on „Before Sunrise“ bis „Boyhood“ haben der Regisseur Richard Linklater und Ethan Hawke einen Großteil ihrer Karriere gemeinsam bestritten. Und so besetzt Linklater seinen bevorzugten Hauptdarsteller nun auch in einer Rolle in der ihn wohl nicht jeder sofort gesehen hätte. Als den zu Lebzeiten durchaus prominenten Song- und Musicalautor Lorenz Hart, dem wir in seinem letzten Lebensjahr begegnen, als sein Hang zum Alkohol und seine Unzuverlässigkeit ihn bereits die Karriere gekostet haben. Untersetzt und mit viel Pomade die notdürftig die Halbglatze kaschiert, zeigt Hawke Mut zur Hässlichkeit und wirkt optisch sogar noch älter als es besagter Lorenz Hart zum Zeitpunkt der Handlung war. Abgesehen von diesen Äußerlichkeiten brilliert der Schauspieler aber vor allem mit dem gesamten Habitus den er seiner Figur verleiht, den Gesten, Blicken und geistreich-bösen Worten. Eine Performance die ihm dann auch völlig zu Recht dieses Jahr eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Die eigentliche Geschichte klingt erst einmal sehr trocken: Am Abend der Premiere des Musicals „Oklahoma“ im Jahr 1943 wartet Lorenz Hart in einer Promi-Bar auf gleich mehrere Gäste: Voller Vorfreude auf seinen aktuellen Schwarm, die junge Studentin Elisabeth (Margaret Qualley), bei der er sich unrealistischerweise echte Chancen ausrechnet. Und eher missgünstig auf seinen Ex-Partner Richard Rogers (Andrew Scott) , der gerade dabei ist mit seinem neuen Songschreiber-Partner Oscar Hammerstein einen größeren Erfolg zu feiern als er ihn mit Hart je hatte. Wobei dieser nicht müde wird den anderen Gästen auf genauso pointierte wie abfällige Art klar zu machen wie niveaulos und banal dieses „Oklahoma“ doch geraten sei. Allerdings gilt es gegenüber den entscheidenden Leuten dann doch lieber gute Miene und Stimmung zu machen, hofft Hart doch insgeheim auf eine zweite Chance. Ein Insider.Blick auf die Befindlichkeiten von ein paar Songschreibern und Schauspielern der 1940er Jahre, der sich nahezu komplett in nur einem Raum und in Echtzeit abspielt - das ist fürwahr kein Stoff mit dem man ein Massenpublikum erreicht (und schon gar kein junges). Es ist aber genau die Art von Beschäftigung mit der eigenen Branche die der Academy meist ziemlich gut gefällt, weshalb die Oscarnominierungen (neben der für Hawke auch noch die für das beste Originaldrehbuch) letztlich auch gar nicht so überraschend kamen.

Den Namen des Komponisten Duos Rogers & Hammerstein dürften dabei die ein wenig an Filmgeschichte auch schon mal gehört haben, zeichneten diese doch unter Anderem für Welterfolge wie „Thea Sound oft Music“ oder „Der König und Ich“ verantwortlich. Die dem voraus gegangene Arbeit von Rogers & Hart ist dagegen heute weit weniger präsent, obwohl Lorenz Hart mit dem hier titel gebenden „Blues Moon“ zumindest einen unvergänglichen Klassiker geschrieben hat (an der er hier mit typischem Künstlergehabe aber „bloß nicht erinnert werden will“). Es ist also fraglich ob sich außerhalb des gesetzteren Arthose-Publikums noch allzu viele Andere für dieses Thema interessieren werden, Wer sich eine Kinokarte kauft wird allerdings mit einer wohligen und sehr stimmigen Atmosphäre belohnt die das Eintauchen in eine vergangene, vermeintlich gemütlichere Ära ermöglicht – was natürlich vor allem angesichts des zu dieser Zeit stattfindenden Weltkriegs ebenfalls nur eine Illusion ist.

Wobei sich unter all die Witze und Anekdoten , die Musik und den Alkohol auch immer wieder ein Schleier von Bitternis legt, wenn sich Stück für Stück offenbart dass uns der vermeintliche Lebemann Hart nicht nur ein paar kleine Nebelkerzen auftischt sondern im Grunde eine einzige Lebenslüge darstellt. Die Szene in der er seinen unerreichbaren Schwarm dem ehemaligen Partner vorstellt, worauf sie umgehend mit diesem von Dannen zieht und Lorenz allein zurücklässt ist dabei wohl die am schmerzhaftesten anzusehende, vor allem wenn der Gedemütigte sofort wieder versucht seine Enttäuschung mit ein paar Sprüchen zu überspielen. Da geht ein Ethan Hawke dann wirklich in dieser für ihn so untypischen Rolle auf und verdient sich die allgemeine Anerkennung. Und so bietet „Blues Moron“ tolles Schauspieler-Kino mit herausragenden Dialogen – wobei es dem Vergnügen sicher nicht schadet sich auch ein bisschen im klassischen Musical auszukennen.
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