Ein mutiger Weg

Originaltitel
A mighty heart
Jahr
2007
Laufzeit
100 min
Genre
Release Date
Bewertung
7
7/10
von Patrick Wellinski / 22. Juni 2010

Neben dem ganzen Rummel um ihre Person, ihr Liebesleben und die Skandale rund um die Adoptionen vergisst man schon mal, dass Angelina Jolie auch schauspielern kann, und das auch nicht nur in heiteren Unterhaltungsfilmchen wie "Tomb Raider" und "Mr. und Mrs. Smith". Schließlich gewann Jolie 1999 für ihre Rolle in James Mangolds "Girl - Interrupted" den Oscar als beste Nebendarstellerin. Man gönnt es der Amerikanerin deshalb auch, dass sie nun vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit durch ihre Rolle im neuen Michael Winterbottom-Film "Ein mutiger Weg" ernten wird, als durch ihr Privatleben in den bunten Seiten der Klatsch- und Tratsch-Magazine der Welt.

Sie spielt die hochschwangere Mariane Pearl, die Frau des "Wall Street Journal"-Reporters Daniel Pearl, der am 23. Januar 2002 in einem Verschlag in den Außenbezirken der Stadt Karatschi in Pakistan entführt und höchstwahrscheinlich sechs Tage später enthauptet wurde. Das Video seiner Enthauptung ging um die Welt und schockierte die breite Öffentlichkeit. Winterbottoms Film basiert zu großen Teilen auf dem von der echten Mariane Pearl 2003 herausgegebenen Buch "Ein mutiges Herz: Leben und Tod des Journalisten Daniel Pearl". Dabei konzentriert sich der Brite vor allem auf die verzweifelte Suche Marianes und des Krisenstabes nach ihrem Mann. Sechs Tage lang völliges Tappen im Dunkeln, auf der Suche nach einem Funken Hoffnung.

Zu Beginn sehen wir Daniel (Dan Futterman), wie er sich von seiner Frau verabschiedet und noch zu einem Interview mit einem mysteriösen Scheich fährt. Ein letztes Telefonat mit Mariane dreht sich ums Essen, und dann werden sich die beiden nie wieder sehen oder hören. Zunächst ist da eine gewisse Unruhe in Mariane, als Daniel nicht nach Hause kommt, doch langsam steigert sich dieses mulmige Gefühl in Panik. Schnell wird die Pakistanische Polizei informiert und auch das FBI sitzt schon sehr bald mit am Tisch. Die Recherchen, die das Team rund um die Uhr anstellt, führen aber zu einem immer komplexer werdenden und scheinbar nie enden wollenden Netzwerk von Beziehungen und möglichen Verdächtigen.

Winterbottom verdeutlicht diese aussichtslose Atmosphäre, indem er die Tafel zeigt, an der Mariane immer wieder die aktuellen Verbindungen von Daniel mit seinen Kontaktmännern und allen möglichen Verdächtigen vermerkt. Aus einer anfangs noch klaren Struktur wird gegen Ende des Films ein wirres, nicht mehr zu durchblickendes Muster. Dies wäre sicherlich ein sehr eindrucksvolles Bild einer verzweifelten Lage, der alle Beteiligten ausgesetzt sind. Aber Winterbottom gibt seinen Kompositionen nie die nötige Zeit, um ihre volle Wirkung zu entfachen.
So wie in seinem letzten Film "Road to Guantanamo" zerstückelt Winterbottom sein Material, schneidet wilde kurze Sequenzen aneinander und erschafft damit ein Gefühl der Flüchtigkeit. Man muss sich auf diesen wilden Stil einlassen, um Winterbottoms Filme zu ertragen. Doch das Hauptproblem dieser Methode ist, dass auf diese Weise die Hauptpersonen, also in diesem Fall Angelina Jolies Verkörperung der schwangeren Ehefrau, kaum Wirkung erzielen können. Die digitale Handkamera ist immer sehr nahe dran an Gesichtern und Körpern. Dann kommen wieder die hektischen Schnitte und schon sind wir in einer Rückblende oder in einer Traumsequenz und dann wieder in Pakistan am Tisch des Krisenstabs.
Man wünscht sich oft, dass Winterbottom seine Kamera doch wenigstens einmal zurück nehmen würde und somit den Darstellern, allen voran Jolie, einmal den nötigen Platz zum Agieren und Wirken geben könnte. Das macht er aber nicht. Er scheint vielmehr durch diesen assoziativen Montagestil einen Eindruck des Rausches oder der Ohnmacht erzeugen zu wollen, um zu verdeutlichen, wie sich Menschen, die gerade einen Angehörigen in Gewalt einer Terrorgruppe haben, fühlen. Und das ist wiederum in der heutigen Zeit, wo kaum eine Woche vergeht, in der nicht wieder jemand im Irak oder in Afghanistan von Terroristen entführt wird, höchst aktuell.

"Ein mutiger Weg" ist aus den eben genannten Gründen eine sehr zwiespältige Angelegenheit geworden. Winterbottom spielt sich nicht mehr als großer Moralist mit gestrecktem Zeigefinger auf, was noch das Problem in "Road to Guantanamo" war. Der Regisseur scheint weiter seine aktuellen Themen aus den Nachwirkungen des 11. September zu ziehen, bleibt dabei aber nie in Amerika hängen, sondern arbeitet in den Problemherden wie Guantanamo Bay oder Pakistan. Hier sucht er konsequent nach Schuld und Wahrheit. Wer, wo, wann. Wer weiß wie viele Versuche er brauchen wird, um an den wahrhaftigen Kern der Umstände zu gelangen, wer weiß ob er überhaupt jemals dort hingelangen wird, ob nicht am Ende einfach ein verzweifelter Schrei stehen wird.
Am Ende von "Ein mutiger Weg" stehen jedenfalls zwei Schreie. Den einen stößt Mariane aus, als sie erfährt, dass Daniel nicht mehr lebt. Das ist markerschütternd, fürchterlich und jagt wohl jedem einen kalten Schauer über den Rücken. Jolie schreit, wie lange keiner mehr im Kino geschrien hat. Später, bei der Geburt, wieder ein Schrei. Diesmal ist es das Neugeborene und es ist erschreckend, wie sehr sich beide gleichen. Zwei Eindrücke, die deshalb bleiben, da der Regisseur hier gegen seine Gewohnheit verstoßen hat und den Szenen ihren nötigen Freiraum gab.


So sehr ich mich freue, dass Angelina Jolie endlich mal wieder ein vernünftiges Projekt bekommen hat und sie ihr schauspielerisches Können zeigen darf, so sehr hat mich diese ganze (reale) Geschichte mitgenommen und angewidert. Ich glaube nicht, dass ich diesen Film mit all dem Schmerz ertragen kann.

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7
7/10

ich habe den film ehr zufällig gesehen und war sehr überrascht.
der fast schon mit dokumentarfilm-charakter gedrehte film war sehr mitreisend. gute arbeit auch von frau jolie.

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