der auf den perfekten Schuss
trainierten Scharfschützen.
Da Anthony das Glück beziehungsweise Pech hat, in einer
sehr
ereignisreichen Zeit bei den Marines einzusteigen, dauert
es nur
kurze Zeit bis seine Einheit als eine der allerersten in
die Saudi-Arabische
Wüste verlegt wird. Der Irak unter Saddam Hussein hat
gerade
Kuwait überfallen, und während die Entscheidungsträger
beraten was nun dagegen zu tun sei, bereitet Staff
Sergeant Stykes
(Jamie Foxx) seine Leute schon mal vor Ort auf den
Ernstfall vor.
Doch der lässt noch Monate auf sich warten, und die
Stimmung
bei den unter ständiger Anspannung stehenden Soldaten
verschlechtert
sich zusehends. Meistens gibt es Nichts zu tun, außer eher
sinnlosen Märschen und Übungen. Zum Ausgleich ärgert
man die Kameraden, lässt seine Aggressionen beim
Footballspielen
raus oder peitscht sich beim Walkürenritt aus dem schon
erwähnten
"Apocalypse Now" auf eine Art auf, die ein gewisser Herr
Coppola bestimmt nie beabsichtigt hatte. Die Sonne brennt,
und einer
nach dem anderen hält irgendwann einen Brief von der
Freundin
in der Hand, in dem sie um Verständnis dafür bittet, sich
nun doch einem anderen Kerl zugewandt zu haben.
Irgendetwas muss
passieren, sei es nun die Fahrt nach Hause oder endlich
der Ernstfall.
Aber
lange Zeit passiert eben nichts, und wer dem Film daher
ein "langweilig"
entgegenschleudert, hat grundsätzlich erstmal einfach
Recht
und darf das gerne tun. Als Kritikpunkt taugt es aber nur
bedingt
und auch nur für den, der sich auf einen "klassischen"
Kriegsfilm mit entsprechender Dramaturgie eingestellt hat.
Nein,
hier gerät die Einheit nicht ständig in Gefahr oder einen
Hinterhalt, wird nicht ergreifend der Kamerad gerettet
oder für
ihn gestorben. Wir erleben dagegen einen Haufen junger
Männer,
die von der gesamten Situation eigentlich völlig
überfordert
sind, denen keiner so richtig sagen kann was sie genau
dort sollen
und von denen jeder versucht, sich so gut es geht unter
Kontrolle
zu halten.
Und dies ist alles andere als langweilig anzusehen,
sondern dank
der ausgezeichneten Darsteller vielmehr eine sehr
spannende Sache.
Der bisher eher als leicht kauziger Typ eingesetzte Jake
Gyllenhaal
("Donnie
Darko",
"The
Day after Tomorrow")
zeigt hier eine völlig unerwartete physische Präsenz und
Dominanz. Ihm zur Seite steht Peter Sarsgaard als sein
Partner Allen,
dem es wie schon kürzlich in "Flightplan" gelingt,
ganz langsam von nett und unscheinbar auf potentiell immer
gefährlicher
zu wechseln. Denn wenn dieser Allen nicht wenigstens
einmal dazu
kommen wird, seinen "perfekten Schuss" setzen zu dürfen,
wird es wohl böse enden. Diese Wirkung erreicht Sarsgaard
vor
allem mit dem Einsatz seiner Stimme, und das ist nur ein
ganz pragmatisches
Argument dafür, sich diesen Film doch möglichst in der
Originalfassung anzusehen, auch wenn man dann vielleicht
nicht jeden
gebrüllten Satz und jeden coolen Spruch hundertprozentig
mitbekommt.
Denn vom Bemühen um Authentizität, vom "mittendrin"
sein unter oft chaotischen Bedingungen geht bei der
unnatürlichen
Übertragung in eine andere Sprache sonst zwangsläufig
Einiges verloren.
Die
beiden Jungschauspieler stehlen letztendlich sogar dem
inzwischen
zum Star aufgestiegenen Jamie Foxx die Show, an dessen
genauso schnodderigen
wie korrekten Drill-Sergeant es aber ebenfalls überhaupt
nichts
auszusetzen gibt. Nicht nur die Figur von Foxx sorgt auch
dafür,
dass "Jarhead" längst nicht so düster und ernsthaft
daherkommt, wie es nach den bisherigen Schilderungen
vielleicht
den Eindruck macht. Es gibt durchaus Einiges zu lachen mit
den Marines,
die ihren etwas derben Humor zum Frustabbau auch dringend
benötigen.
Etwas bitteren Zynismus bringen dann schließlich die
eingefügten
Kommentare des Erzählers Swofford ins Spiel, die mit
zeitlicher
Distanz auf das Erlebte zurückblicken. Wobei der etwas zu
oft
eingesetzte Off-Erzähler als Hilfsmittel auch hier wieder
eher
überflüssig ist, dient er doch letztendlich nur dazu,
dem Zuschauer noch einmal ganz klar zu machen, dass ein
Soldat auch
nach dem Krieg immer ein Soldat bleibt und die Waffe
zumindest mental
nie ganz aus der Hand geben kann. Nun ja …
Ob und wie stark "Jarhead" auf sein Publikum wirkt, hängt allerdings stark von dessen Bereitschaft ab, sich ins Geschehen einfach mitnehmen zu lassen. Wer sich von vornherein nicht ansatzweise mit diesen Leuten identifizieren kann, wird auch keine Mühe haben hier Distanz zu wahren und das Gezeigte als uninteressant und banal zu empfinden. Er wird von der Kamera, die den Protagonisten häufig direkt im Genick sitzt, vielleicht eher genervt sein und sich höchstens von den spektakulären Bildern der brennenden Ölfelder beeindrucken lassen. Wir haben es hier auch definitiv nicht mit einem Antikriegsfilm zu tun, den "Jarhead" bezieht politisch keinerlei Stellung und wird auch dafür mit Sicherheit von verschiedenen Seiten kritisiert werden. Aber Sam Mendes ist mit der werkgetreuen Adaption von Anthony Swoffords Vorlage auf jeden Fall ein interessanter neuer Ansatz gelungen: nämlich ein Film nicht über, sondern erzählt von Soldaten.

die erste halbe stunde is geil der rest nur was für die ton e
Hi, ich hab den Film noch nicht gesehen, bin aber nach Lesen der Kommentare sehr gespannt und werd ihn mir demnächst mal besorgen.
Danke übrigens, Mrs Dalloway und Sepp und andere, dass ihr angesichts dieser polemischen Tiraden hier an den gesunden Menschenverstand appelliert. Obwohl: ich muss sagen, dass ich die Reaktion auf Christophers Kritik und seine Repliken ja wirklich sehr amüsant und unterhaltsam fand :). Nein, ehrlich, das wird hier zum Teil echt zu persönlich und ich frag mich, ob hier eigentlich alles zugelassen wird (kann mich erinnern, gelesen zu haben, dass sich die Webmaster vorbehalten, Beiträge, die unter Niveau sind und der Diskussion nicht zuträglich, zu streichen. "Halt Dein Maul" z.B. würde da für mich dazugehören)? Ich finde auch, dass Christopher (immerhin nicht anonym und damit mutiger als andere hier) seine Kritik ausführlich begründet und das find ich besser, als einfach nur zu schreiben, "Film ist Scheiße" oder so was.
Das wollt ich nur schnell loswerden. Bin ansonsten schon gespannt darauf, welche der Eindrücke hier ich dann im Film wiederfinden werde.
Ich finde ein ordentlicher Film über die Probleme moderner Kriegsführung, möglicherweise zu modern für die Entscheidungsträger.
Die Soldaten werden total heiß auf das Töten gemacht, und dann durch endloses Warten auf einen Kampf der niemals kommt (da er wie auch sie selbst einfach überflüssig ist) zermürbt. Andererseits werden sie z.B. auf Kontakt mit Zivilisten in einem fremden Land nicht wirklich vorbereitet.
Dabei bleibt der Film aber recht neutral und ich würde ihn nicht als Propaganda-Film bezeichnen, weder für noch gegen den Krieg - was ich als klaren Pluspunkt sehe.
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