Damengambit

von Matthias Kastl / 28. Oktober 2020

Packend und cineastisch sind wohl die letzten Attribute, die man mit dem Schachspiel verbindet. Von Franz Beckenbauer einst legendär als "Klötzleschieber" gebrandmarkt, gelten die Protagonisten dieser Sportart nun nicht gerade als prädestiniert für großes TV-Entertainment. Ein Vorurteil, mit dem die siebenteilige amerikanische Netflix-Serie "Damengambit" aber wundervoll aufräumt. Dank einer grandiosen Hauptdarstellerin, atemberaubend schöner Settings und einer wundervollen Inszenierung wird das Spiel der Könige hier, bis auf ein paar kleinere Längen und Schwächen bei der Story, zu einem richtigen Genuss.

Einen denkbar schlechten Start legt aber erst einmal das Leben der jungen Beth Harmon (Isla Johnston) hin. Nach dem Tod ihrer Mutter landet das junge Mädchen in einem Waisenhaus. Als größter Lichtblick entpuppt sich dort der Hausmeister Mr. Shaibel (Bill Camp), der Beth in die Geheimnisse des Schachspiels einweist. Beth zeigt sich als erstaunlich lernfähige Schülerin – freilich unterstützt durch ihren etwas unkontrollierten Genuss von Aufputschmitteln.

Als Beth (nun gespielt von Anya Taylor-Joy, "Split", "X-Men: New Mutants") im Teenageralter dann von einem unglücklich verheirateten Ehepaar adoptiert wird, nutzt sie ihre neuen Freiheiten, um ihre Fähigkeiten bei einem örtlichen Schachturnier zu testen. Den fast ausschließlich männlichen Gegnern blüht dort schnell, dass sie gerade Zeugen eines neuen Sterns am Schachbretthimmel werden. Doch Beths Weg zum Ruhm ist lang und selbst die besten Aufputschmittel können dabei nicht jeden Stein erfolgreich aus dem Weg räumen.   

Es ist ja schon unglaublich, wie schön heutzutage viele Serien aussehen. Dabei muss man gar nicht auf solche großen Namen wie "Game of Thrones" verweisen, auch beim "Fußvolk" gibt es immer öfter optische Leckerbissen zu entdecken. Das Setdesign, mit dem die neue Netflix-Serie "Damengambit" aufwartet, gehört aber sicherlich zu dem schönsten der letzten Jahre. Noch nie haben die 60er Jahre in einer Serie so stylish ausgesehen – von Schach ganz zu schweigen. Die Serie mag ihre kleineren Schwächen haben, aber optisch ist sie ein unglaublicher Leckerbissen geworden.

Ob liebevoll dekoriertes Kinderzimmer oder luxuriöses Design-Hotel, wie "Damengambit" spätestens ab der zweiten Folge das Lebensgefühl der 60er Jahre in Bilder packt ist einfach ein Traum. Man kann sich gar nicht sattsehen an diesen Farben, dem Design und den Kostümen, die alle nicht nur Mittel zum Zweck sind, sondern einfach wundervoll das Lebensgefühl der Zeit und die Stimmung der Figuren auf den Punkt bringen. Hier haben sich ein Haufen cleverer Leute viele Gedanken gemacht und man spürt bei jeder einzelnen Einstellung, mit wieviel Hingabe hier versucht wird den Look einer ganzen Generation wiederauferstehen zu lassen.

Es kommt dann auch nicht von ungefähr, dass auch einer der schönsten dramaturgischen Kniffe ebenfalls ein optischer ist. Es ist ja immer schwierig, die inneren Gedanken von Figuren auf den Bildschirm zu bannen. Wenn Beth im Kopf unterschiedliche Zugkombinationen durchgeht, dann projiziert sie dafür ein virtuelles Schachbrett an die Decke. Wie die Schachfiguren bedrohlich über Beth schweben wird dann auch immer wieder für clevere Symbolik genutzt und führt zu einigen der intensivsten Momenten der Serie.

All das ist wundervoll leichtfüßig und mit viel Feingefühl inszeniert. Oft gleitet die Kamera elegant durch die unterschiedlichen Settings und lässt diese dadurch nur noch umso stylischer wirken. Auch die Computeranimationen sind schön integriert und verleihen zum Beispiel dem Las Vegas oder Mexico City der 1960er eine Art traumhafte Aura.

Im Zentrum dieser Aura steht die alles überstrahlende Hauptfigur. Zusammen mit Beth tauchen wir nicht nur in die Welt der 1960er, sondern vor allem auch in die des Schachsports ein. Dabei nehmen uns die Macher eng an die Hand und ein großer Reiz der Serie besteht dann auch darin, wie die Zuschauer zusammen mit Beth die Gepflogenheiten des professionellen Schachsports entdecken. Dabei wird sich durchaus um Realismus bemüht, auch wenn viele Partien mit einem deutlich höheren Zugtempo ausgestattet werden als man es bei einem echten Turnier erleben würde. Aber auch hier merkt man die Liebe fürs Detail und es macht einfach Spaß, Stück für Stück in diese Welt der Eröffnungen und Schlagabtäusche einzutauchen.  

Kombiniert wird das Ganze mit einer kleinen Portion Coming-of-Age-Geschichte, inklusive einer engen Frauenfreundschaft zwischen Beth und ihrer Adoptivmutter. Hier kann die Story nicht immer ganz überzeugen. Zwar gibt es einige sehr schöne Momente und das ruhige Erzähltempo gibt den Figuren viel Luft zum Atmen, aber manche Abschnitte sind hier einfach etwas zu oberflächlich umgesetzt – wie zum Beispiel das Mobbing von Beth an ihrer Schule. Auch die Story zwischen der Adoptivmutter und Beth tritt manchmal ein bisschen zu lang auf der Stelle. Überhaupt zieht sich der Mittelteil der Serie ein klein wenig, da Beth auch nicht wirklich vor richtig große Herausforderungen gestellt wird. Was angesichts ihres durchaus komplexen Charakters etwas schade ist. Gerade in der Männerdomäne Schachsport geht man doch schon ungewöhnlich freundschaftlich mit ihr um. Ihr Alleinstellungsmerkmal, eine Frau unter Männern, sorgt höchstens am Anfang für die eine oder andere kleine Anpassungsschwierigkeit.

Das alles ist aber nur halb so schlimm. Denn selbst wenn die Handlung einmal im Leerlauf ist, kann Anya Taylor-Joy ohne Mühe die Aufmerksamkeit des Publikums halten. Ihre Figur schwankt auf faszinierende Weise zwischen Schüchternheit und Selbstzerstörung, innerer Unsicherheit und fanatischem Siegeswillen. Taylor-Joy schafft es grandios diese Komplexität auf den Bildschirm zu bringen, so dass man ihr gefühlt stundenlang bei allem zuschauen möchte – ob intensives Schachspiel oder grundbanales Shopping. George Miller hat die junge Dame übrigens bereits für die Hauptrolle in seinem "Mad-Max"-Spinoff "Furiosa" auserwählt – da darf man sich jetzt schon drauf freuen.

Ein klein wenig ist es trotzdem schade, dass man dieser Figur nicht größere Hürden in den Weg stellt – so hat deren Komplexität auf die eigentliche Handlung nur bedingt Auswirkungen. Im Laufe der Zeit fokussiert sich die Serie dann auch weniger auf die innere Zerrissenheit der Figur als viel mehr auf deren großen Traum vom Sieg gegen den Russen Borgov, und gutes Entertainment. So nutzt die Serie auch nicht die Chance, der Story rund um Beth noch eine politische Botschaft gegen die Unterdrückung von Frauen zu verpassen. Im Gegenteil, am Ende braucht Beth dann doch wieder Unterstützung von ihrer großen männlichen Liebe, was ein wenig enttäuschend ist angesichts dieses so faszinierenden Charakters.  

Aber auch pures Spektakel ist ja eine schöne Sache und "Damengambit" liefert ein grandioses und emotional unglaublich befriedigendes Finale. Hier kommen alle Puzzleteile zusammen und münden in einem dramaturgisch exzellent aufbereiteten Showdown. So wird "Damengambit" zum Pflichtprogramm für Serienfans dieses Jahr, denn trotz kleiner Schwächen wird hier aus dem Spiel der Könige einfach faszinierende Unterhaltung. Schachmatt, lieber Franz Beckenbauer.

Bilder: Copyright

<i>So nutzt die Serie auch nicht die Chance, der Story rund um Beth noch eine politische Botschaft gegen die Unterdrückung von Frauen zu verpassen.</i>

Genau diese Art von Agenda-Schwachsinn würde diese Geschichte zunichte machen. Einfach mal Fünf grade sein lassen und nicht jedem Trend hinterher rennen. Siehe Disney und ihre grandiose jüngste Trilogie.

Ansonsten, die Serie ist über jeden Zweifel erhaben und besser konnte man da nix machen.

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