Und dann der Regen - También la lluvia

Originaltitel
También la lluvia
Jahr
2010
Laufzeit
103 min
Genre
Release Date
Bewertung
8
8/10
von Patrick Wellinski / 27. Dezember 2011

Letztes Jahr wollte Spanien mit diesem Streifen den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewinnen."Und dann der Regen" von Iciar Bollain wurde vollkommen zu Unrecht nicht einmal nominiert. Sebastian (Bernal) am Set seines Kolumbus-EposDabei hat er neben einem starken Drehbuch und einer Geschichte, die sich als Film im Film sehr oscarverdächtig präsentiert, sogar den in Hollywood etablierten Gael Garcia Bernal ("Babel", „Die Stadt der Blinden“) und damit ein gewisses Starpotential vor der Kamera zu bieten.

Bernal spielt den jungen Filmregisseur Sebastián, der in Bolivien ein Biopic über Christoph Kolumbus drehen will. Es soll ein monumentales Epos werden und ein Film, der die Kolonialisierung, Ausbeutung und Ermordung der indigenen Stämme Südamerikas anprangert. Doch gleichzeitig kämpfen die angeheuerten Statisten – hier vor allem der desperate Daniel (Juan Carlos Aduviri) – gegen die geplante Wassersteuer der lokalen Regierung der Cochabamba-Region. Ihr Protest gefährdet nicht nur die Dreharbeiten, sondern schon bald das Leben aller Beteiligter.

Die größte Stärke von „Und dann der Regen“ ist das kluge und vielschichtige Drehbuch von Ken Loach-Daniel am Set - Ausbeutung vor und hinter der KameraStammschreiber Paul Laverty, der schon lange zu den interessantesten Drehbuchautoren Europas gehört. Vor allem die erste Hälfte seines Skripts ist ein beachtenswert ambitionierter Versuch die (spät-)koloniale Ausbeutung der indigenen Stämme mit der des Apparates einer Filmproduktion in Verbindung zu bringen. So mutiert das Set zu einem kleinen Paralleluniversum, in dem die Statisten auch nichts weiter sind als billig unterworfene Arbeitskräfte. Der Film erzählt also sehr gescheit und spannend vom Eindringen der einen Welt in die andere, und verweist damit auf das Schicksal vieler - mittlerweile wieder in der Vergessenheit geratener – Statisten und Laiendarsteller, die die Kinogeschichte nicht unwesentlich mitgeprägt haben.

Nicht selten benahmen sich große Regisseure selbst wie Despoten und Kolonisatoren, haben das Leben vieler Mitarbeiter unvorsichtigerweise risikiert und Statisten ausgebeutet. Werner Herzog und Francis Ford Coppola würden das heute vielleicht nicht mehr zugeben wollen, aber auch sie haben unter ihren obsessiven Drängen, ihre filmische Vision unbedingt verwirklichen zu wollen ,zu hoch fragwürdigen Mitteln gegriffen.

Man kommt gar nicht umhin „Und dann der Regen“ genau unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Es stellen sich Fragen: Wo beginnt die Ausbeutung? Was darf solch eine Produktion und was nicht? Wer zieht die Grenze? Gerade die Gewissensbisse des Produzenten Costa (Luis Tosar) inszeniert Iciar Bollain als wesentlichen moralischen Ankerpunkt der Geschichte. Zunächst ist Costa der eiskalt kalkulierende Produzent, den eine solche Produktion braucht. Doch ist es paradoxerweise der rationale Geldbeschaffer, der dann als Erster den Ernst der Lage begreift und nicht mehr seiner beruflichen Rolle entsrpechend handelt – sondern als Mensch.

Carlos und Sebastian suchen nach passenden StatistenEine unvergleichlich kraftvolle Szene gibt es, wenn die Crew beim Bürgermeister eingeladen ist und draußen die Demonstranten beginnen zu randalieren (ein Krieg ums Trinkwasser, der auf wahren Begebenheiten beruht). Daraufhin wendet sich Sebastián an den Bürgermeister und fragt leicht naiv: "Ich will mich ja nicht einmischen. Aber wenn jemand zwei Dollar am Tag verdient, dann ist die Erhöhung der Wassersteuer um 300% doch nicht fair." Worauf der Bürgermeister süffisant antwortet: "Sind zwei Dollar nicht genau die Summe, die sie ihren Statisten zahlen?"

Man merkt, dass sich Laverty die Sache nicht leicht macht. Das Thema behandelt er mit großer Sorgfalt und sehr behutsam. Bis er dann in der zweiten Hälfte zu seinem gewohnten melodramatischen Ton wiederkehrt. Diesen lauten Ausbruch muss man dann auch mögen, sonst könnte einem "Und dann der Regen" nicht gefallen. Zum Glück inszeniert Regisseurin Bollain ihre Bilder sehr behutsam und zurückhaltend, so dass am Ende zwar immer noch der Humanismus gewinnt, dies passiert allerdings durch sehr nüchterne und nahezu pathosfreie Bilder. Hier also, am letzten Starttermin des ausklingenden Kinojahres, hat sich doch noch eine intelligent unterhaltende Filmperle versteckt, die es verdient hätte entdeckt zu werden.

Bilder: Copyright

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