Arktos

Land
Jahr
2005
Laufzeit
83 min
Cast
Release Date
Bewertung
6
6/10
von Margarete Prowe / 6. Januar 2011

"Arktos" ist eine Dokumentation der etwas anderen Art: Der Abenteurer Mike Horn umrundet darin den Polarkreis allein und unmotorisiert und filmt sich meist selbst. Es sind 26.452 km und 808 Tage von Norwegen nach Grönland, Kanada, Alaska, Russland und zurück nach Norwegen, während denen man ihm dabei zuschauen kann, wie er mutig, erschöpft oder von Erfrierungen im Gesicht gezeichnet ist und doch das Ziel nie aus den Augen verliert - zu überleben und zu seiner Frau und seinen zwei Töchtern zurückzukehren.
Es ist nicht die erste Reise, für die man ihn für verrückt halten kann: Schon 1997 ging er zu Fuß quer durch Südamerika vom Pazifik bis zur Quelle des Amazonas und fuhr von dort mit einem Boot 7000 km zum Atlantik. Diese kleine Reise dauerte sechs Monate. 1999 umrundete er daraufhin unmotorisiert und in 17 Monaten den Äquator ("Latitude Zero"-Tour). 
Auch seine bisher längste Tour, die in "Arktos" gezeigt wird, ist unmotorisiert, aber dafür von diversen Fortbewegungsmitteln geprägt: Mit dem Schlitten, einem Kajak, mit einem Drachen oder einem kleinen Segelschiff, aber auch mit dem Fahrrad und immer wieder auf Skiern folgt er dem Polarkreis. Probleme gibt es dennoch genug. Das Material verschleißt bei Temperaturen bis -70° Celsius schnell, seine Jacke ist auch einmal drei Monate gefroren, er kommt mit dem Boot nicht mehr weiter, sein Zelt brennt ab, weswegen er sich plötzlich ohne Jacke ein Iglu bauen muss, in dem er ausharrt, bis seine Logistikcrew ihm eine neue Ausstattung bringen kann: Die Innentemperatur beträgt tagelang kuschelige -30°. Später verweigert man ihm an der russischen Grenze auch noch die Einreise und will ihn zurück nach Alaska schicken.

Diese Strapazen unter härtesten Bedingungen sind durch die persönlichen Aufnahmen Horns eindringlich spürbar. Aus seiner Sicht Schnee, Eis, Sonne, Stürme und menschenleere Landschaften zu sehen, in die sich eigentlich kein Mensch wagt, ist überwältigend. Der Haken dabei ist jedoch, dass "Arktos" viel zu wenig Hintergrundinformationen liefert. Abgesehen von einer Grafik mit der Reiseroute am Polarkreis entlang, bleibt der Zuschauer mit lauter Fragen zurück. Was hält eigentlich Horns Frau von seiner Reise, die allein mit den Kindern zu Hause sitzt und nie sicher sein kann, ob er überlebt? Wie genau funktioniert die Logistik? Auch Fragen zum täglichen Leben auf der Tour werden leider ausgeklammert. 
Es mutet reichlich seltsam an, wenn Horn recht unpersönlich und emotionslos schildert, dass er jetzt kurz einige Tausend Kilometer latschen muss, weil er mit dem Boot nicht mehr weiterkommt, wie es eigentlich geplant war. Da die Reise von 808 Tagen hier auf 83 Minuten zusammen gekürzt wurde, ist es auch nicht verwunderlich, dass alles gleichzeitig wiederholend (dauernd wechselt er das Fortbewegungsmittel, kommt an oder fährt gerade irgendwo ab) und doch wie im Zeitraffer erscheint, weil Horn nur dann filmen kann, wenn er nicht zu erschöpft ist, und natürlich nicht in spannenden Gefahrensituationen filmen konnte, weil er sich gerade mit seinem eigenen Überleben beschäftigen musste. 
So ist es schade, dass man ihm als Zuschauer so nah und doch so fern ist. Gleichzeitig ist diese Reise natürlich ohne Sponsoren nicht durchführbar, weshalb besonders das Presseheft sehr viel Platz für die Nennung der Markennamen und Gegenstände aus Horns Ausrüstung verwendet. Auch die finale Szene der Rückkehr zu seiner Familie am Ausgangspunkt ist unangenehm medial ausgeschlachtet. Man sieht, wie er Frau und Kinder umarmt, doch Kameraleute und Fotografen versuchen sich fast schon dazwischenzudrängen.

Einen etwas bitteren Beigeschmack bekommt das Werk auch durch die Musik von Phil Collins (besonders "It's not too late"), die dieses harte Abenteuer leider eher weichspült als unterstützt. Hinzu kommt das absolut vor Pathos triefende Abschlussstatement "Ein großer Sieg für die Menschheit!", welches angesichts dessen, was man davor gesehen hat, ziemlich peinlich wirkt. So ist "Arktos" zwar empfehlenswert, man muss aber am Thema interessiert sein, um über manche Schwäche hinwegsehen zu können.
Dass sich der Abenteurer übrigens nicht auf seinen Lorbeeren ausruht, sah man nicht nur schon in der Vergangenheit, sondern beweist sich auch jetzt: Mike Horn ist wieder unterwegs: Seit Mitte Januar 2006 geht er tausend Kilometer bis zum Nordpol.

Bilder: Copyright

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