Das Blaue vom Himmel

Jahr
2011
Laufzeit
99 min
Genre
Release Date
Bewertung
6
6/10
von Moritz Piehler / 18. Juli 2011

Hans Steinbichler hat mit "Das Blaue vom Himmel" ein historisches Familiendrama geschaffen, das familiäre und politische Geschichte anhand einer Mutter-Tochter Beziehung verknüpft. Die erfolgreiche Journalistin Sofia (Juliane Köhler) wird plötzlich mit der eigenen Familienvergangenheit konfrontiert, während sie dabei ist, über das aktuelle Geschehen der Wendejahre in Osteuropa zu berichten. Ihre Mutter Marga (Hannelore Elsner) wird mit einer akuten Demenz in die Psychiatrie eingeliefert, nachdem sie auf der Suche nach ihrem bereits verstorbenen Ehemann in ihr ehemaliges Haus eingebrochen ist. Sofia, die sich ihr Leben lang von der Mutter ungeliebt gefühlt hat, setzt sich nur auf Druck ihres Mannes Lorenz (Matthias Brandt) in Bewegung und findet die alte Frau verwirrt und in ihren Erinnerungen als junge Frau im Lettland der Vorkriegsjahre gefangen. Sofia begibt sich schließlich mit ihrer Mutter in das im Umbruch befindliche Lettland, um die Bruchstücke der Erinnerungen ihrer Mutter für sich selbst zu einem verständlichen Bild zusammen zu fügen.

Nachdem er in "Winterreise" vor drei Jahren schon Hanna Schygulla und Josef Bierbichler auf eine psychologische Tour de Force durch die Abgründe einer manisch-depressiven Erkrankung schickte, ist das Thema dieses Steinbichler-Films nun die Altersdemenz und mit Hannelore Elsner darf sich eine weitere Grande Dame des deutschen Films an einer Krankheit abarbeiten. Wie schon Bierbichler und Schygulla in "Winterreise" brilliert auch hier die Schauspielerin zunächst und lässt dann doch den schauspielerischen Ehrgeiz über die Glaubwürdigkeit ihrer Figur siegen. Ein etwas zurückhaltenderes Spiel hätte dem Film gut getan, so gleitet die Demente in ein etwas überspitztes Klischee ab, in dem sie immer unzusammenhängendere Kommentare von sich gibt.
Damit die Rolle etwas an Leichtigkeit gewinne seien diese Phrasen aus Liedern oder Sprichwörtern entnommen, sagt Steinbichler. Und das mag vom Umgang mit einer realen erkrankten Person nicht einmal weit hergeholt sein. Hier allerdings zerstört es zunehmend den Fluss des Films und scheint eher dem Selbstzweck zu dienen. Ähnliches kann über Niki Reisers Filmmusik gesagt werden, die in Steinbichlers Filmen stets ein prägendes Element darstellt. Zu viel Dramatik, die auch durch die Bilder alleine schon hätte produziert werden können und im zu aufdringlichen musikalischen Kitsch in Zuckerwatte gehüllt wird. Das hat teilweise eher Caroline Links ("Nirgendwo in Afrika") schwere Süße, mit der Reiser auch schon zusammen arbeitete. Steinbichlers eigene kraftvolle Bildsprache, umgesetzt wie fast immer mit der grandiosen Kamerafrau Bella Halben, wird von diesen musikalischen Übertreibungen ein wenig an die Wand gedrückt.

Abgesehen von diesen etwas überzeichneten Eigenschaften ist "Das Blaue vom Himmel" ein bewegendes Drama, das durchaus von der Klasse seiner Schauspieler getragen wird. Es ist auch ein irgendwie sehr typisch deutscher Film, der die Vergangenheit abarbeitet, immer im Zeitsprung zwischen der Wendezeit, in der die Rahmenhandlung spielt, und der lettischen Vorkriegsszenerie. Politik und Geschichte bilden hier nur Kulisse, auch begangene Verbrechen werden reduziert auf die Abgründe und Verzweiflungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Es ist ein wenig schade, dass die lettische Befreiungsgeschichte jener Umbruchzeit nur am Rande vorkommt, zumal sie wohl in der ursprünglichen Drehbuchfassung weit mehr Raum eingenommen hatte.
Steinbichler aber fokussiert auf die Geschichte seiner weiblichen Hauptpersonen und deren kompliziertes Verhältnis. Er selbst nennt den Film einen Frauenfilm und tatsächlich kommen Männer eher nebensächlich vor, auch wenn die Liebe zu Juris (Niklas Korth), Ehemann und Vater der Familie letztlich das leitende Motiv der Handlung ist. Juliane Köhler hält sich wacker neben Elsner und spielt die Wandlung der toughen Journalistin zur suchenden und aus der Bahn geworfenen Tochter mit viel Überzeugungskraft. Dass Karoline Herfurth eine der besten derzeitigen Schauspielerinnen ist, darf sie als junge Marga in den Wirren der Kriegszeiten und den Verwirrungen der eigenen Liebe in aller Verzweiflung unter Beweis stellen. In diesem Starensemble geht David Kross als junger lettischer Freund der Familie und heimlicher Bewunderer Margas etwas unter, selbst ein schauspielerisches Schwergewicht wie Fritzi Haberland taucht nur in einer Minigastrolle auf.

Die Liebe, die die handelnden Personen antreibt, ist wie oft bei Steinbichler kein hoffnungsvoller Zustand, sondern vielmehr dramatisch, schmerzhaft und letztlich sogar unheilvoll. "Ich bin die größte Liebende der Welt" lässt er die junge betrogene Ehefrau sagen, und es klingt nicht wie ein Versprechen, sondern wie eine Drohung.

Bilder: Copyright

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