
Das könnte jedem passieren - könnte das jedem passieren?
So oder so ähnlich lautet die Kernaussage von "Girl, Interrupted",
der Verfilmung von Susanna Kaysens gleichnamigem autobiographischen
Roman. Kaysen erzählt von zwei Jahren, die sie in einer Nervenheilanstalt
zubringen mußte: Susanna macht als Teenager eine schwierige
Phase durch, landet schließlich bei einen halbherzigen Selbstmordversuch
und wird postwendend von ihren Eltern in die Klapsmühle gesteckt.
Gerade die noble Gesellschaft der späten 60er Jahre in Neuengland
duldet keine andersartigen Menschen.
Susannas
Symptome sind vage und wenig dramatisch, ebenso die Diagnose: Das
"Borderline-Syndrom" sei es, an dem sie leide. Konfrontiert
mit der neuartigen Umgebung und mit einigen wirklich "durchgeknallten"
Patienten, findet sie sich schließlich mit der Situation ab
- Freundschaften entstehen, das Sanatorium wird ein wenig zum vertrauten
Zuhause. Schließlich muß Susanna sich Gedanken machen,
wie sie wieder zum normalen Leben zurückfinden kann. Dafür
muß sie sich allerdings erst aus den Bindungen zu Mitpatientinnen
lösen, die auf ihre Art inspirierend wirken: Allen voran ist
Lisa zu nennen, eine knallharte Rebellin, die mit der Fassade des
Soziopathen die eigene Verletztheit zu verdecken sucht.
"Durchgeknallt" ist im Grunde weniger ein Film als ein Bild: Da die Vorlage, Kaysens tagebuchartiger Roman (in Deutschland unter dem Namen "Seelensprung" erschienen), ihre Stärken vor allem in der Schilderung des Krankenhauslebens hat, gilt dies auch für die Verfilmung. Handlung, Entwicklung, eine Pointe gar, sind nur spärlich gesät bzw. nicht vorhanden. Was bleibt, ist - wie im "Wizard of Oz" - die Geschichte eines Mädchens, das aus einer merkwürdigen Welt zurück nach Hause möchte und noch nicht ganz weiß, wie.
Winona
Ryder ist eine erstklassige Besetzung für die Figur der Susanna,
spielt sie derartig glaubwürdig, daß man meint, den irritierten
Teenager zu verstehen. Obwohl genau das natürlich nicht möglich
ist, den Susanna versteht sich ja selber kaum. Vielleicht ein Aspekt,
der diese unglaubliche Leistung möglich machte: Winona Ryder
hat vor einigen Jahren ganz ähnliche Erfahrungen gemacht, wie
die von ihr gespielte Figur. Sie ließ sich als 20jährige
selbst in ein Sanatorium einweisen, weil sie an Angstzuständen
litt. Wie dem auch sei - auf dezente Art und Weise bringt Winona
Ryder diesen Charakter rüber, braucht nicht viele Gesten und
Worte, sondern nur einen Blick aus diesen tiefschwarzen Augen. Ganz
anders Angelina Jolie ("Der Knochenjäger") als Lisa:
Zwar kommt sie eindrucksvoll daher und mit der Gewalt einer passablen
Naturkatastrophe, doch leider bleiben gerade bei ihr die leisen
Töne ein bißchen auf der Strecke. Jolie wirkt im Gegensatz
zu ihrer Kollegin immer ein bißchen penetrant, schade eigentlich.
Daß es auch anders geht, zeigen die jungen Nebendarstellerinnen in den Rollen der anderen Insassen im Frauentrakt. Elisabeth Moss glänzt als Sensibelchen mit einer Biographie, die genauso gräßlich ist wie ihr vernarbtes Gesicht, ebenso stark ist Clea DuVall als notorische Lügnerin Georgina. Und natürlich vor allem Brittany Murphy als Daisy mit den vergammelten Hühnern unter dem Bett: Volltreffer, ausnahmslos. Routinierte Profis wie Whoopi Goldberg und Vanessa Redgrave bleiben schmückendes Beiwerk.
Trotz
allem jedoch ist "Durchgeknallt" kein wirklich großer
Film. Denn obwohl er als Charakterstudie, als bedrückende und
zeitweise urkomische kleine Geschichte seine eigene Existenzberechtigung
hätte, spürt man eines ganz genau: Regisseur und Autor
James Mangold will wesentlich mehr. So muß der schöne
und irgendwo geheimnisvolle Stoff für so manche Parabel und
Gesellschaftskritik herhalten. Da wäre etwa die Natur von Susannas
Geisteszustand - was die Ursache ihrer Probleme waren, und ob sie
denn nun wirklich "durchgeknallt" ist, oder nicht, bleibt
im Dunkeln. Und warum auch nicht. Sehr stressig allerdings ist der
ständige Versuch, über diesen Kanal Sozialkritik zu transportieren.
"Verrückheit wird gemessen daran, wie sehr wir uns dem unterordnen, was die Gesellschaft von uns erwartet, wie sehr wir bereit sind, uns auf die Regeln einzulassen", äußert sich Regisseur Mangold mäßig originell zum Thema, löffelt eine schon allzuoft aufgewärmte Suppe und bezeugt damit seinen uninspirierten Umgang mit dem Stoff.
Schade eigentlich. Doch ansonsten ist "Durchgeknallt" ein gelungener, liebevoll gemachter Film, der sich viel Zeit läßt und von seinen großartigen Schauspielern lebt.
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